Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 10 (Teil 6)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Ich gestehe: Ich war eine Strandhaubitze; zumindest war ich voll wie eine große.

„Ja, ich war voll. Ich war jämmerlich voll!“

Ein naives Steilfeuergeschütz aus deutschen Landen, das an jenem Abend in Schloss Bran nicht mit Sand oder Wasser, aber mit „Pastiche“ derart widerlich abgefüllt worden war, dass all meine Mündungen – selbst vier Wochen später – noch nach eingehender Wartung und Pflege riefen.

Meine Erinnerungen an diese Zeit streifen zuallererst mich: eine ramponierte Erscheinung! Und dann streifen sie den Beginn des neuen Tages.

Lassen Sie sich überraschen…

Einschub 6 (eine verdammt kurze Nacht nach Einschub 5)
Es ist sieben Uhr in der Früh. Die Wanduhr schlägt sich noch zu Tode; in meinem Kopf alles kurz und klein. Jeder donnernde Ton aus dem hölzernen Ungetüm nagelt mir eine Gitanes Maïs nach der anderen durch den Gehörgang direkt in die Lunge. Ich liege auf dem Rücken, meine Ohren sind im Schlafsack vergraben, alle Viere von mir gestreckt. Ich bin leblos.

„Ich bin klinisch tot.“

Grauenvolles Rumoren und Brennen haben sich meines Körpers bemächtigt. Ein schüchternes Vorkammerflimmern könnte auch dabei sein. Die vergangene Nacht dröhnt wie ein Bewusstseinsinfarkt der Stufe 3 in mir; ein Filmriss der Marke „Erinnerungsgemetzel“. Von unten höre ich Scheppern, Hämmern und Krachen. Es muss ein Hufschmied im Hotel sein.

„Vielleicht werden Nanette und Babette beschlagen.“

Mit dem ersten Versuch meinen Kopf anzuheben, wird mir klar, was mir die letztgenannte Logik aus Einschub Nummer 5 verschwiegen hat: Ich habe den „Kater des Todes“ in mir. Seine furiose Allgegenwart massiert mir den empfindlichen Haaransatz.

„Mit Chili-Körnern.“

Das monströse Katzenvieh haucht jedem Quadratmillimeter meiner Innereien ein renitentes Eigenleben ein.

„Diesem Kater muss ich einen Namen geben.“

Ich: „Was hältst du von Bruno?“
Ich:
„Hört sich hinreichend brutal an.“
Ich:
„Also, Bruno, unser neuer Untermieter.“
Ich: 
„Für wen ist er eingezogen?“
Ich: „Für zwei der vier apokalyptischen Darmreiter: Pastiche und Ail!“
Ich:
„Und wer sind neben dem Gesöff und dem Knoblauch die anderen beiden?“
Ich:
„Rate mal.“
Ich:
„Gitanes und Caille?“
Ich:
„Das reimt sich sogar.“
Ich:
„Und warum nur für zwei?“
Ich:
„Die anderen entfalten gerade noch ihre volle Wirkung.“
Ich:
„Haben die Macheten dabei?“
Ich: „Die Extrascharfen.“
Ich: „Ich habe das Gefühl, dass es uns gleich zerreißt.“
Ich: „Vier
Geschwister, die miteinander durch dick und dünn gehen.“
Ich:
„Wundervoll. Ein Darm-Wortspiel.“
Ich:
„Das aber erst dann so richtig an Klasse gewinnt, wenn…“
Ich: „Ich bin gespannt.“
Ich: „…man die Wachteln am Ende noch fliegen lassen kann.

Ich: „Jetzt reicht es aber!“

Bruno drückt mir so übermächtig meinen Kopf in den Schlafsack, dass ich befürchte, ihn gleich im Erdgeschoss wiederzufinden. Ich muss mit meinen Händen ertasten, ob ich noch in der beschämenden Montur der letzten Nacht bin. Erleichterung.

„Charles hat mich Gott sei Dank nicht ausgezogen.

Eine Frage:
Hatten Sie, liebe Leserinnen und Leser, jemals die Chance, einige Tage Ihres Lebens mit dem „Kater des Todes“ unter einem Dach zu wohnen?

„Sicher!

Ich denke, dass jeder Erwachsene eine ganz private Idee davon haben dürfte, von welch abscheulichem Gepräge dieses Katzenvieh ist.

„Eine Wohltat oder eine Augenweide ist sie in keinem Fall.

Die Bekanntschaft mit Bruno hätte ich gerne vermieden. Dieses allzu vertraute Stelldichein, das ich nun mit jeder Faser, physisch und psychisch, bereue. Diesen One-Night-Stand – intim, tabulos, dreckig, für den ich mich nun so herzlich abgrundtief hassen kann.

Die Königsdisziplin ist, wenn man die Bereitschaft in sich spürt, seinem Kater einen Namen zu geben. Ich habe meinen Kater auf diesem Bett getauft.

Ich: „Bruno?“

Bruno (rülpst): „Was ist?

Ich: „Stopp!“
Ich: „Warum?“
Ich: „Keine Gespräche mit Bruno?“
Ich: „Warum nicht?“
Ich: „Er ist ein Kater.“

Bruno: „Aber ich kann euch hören.“

Ich: „Das Mistvieh soll verschwinden.“
Ich: „Jetzt sei doch nicht so.“
Ich: „Spürst du die Schmerzen, die er uns zufügt?“

Bruno: „Aber ihr habt mich doch eingeladen.“

Ich: „Einen Scheiß haben wir.“
Ich: „Irgendwie schon.“

Bruno: „Mit Pastiche und den anderen.

Ich: „Hau ab!“
Ich: „So einfach wird es wohl nicht werden.“
Ich: „Der quält uns.“
Ich: „Ich weiß.“
Ich: „Dreiviertel zu Tode.“
Ich: „Wir sind doch selbst schuld.“

Bruno: „Eben!“

Ich: „Ruhe!“
Ich: „Schrei nicht so!“
Ich: „Ich habe ein großes Bedürfnis nach Stille. Nach Gleichgewicht. Nach Schweigen.“

Bruno: „Du willst uns den Mund verbieten?“

Ich: „Dir auf jeden Fall.“

Pause.

Bruno ist gar kein Kater; er ist ein Schwein. Er ist Alkoholiker, starker Raucher, liebt Knoblauch und ist am liebsten ein ungebetener Gast. Er stinkt wie eine Kellerspelunke nach einem Hochwasser in der Kanalisation. Der schimmlige Lappen, den Bruno mir mit einem Lächeln reicht, um die vergammelte Absteige zu säubern, ist gespickt mit den winzigen Knochen der bedauernswerten Wachteln.

Bruno ist ein Dreckschwein und zudem leidet er an Grauem Star. Die Welt um mich ist bis an die Grenze zur Blindheit verschwommen. Ich höre die Wanduhr, doch ich kann sie nicht sehen.

Bruno ist ein eingesalzenes, ausgemachtes Dreckschwein. Sein Herzschlag ist mein pochend-heißer Kopfschmerz. Seine Bewegungen verursachen mir veritable Darmbeben, die mir meinen heruntergekommenen Zustand mit einer satten Übelkeit untermalen.

Das Aufstehen ist damit ein „Kampf der Giganten“:
Bruno zusammen mit meinem inneren Schweinehund* gegen meinen Harndrang**!

*Anmerkung:
Meinen Schweinehund habe ich vor einigen Monaten wegen Gisela, meine Geschichtslehrerin aus der Abiturklasse, einer Geschlechtsoperation unterzogen. Eine wohl bedachte Geste zeitgemäßer Emanzipation. Fair und angesagt. Deswegen habe ich jetzt eine „Schweinehündin“. Eine Schweinehündin namens Persephone; Giselas zweiter Vorname. Wahrscheinlich waren Giselas Eltern mit Mama und Papa von Nanette und Babette verwandt.

So viel an Selbstaufgabe heranreichenden – Humor findet man gerade bei Namensgebungen auffallend häufig; zielsicher in familiären Umfeldern – mit einem Hang zu Adipositas als eine erbliche Laune der Natur, ein Versehen in Gottes Schöpfung oder als Ausdruck bildungsferner Freuden – unauslöschlich im Familienstammbaum eingetragen. Ob meine damalige Lehrerin auch eine verspätete Gattin des Königs der Unterwelt, des scheußlichen Hades, gewesen sein könnte, entzieht sich meiner Kenntnis; meine Vorstellungskraft indes gibt mir Anlass, daran zu glauben.

Festzustellen bleibt, dass alles, was mit Gisela und ihrem Historien-Dunstkreis zu tun hatte, dickflüssige Zeitlupe war – in Reinstform. Bis zum Stillstand. Lähmend. Das Zuhören eine Überwindung. Das Folgen eine Schinderei. Das Verstehen eine Utopie.

Den inneren Schweinehund in diesen Unterrichtseinheiten zu überwinden und die Zeit nicht mit Schlafen totzuschlagen, bedeutete immer, Gisela zu überwinden. Was lag also näher, als die beiden zu kreuzen. Um es nicht zu auffällig werden zu lassen, habe ich ihren zweiten Vornamen für die Taufe gewählt und jetzt ist Persephone, die Schweinehündin, meine ständige und gestrenge Begleiterin. Allgewaltig und allgegenwärtig.

„Und – sind wir doch mal ehrlich: Wenn etwas Macht über Männer hat, dann ist es doch wohl eher weiblich.“

Nach meiner Erfahrung hilft es, den gräulichsten Unbilden des Inneren, einen Namen zu geben. Es wird um einiges leichter, mit ihnen umzugehen. Eine Verbindung mit ihnen wird möglich. Und Schuld oder Verantwortung bekommen eine namentliche Heimat.

**Anmerkung:
Mein Harndrang ist üppig gefüllt mit allem, was man unter dem Dach von Schloss Bran für die vergangene Nacht gebraut hat. Im Braukeller für Ekliges! In der hoch prozentig geschwängerten Hotel-Hölle. Mit einem Geheimgang nach „Weiß-der-Teufel-wo!“, wo die kleinen Helfershelfer der Alkoholsucht mit ihren weißlichen Fingernägeln in den fauligen Sekreten von Anis und Fenchelsamen herumkratzen.

Bruno und Persephone gegen die drohenden Folgen eines unnatürlichen Blasensprungs. Ein ungleiches Gefecht.

„Dann nässe ich mich eben ein. Was soll’s!“

Doch dann höre ich einen Ruf. Der Harndrang bekommt einen Gefährten.

Nanette: „Petit déjeuneeeeeer!“

Mein Pflichtgefühl, Nanette und die anderen jetzt nicht zu enttäuschen, ringt Bruno und Persephone mit einem Hirnschwung nieder. Aus den Untiefen der französischen Liegestatt – ohne eine einzige noch intakte Feder in der Matratze – zu klettern, ist mein morgendliches Meisterstück: gegen das fulminante Dröhnen Brunos und gegen das einfältige Liedchen Persephones, auf die ganze Welt doch einfach einen großen Haufen zu setzen und starrköpfig liegenzubleiben.

Endlich in der Senkrechten zittere ich am ganzen Leib wie das berühmte Espenlaub. Warum es diese Metapher gibt, wissen wir nicht, aber dass Judas sich an einer Espe erhängt haben soll, macht mir ein bisschen Angst. Besonders als ich der inneren Überfüllung die ersehnte Freiheit schenke. Es ist, als würde ich glühend heiße Lava in das bräunliche Becken vor mir gießen. Die Erleichterung ist zwar ohnegleichen, aber das Brennen kommt einer Reinigung meiner Harnröhre mit Essigessenz gleich.

„Haben wir etwas in der Camper-Apotheke?

Ernüchternd: Hier gibt es Pflaster, eine Mullbinde, Wundheilsalbe (leider nicht zur inneren Anwendung!), Kohletabletten und ein paar Tabletten, deren Aufschrift ich wegen Brunos Grauem Star nicht entziffern kann.

„Das müssen die Kopfschmerztabletten sein.

Ich: „Bist du sicher?“
Ich: „Was denn sonst?“
Ich: „Und wenn es das Abführmittel ist?“
Ich: „Sei kein Mädchen.
Ich: „Das könnte in die Hose gehen.“
Ich: „Deine Wortspiele gehen mir langsam auf den Senkel.“
Ich: „Vorsicht ist die Mutter…
Ich: „Ich will es nicht wissen.
Ich: „Ich meine ja nur.
Ich: „Drei Stück!
Ich: „Spinnst du?“
Ich: „Aber ohne das rötliche Wasser.“

In meinem wunden Schlund fühlen die Tabletten sich an, als hätten sie 1000 Widerhaken. Noch ein letzter Blick in den angelaufenen Spiegel: zum Fürchten! Ein Schlachtfeld! Bruno hat ganze Arbeit geleistet.

Ich: „Sollten wir nicht noch duschen?“
Ich: „Dafür ist jetzt keine Zeit mehr.
Ich: „Aber wir stinken sicher aus allen Poren.“

Ich stecke meine Nase zur Überprüfung unter die rechte Achsel. Mein Geruchsinn ist mittelempört: 2 Tage und 2,5 Nächte haben ein mehr als pikantes Aroma hinterlassen. Gut vermischt mit den saftigen Ausdünstungen ungehemmten Knoblauchverzehrs, dem rauchigen Bouquet von Gitanes Maïs, der rassigen Würze von eingetrocknetem Pastiche und den temperamentvollen Aromen meiner kleintierbefallenen Bettstatt, wird aus dem Ganzen – zugegebenermaßen – ein gänzlich hemmungsloses Odeur.

Ich: „Für die Weiterfahrt sollte es aber noch gehen.“
Ich: „Du hast Recht!
Ich: „Es ist noch nicht zu männlich.“
Ich: „Geht noch!“

Die Küche befindet sich unten an der Treppe rechts. Geradeaus war das große Fressen der kleinen Wachteln. Vom kolossalen Besäufnis ganz zu schweigen. Die Tür ist offen. Eine Hotelküche. Enorm: Vier Kochstellen mit je vier Gasflammen in der Mitte. Würfelförmig angeordnet. Geschätzte vierzig Quadratmeter Arbeitsfläche – aus gebürstetem Stahl – entlang der Wände. Der Raum ist angefüllt mit köstlichstem Kaffeeduft. Die erste Wohltat dieses Morgens. Nanette steht mit dem Rücken zu mir. Am äußeren rechten Kochfeld.

„Sie muss es sein.

Ihre Kontur ist unverwechselbar: Als schaue man in einem konkaven Spiegel direkt auf ihr Hinterteil.

„Sie trägt mindestens eine ’48‘.“

Ich (mit heiserer Stimme): „Guten Morgen!“

Nanette dreht sich über die rechte Schulter zu mir. Eine „Gitanes Maïs“ lugt aus ihrem Mundwinkel. Zu dieser Morgenstunde ist das ein Verbrechen. Die Asche an der Kippe ist gut und gerne drei Zentimeter lang. Sie wird gleich fallen. Beim Näherkommen umrunde ich Nanette bis etwa zur Hälfte. In ihrer Hand erkenne ich ein kleines Gitter aus Metall in der Größe eines handelsüblichen Topflappens. Auf ihm liegt französisches Baguette, in kleinen, schräg geschnittenen Scheiben. Sie hält es über einer offenen Gasflamme. Der aufsteigende Qualm verheißt nichts Gutes. Ich nehme an, dass Nanette gleich schräg geschnittene Briketts serviert.

„Wundervoll. Das passt zu Bruno.“

Die Asche fällt.

Nanette (in verstörend guter Laune): „Guten Morgen! Sie sehen sehr gut aus!“

“Lügnerin!“

Aber sie lächelt, und die vielen Haare um ihren Mund lächeln mit. Die „Gitanes Maïs“ auch. Wie eine Verzierung in ihrem mondmopsigen Gesicht. Wen stört schon ein bisschen Asche auf einem Brikett?

„Beim Frühstück wollen wir nicht pingelig sein.“

Aber diese Gitanes löckt den dreckschweinigen Bruno mächtig wider den Stachel. Ein unwillkommener Kotzreflex.

Nanette (gleichbleibend freundlich): „Nehmen Sie dort drüben Platz. Charles wird auch gleich kommen! Die anderen schlafen noch!“

Ich umrunde Nanette weiter und setze mich. Drei Meter entfernt. Tisch und Stühle sind rustikal. Eine Bol, eine französische Kaffeetasse mit dem Durchmesser einer erwachsenen Salatschüssel, steht schon dampfend vor mir.

Ich (was soll ich sagen): „Vielen Dank, Nanette! Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.“

Pause.

Ich (etwas verlegen): „Wie lange sind sie denn schon wach?“

Nanette (belustig): „Seit sechs! Ich musste ja noch etwas aufräumen und das Frühstück vorbereiten.“

Ich (ungläubig): „Nicht ihr ernst! Sie sind doch erst nach mir ins Bett gegangen.“

So viel Erinnerung geht gerade noch!

Nanette (völlig unberührt): „Ganz kurz nach Ihnen, aber wenn ich so viel trinke, kann ich nie lange schlafen!“

„Man beliebt zu scherzen!“

Hat man so etwas schon gehört? Säuft wie ein Loch und kann dann nicht schlafen.

Ich (nehme einen Schluck Kaffee): „Sie scherzen!“

Nanette (beteuernd): „Nein, wirklich!“

Ich (verschlucke mich an dem ungesüßten Teer, huste): „Aber wie viel haben sie denn getrunken, um Gottes Willen, dass sie nur 2 Stunden schlafen konnten?“

Nanette (lacht auf): „Keine Ahnung! Nicht übermäßig!“

Die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Ich hab dich beobachtet Mädchen. Bruno wäre jetzt ein Monster! Der Vater und die Mutter aller Kater! Und ich wäre jetzt in der Hotel-Hölle. Irgendwo zwischen den Sekreten.

Ich (lache mit): „Respekt!“

Charles tritt auf. Er sieht aus, als hätte er vier saure Gurken im Mund. Es könnten auch ein toter Igel oder ein paar größere Wachtelreste sein. Sich ein Beispiel an seiner Gattin zu nehmen, täte ihm ganz gut. Gegen ihn sieht sie aus wie ein Neugeborenes mit Zigarette im Mund. Er nickt mir zu. Geht langsam. Wirkt, als sei er im Begriff einer tiefen inneren Einkehr. Ganz bei sich. Er setzt sich auf einen Stuhl mir gegenüber, starrt in meine Bol, als gäbe es dort Linderung zu sehen.

Ich (mitfühlend): „Möchten Sie?“

Mit der Frage schiebe ich die Schüssel in seine Richtung. Sein glasiger Blick geht geradewegs durch alles hindurch. Ich bin sicher: Er sieht nichts. Klarer Fall von Grauem Star.

„Angegriffen sieht er aus. Elend!“

Charles (röchelnd): „Merci!“

Als Nanette mit den Briketts und neuem Kaffee an unseren Tisch kommt, steckt eine weitere Gitanes in ihrem Mund. Die „Toasts“, wie Nanette die Briketts nennt, sind schwärzer als der Teer in meiner Bol.

„Was soll’s! Die drei Tabletten und der Rest an Pastiche brauchen Gesellschaft.

Der sehr lange Schwarze tut Wunder. Er lindert mir die Schmerzen. Eine wohltuende Wärme durchströmt mich. Meine Verwundungen in Gaumen, Speiseröhre und Magen werden betäubt. Ein Fata morganisches Wohlgefühl zieht in mir herauf.

Der Tag kann kommen.

Geld wollten Nanette und Charles keines, aber sie haben wenigstens den dänischen Rotwein akzeptiert. Mit einem Lächeln!

Das hat gut getan!

Alle anderen habe ich nicht mehr gesehen. Allen Angeboten, noch ein paar Tage zu bleiben, habe ich widerstanden. Alles an dem neueröffneten Hotel werde ich vermissen und als ich es verlasse, ist mir etwas schwer ums Herz.

Nette Leute! Das muss ich sagen!

Das Bild von Schloss Bran wird für lange in meinem Kopf bleiben. Charles und Nanette winken mir nach – bis in die erste Haarnadelkurve. Ich spüre die Auswirkungen der letzten Nacht. Bruno sitzt auf dem Beifahrersitz.

Es ist kurz nach zehn und es nieselt und windet aus allen Richtungen. Ich mache es mir in meinen Ausdünstungen so gemütlich, wie ich nur kann, und ich fühle trotz allem eine größere Portion Glück in meinem Herzen.

Ende sechster Einschub!

Alles Gute und schönen Sonntag für Euch alle
Euer Paul