Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 8 (Teil 2)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Wie Sie es drehen und wenden: Ein Gefängnis ist ein Ort übersichtlicher Höhepunkte.

Für den zweiten Teil dieses Reiseberichts empfiehlt der Autor:

  • das „Tractat vom Steppenwolf“,
  • einen mobilen Katheter und einen immer noch
  • gültigen Reisepass.

Es folgt nun aus einer stillstehenden Zeit in einem vollgekachelten „Schwarzen Loch“.

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 8 (Fortsetzung)

Der vierte Nullpunkt: Ich denke an Gefängnis,…

…und man spricht kein Wort mit mir. Unsanft drücken die kastenförmigen Detectives mich in den geräumigen Fond ihrer aufgebrezelten Cop-Karre. Der Achtzylinder blubbert los. Vollmundig. Ich bin es nicht. Ich bin verstört und binnen Sekunden wieder im Tunnel.

„Zum dritten Mal!

Auf der kanadischen Seite halten wir an, und die rechte Fondtür öffnet sich – wie von Geisterhand. Man weist in Richtung eines weiteren stattlichen Wachhauses. Stumm. Die Sonnenbrillen, die tiefen Mundwinkel und die kraftvolle Aura der Dachlampen sagen alles.

„Das Bauwerk ist mir bei der ersten Vorbeifahrt vor ein paar Stunden gar nicht aufgefallen.

Eine unheilverkündende Stille eines Nicht-Staaten-Gebietes, auf das ich aussteige, empfängt mich freudebetäubend. Als die Fondtür sich hinter mir schließt, fühle ich mich einsam.

Ich: „Wir müssen in dieses Gebäude.
Ich: „Wohin sonst?

Ich: „
Die Ruhe vor dem Sturm.
Ich: „
Wer hat diesen Mist nur verzapft?“
Ich: „Alles wird gut!

Das dritte Herzflimmern. Ich trete in einen hell erleuchteten Raum, hier flackert nichts: ein Tresen, eine kanadische Flagge von der Größe eines King-Size-Bettlakens, sechs Schreibtische, zwei Beamte (Nr. 1 und Nr. 2) und bitte staunen Sie mit mir: mit „0“ (in Worten: Null!) Sonnenbrillen.

Man bedeutet mir zu warten. War mein Puls vor der ersten Flussunterquerung leicht erhöht, ist er just in dieser Sekunde im glühend roten Bereich. Alles wirkt feindlich, ablehnend, einschüchternd, fies. Lust, auf mich aufmerksam zu machen, verspüre ich keine. Jetzt nur niemanden gegen mich aufbringen.

„Hat vorhin auch nichts gebracht.“

Ich versuche, wie eine Hydrokultur auszusehen: unschuldig, genügsam, atmosphärisch. Nach länger gezogenen Augenblicken wendet sich Nr. 1 mir zu, und ich drehe mich in seine Richtung. Langsamer als sonst. Geordnet. Ein Vollkontaktblick dringt in mich. Ernst. Nicht finster. Konzentriert. Nicht brüderlich. Konstruktiv.

Ich: „Lass uns versuchen, wenigstens teilschuldig auszusehen, okay?
Ich: „Schaden kann es nicht.

Nr. 1 (unvoreingenommen – wie mir scheint): „Your passport, Sir. Please!“

Diese Frage – auch mit allen Zusätzen – kommt mir bekannt vor!

Ich (mutig für den nächsten Anlauf): „Sorry, the passport is at my hotel! I forgot…“

…weiter komme ich nicht!

Nr. 1 (immer noch neutral): „Where do you come from?”

Das ist neu. Das tut gut.

Ich (ein klein wenig dankbar): „Germany!“

Nr. 1 (fast lässig): „And your passport is at your hotel?”

Ich (mein Herz beruhigt sich): „Yes!”

Nr. 1 (schreibt auf ein Formblatt vor sich): „Why?”

Ich: „Genau das wollten wir dir gerade erzählen.
Ich: „Kein Stress jetzt!

Ich:
Aber der musste uns ja unterbrechen.
Ich: „Bitte!

Ich: „Ist ja schon gut.“
Ich: „Außerdem ist es eine berechtigte Frage.“
Ich: „Auf die es leider – und das muss ich zugeben – nur eine einzige Antwort gibt:
Das Unterholz der Dummheit!“

Meine flehentlich klingenden Erläuterungen, die das Wort „Dummheit“ tunlichst vermeiden und in solidem German-English vorgetragen werden, geraten zum Teil ins Stocken. Schuld sind bohrende Zwischenfragen, unliebsame Telefonunterbrechungen und destruktive Zwischenrufe von Nr. 2 aus dem Tresen-Rückraum.

„Nr. 2 ist unsensibler als Nr. 1!

Was von meiner herzerweichenden Geschichte am Ende angekommen ist, kann man auch heute noch – aus einiger Entfernung – in High-Definition-Auflösung und plasmabildschirmscharf erkennen: Nichts!

Was nun folgt, ist eine Unterhaltung der beiden Kollegen, mit der ich auch im geistigen Galopp nicht Schritt halten kann. Der Dialekt, in dem man sich ohne mich austauscht?

„Canadian Platt“.

Ich verstehe kein Wort.

„Ihr seid ein freundliches Völkchen hier, das muss ich euch schon lassen.

Jetzt komme ich wieder an die Reihe.

Nr. 1 (diesmal minus-neutral): „You can call your hotel!”

Ich: „Damit können wir arbeiten!
Ich: „Und was soll das bringen?

Ich: „Na, die schicken uns unseren Pass
.
Ich: „Mit der Post?

Ich: „Was weiß denn ich!

Ich (minimal euphorisiert): „Thank you! Can I use your phone here on the desk?”

Nr. 1 (mit einem Kopfzucken): „A phone box is outside!”

„Gott sei Dank habe ich in ‚The Casino‘ wenigstens meine Münzen nicht verzockt.

Ich: „Do you have the number of the Detroit Marriott?”

Nr. 1 (einen Hauch genervt): „No!”

Ich (an Nr. 2 gerichtet): „And you, can you help me with the number?”

Nr. 2 (erstaunlicherweise aufgeschlossener): „The number of the Detroit Marriott?”

„Na also!“

Ich nicke erwartungsvoll.

Nr. 2 (beiläufig): „No! But you have a map in your hip pocket. Maybe there is an ad of the hotel on it!”

„So ein Fuchs!“

Das ist wahre Polizeiarbeit. Cool. Ein Griff in meine Gesäßtasche und tatsächlich prangt vor meinen Augen die Nummer des Hotels auf einer Anzeige.

„Den Werbegöttern sei Dank.“

Ich (Hoffnung kriecht in mich): „Can I use American quarters?”

Nr. 2 (schüttelt den Kopf): „Of course, but you can’t use the phone box!”

Ich: „Was hat er gesagt?“
Ich: „Ich habe verstanden, dass wir die Telefonzelle nicht benützen dürfen.

Ich: „Will er uns verarschen?

Ich: „Den kleinen Paul verarschen?

Ich: „Das wollen wir nicht hoffen.
Ich: „Er weiß vielleicht, wer er ist, aber hat er eine Ahnung, wer wir sein könnten.“

Ich (gedämpft, in aller Zurückhaltung): „Sorry?“

Nr. 2 (die Ruhe selbst): „It is on the Canadian side and one meter behind the borderline!”

Ich: „Weiß er, wie dieser Satz bei uns ankommt?
Ich: „Ihm sollte an dieser Stelle angst und bange werden.
Ich: „Ich glaube nicht, dass wir ihn bis hierhin mächtig beeindruckt haben.

Ich: „Das wird sich jetzt ändern!“
Ich: „Bitte nicht!“

Ich atme – gedanklich – in eine Papiertüte. Tief! Vermeide jedes Hyperventilieren. Handfeste Schlägereien taugen zu diesem Zeitpunkt nicht. Ein Résumé im Stillen: kein Telefon, kein Pass, kein Verständnis, keine Wärme! Die Gretchenfrage muss her!

Ich (mehr angriffslustig als es mir und der Situation gut tut, aber ich kann nicht anders, recke das Kinn nach vorne): „And what the hell should I do now, hm?”

Die beiden schauen sich an.

Nr. 1: „Hm!“

Nr. 2: „Hm, hm!“

Nr.2 öffnet in einer fließenden Bewegung ein horizontales Klappbrett im Tresen. Eines wie wir es aus alten Bürostubentagen kennen. Nr. 1 und Nr. 2 treten höflich nacheinander hindurch und schubsen mich an eine Tür in meinem Rücken. Mit einem Ruck drehen sie mich um. Ich stehe an solidem Stahl. Die Tür hat eine quadratische Luke auf meiner Augenhöhe. Wer nun annimmt, dass die zwei Grenzer mich in eine Diskothek mit Guckfensterchentüre bringen möchten, sollte seine tägliche Drogenration reduzieren. Achtung: Das Brutale an so manchen Realitäten ist, dass sie verdammt real daherkommen. Noch 12 Stunden bis Messebeginn!

Der fünfte Nullpunkt: eine Zelle…

Vollverkachelt. Sauber. Kein überflüssiger Schnickschnack. Zweckmäßig. Da es nur einen Stuhl (vermutlich Aluminium!) gibt, erwarte ich wohl auch keinen Besuch! Drei mal drei Meter. Kein Fenster. Nur die Luke in der Tür. Ob je ein Teller durchpassen wird, darf ich gespannt abwarten. Ein kleiner vielleicht.

Design-Deckenfluter oder wenigstens ein Aschenbecher? Fehlanzeige.

Hier lässt sich ungestört nachdenken, kann ich all meinen Ängsten den Auslauf eines ganzen Lebens gewähren, geht es in Kopf, Bauch und Herz schneller durcheinander als bei einem Reifenplatzer auf der Autobahn. Bei 180 Sachen. Mir fallen restlos alle Sünden meines bisherigen Lebens ein. Mit einem Schlag! Einen Schließ-Riegel habe ich zwar nicht gehört, aber ich habe auch nicht den Mumm, den kruppstahligen Eingang auf Verschlossenheit zu überprüfen.

Ich setze mich auf den einzigen Stuhl – eng und schmal, da von weit und breit wirklich keine Rede sein kann; Zeit für eine vertrauliche Unterredung mit mir selbst.

Ich: „Wir fühlen uns ganz schön gefaltet, oder?“
Ich: „Achtmal!“
Ich: „Der Länge nach!“
Ich: „So klein waren wir noch nie!“
Ich: „Wir passen vielleicht unter dem Türschlitz durch.“
Ich: „Dein Humor hilft jetzt niemandem.“
Ich: „Deine große Klappe auch nicht!“
Ich: „Was habe ich denn gesagt?“
Ich: „Wer hat denn so großspurig ‚the hell‘ rausposaunt, hm?“
Ich: „Jetzt bin ich wieder an allem schuld!“
Ich: „Wer denn sonst?“

Pause!

Ich: „Was denkst du, wie lange uns die hier schmoren lassen?“
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Ob wir was zu essen kriegen?“
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Jetzt sei nicht beleidigt!“
Ich: „Lass mich!“

Geschlagene vier Stunden sitze ich so! Reichlich Zeit zu hadern, zu grübeln, zu reifen, zu brüten, Richter zu spielen, Kläger und Verteidiger in einem zu sein und allerlei ungezügelter Selbstzerfleischung nachzugehen. Ich stelle mich an den Pranger, setze mich auf einen elektrischen Stuhl, stehe auf, durchstreife mein gekacheltes Viereck wie ein verhaltensauffälliges Raubtier, durchwühle den Morast im Unterholz meiner Dummheit auf Knien, schreibe x-fach in Gedanken mein sehr kurzes Testament.

Sie fragen sich jetzt sicher, ob ich nicht doch auf mich aufmerksam gemacht habe? Ob ich nicht doch an der Tür geklopft oder vorsichtig daran gerüttelt habe?

Natürlich habe ich das! Ergebnis: Nichts! Keine Reaktion. Totenstille.

„Ich bin so was von am Boden!“

Ich: „Unser Ende naht!
Ich: „Hier kommen wir nie wieder raus.“
Ich: „
Wer wird uns hier suchen?
Ich: „Wer wird uns helfen?“
Ich: „Niemand!“

Meine Existenz neigt sich der gefühlten Vorhölle zu – in der Nachbarschaft

  • zu einer Ahorn-Flagge,
  • zu einer Telefonzelle und
  • zu üppiger Ignoranz.

Klasse!

Kein Laut, kein Lebenszeichen. Als wäre die Welt um mich erloschen. Für den Fall, dass man jetzt ein Geständnis von mir erzwingen möchte, so ist meine Trotzphase längstens Vergangenheit. Ich bin weich gekocht! Ich soll ein Massaker verübt, einem Amoklauf begangen oder einer Terrorzelle beigetreten sein?

„Gerne!

Es dürfen auch ein paar Flugzeugentführungen sein, wenn’s beliebt!

Noch ein paar Augenblicke in dieser Zelle und ich nehme selbst alle Kriegsschulden des ersten und auch gleich des zweiten Weltkriegs auf mich. Immer her damit!

Pause!

Aber lasst mich bitte hier raaaaauuuuus!

Mein viertes Herzflimmern ist in ein fortwährendes Scheppern übergegangen!

Der sechste Nullpunkt: die Notdurft…

Zugegeben, viel getrunken habe ich in den letzten Stunden nicht, aber ohne körpereigenes Überlaufbecken hebt selbst die kleinste Nierenfunktion irgendwann den Urinstand über die Katastrophenmarke. Bei mir ist diese seit etwa einem Liter überschritten. Endgültig. Ich suche nach der richtigen Ecke in meinem Fliesen-Kubus, um mich notdürftig zu erleichtern.

Mir ist jetzt alles egal!

Plötzlich: Die Tür öffnet sich. Ich sehe eine Frau! Jung. Sie lächelt. Eine Türöffnerin, die der Himmel schickt. Ein Tür-Engel in Uniform. So wie sie mich mustert, weiß sie, wie es um mich steht: Meine Optik dürfte ein Häufchen Elend wie eine Augenweide wirken lassen.

„Kratzt mich nicht! Ich muss so was von ganzen Gewässern lassen.

Ich folge ihren Blicken und schaue an mir hinab. Bin reglos, weil ich mir beim ersten Schritt in die Hose pinkeln werde. Selbst das Hemd quillt mir schon aus der Hose.

Um diesen Fetzen kann ich mich später kümmern. Ich muss Prioritäten setzen!“ 

Ich (laut): „Restroom?“

Sie (nickt, hat ein Einsehen!): „The door here on the left side!“

Ich nehme all meinen Mut zusammen, mache den ersten Schritt, und ich kann das Wasser halten. Ohne schuldhaftes Zögern stürme ich aus der Zelle! Nie hätte ich gedacht, dass das Paradies nur vier Meter entfernt sein könnte. Bitte verdammen Sie mich jetzt nicht, aber für geschlagene drei Minuten denke ich nur an die Iguaçu-Fälle!

 Wundervoll!

Ein Wachwechsel hatte stattgefunden, und die junge Beamtin hat sich meiner angenommen. Ich danke ihr. Freiheit ist ein Gut, das man nicht hoch genug bewerten kann! Vor allem, wenn es um die größte Blasennot, um eine biblische Urinplage geht. Lassen Sie sich das von mir gesagt sein.

Ich kehre zurück. Zwölf bis neunzehn Liter leichter. Soll ich mich noch einmal verbal aufbäumen, bevor ich wieder einsitzen muss?

Sie (freundlich und offen): „What happened?“

Ich: „Können wir ihr vertrauen?
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Schmollst du immer noch?

Ich: „Schlimmer kann es nicht mehr werden.“

Mein Glück versuchend, erzähle ich meine Geschichte erneut. Zärtlich verbrämt, behutsam verziert. Hoffnungsvoll. Vielleicht belohnt mich ein gütiger Zellengott jetzt dafür, dass ich es so lange einhalten konnte und in keine der Ecken gepinkelt habe. Nach meinem Geschichtenende überschütte ich sie mit meinen treuesten Blicken.

Sie (nickt wieder, nachdrücklich): „One call! – One!“

Ich (ganz behutsam): „But where?“

Sie deutet auf den Dienstapparat vor uns auf dem Tresen. Ich trete näher, hebe den Hörer ab und wähle mit zittrigen Fingern die Nummer, die auf dem Stadtplan steht, presse dabei den Hörer ganz fest an meine Ohrmuschel, höre neben den Wellen des Detroit Rivers allerlei ohrenschmausendes Knistern und warte, bis die Verbindung steht. Es knackt, es prasselt, es faucht und es braust in der interstaatlichen Leitung, aber dann – tatsächlich: Es klingelt.

Das Hotel: „Detroit Marriott!”

Ich möchte diese Stimme küssen, auch wenn ich sie wegen der Nebengeräusche kaum verstehen kann. Ist das Hotel auf den Mond umgezogen?

Ich erkläre mich kurz: Name, Zimmernummer, Problem. Bin aufrecht! Ob ich verstanden werde, weiß ich nicht.

Das Hotel (abgehackt): „And what … I do … you, Sir?“

Ich (butterweich und voll konzentriert): „As I’ve already told you: C-o-u-l-d y-o-u p-l-e-a-s-e go to my room and search there for my passport. It is in the front pocket of the black bag. The room number is o-n-e o-n-e f-o-u-r. This bag is lying on my bed. Take the passport and bring it to a taxi driver in front of your hotel. Please send him to the Canadian side of the border. On the other side of the tunnel. I’m desperately waiting here. P-l-e-a-s-e!”

Meine lieben Leserinnen und Leser,

den Concierge des Detroit Marriott nicht zu kennen, ihn aber unangekündigt anzurufen, ihn mit dieser durch und durch hanebüchenen Geschichte zu überfallen, ihn nur bruchstückhaft zu verstehen und wahrscheinlich auch nur in Fragmenten verstanden zu werden und ihn schließlich auch noch zu bitten, er möge

  • in mein Zimmer 114 gehen,
  • meine Klamotten durchwühlen,
  • meinen Reisepass finden,
  • einen Taxifahrer beauftragen,
  • diesen durch den Grenztunnel zu mir zu schicken und
  • dabei verständlich, glaubwürdig sowie hinreichend hilfebedürftig zu klingen,

kommt in meiner Niemandsland-Wirklichkeit einem handfesten Weltuntergang im Unterholz der Dummheit gleich.

The Hotel (kaum zu verstehen): „I should … what, Sir?“

Ich (muss mich stützen): „Did you understand my problem?“

The Hotel (glasklar): „No!“

Das gibt’s doch nicht!

Ich (gedanklich auf den Knien): „I’m here in a prison. On the Canadian side of the tunnel and I need YOUR help, Sir!“

The Hotel (mit Unterbrechungen): „How did … pass the border … passport, Sir?”

Spielt das eine Rolle? Gleich klettere ich durch’s Hörrohr!“ 

Ich (senke den Oberkörper wie beim muslimischen Gebet): „Could you please send me this taxi with my passport? PLEASE!“

Nach ziemlich genau neun Minuten legt „The Hotel“ auf! Grußlos! Einfach so! Ich habe keine Ahnung, was bei ihm angekommen ist. Und ich habe: No agreement!

„Mit dem Boden bin ich eins!

Der siebte Nullpunkt: Er hat es mir nicht abgekauft…

Noch etwa sieben Stunden bis zum Messestart! Meine Anfragen, ein weiteres Mal telefonieren zu dürfen, prallen ab. Mein Tür-Engel hat sich die Flügel ausgerissen. Die Großherzigkeit ist dahin. Immerhin muss ich nicht in die Zelle zurück. Ich sitze davor. Auf dem Besucherstuhl. Gleiches Modell wie in der Zelle. Warten. Der Blick zur Uhr.

Ich: „Hat er uns verstanden?
Ich: „Glaub‘ nicht!“
Ich: „Du musst daran glauben!

Ich: „Fang du doch an!“
Ich: „Schmollst du noch immer?
Ich: „Wegen mir haben wir diese Misere nicht.“
Ich: „Hörst du auf zu schmollen, wenn ich mich entschließe, an das Gute zu glauben?

Ich: „
Vielleicht erzählt der Concierge im Detroit Marriott gerade seinen Kollegen von dem Anruf eines Irren?

Ich: „Dann musst du aber aufhören, das Böse herbeizubeten.
Ich: „Mal sehen.“

Sechs Stunden sind seit meinem Eintreffen hier vergangen! Lange sechs Stunden. Ich atme in einer Zeitdilatation. Meine Uhr steht still.

„Hat ‚The Hotel‘ schon Feierabend?

Sich in seinem Leben einmal so miserabel fühlen zu dürfen, ist von unschätzbarem Wert. Der tiefste zweite Blick, den man sich nicht vorzustellen vermag. Sollte man sich allerdings der Waghalsigkeit hingeben wollen, zum Zeitvertreib oder aus purer Langeweile auf einem amerikanischen Flughafen einmal laut „Bombe“ zu rufen, dann erscheint mir diese Erfahrung hier wie ein Trainingsprogramm erlesenster Güte.

Noch fünf Stunden bis Messebeginn!

Kopfweh, Bauchweh, Heimweh. Mir ist zum Heulen zumute. Mein Tür-Engel hat sich anscheinend die Zunge ausgerissen. Kein Sterbenswörtchen wechselt über den Tresen. Nichts spricht mit mir, nur meine Übelkeit regt sich vehement.

Vier Stunden!

Alle Hoffnung hat sich so tief eingegraben, dass sie über sich hört, wie ein paar traurige Maulwürfe ihre Liebsten verscharren.

„Was ist das?

Plötzlich erstirbt ein Motor vor dem Wachhaus. Eindeutig.

„Oder bilden wir uns das nur ein?

Da tritt ein indisch aussehender Taxifahrer durch die Eingangstür. Er hat einen Pass in seinen Händen.

Sind das Tränen auf meinen Wangen?

Meine Übelkeit weicht schlagartig dem Überschwang, der ungefragt und brachial meine Lebensgeister weckt. Das Herzscheppern geht in ein Hämmern über. Meine Beine – bis eben noch völlig taub – lassen mich emporschnellen.

Ich (schluchzend): „I’m here!“

Habe ich gerade geschluchzt?

Ich winke, schwebe dem Inder zu. Zwei stumme Blicke meines Tür-Engels auf den Pass und ein Nicken in meine Richtung verheißen Gutes.

Ich: „Ich hab’s dir doch gesagt!
Ich: „Ich hätte nie wieder ein Wort mit dir gewechselt.“

Das Interieur des Ford Crown Victoria gleicht meinem Himmel auf Erden. Ich strahle!

Ja! Ich bin gerettet!

Wir fahren. Der Tunnel. Ein viertes Mal. Da die Schranken. Die Passkontrolle auf der amerikanischen Seite ist fast ein Kinderspiel.

Eine dritte Sonnenbrille (mit aller Ernsthaftigkeit): „Where do you come from?“

Mein etwas irritierter Blick geht über meine rechte Schulter (an der B-Säule des Taxis entlang!). Hinter mir gibt es genau einen Tunnelausgang: die Röhre aus Kanada. Nichts sonst!

Diese Frage ist eine Fangfrage.

Der schneidige Beamte mit den lichtempfindlichen Augen kommt mit seinem Kopf in das Taxiinnere und folgt konzentriert meinem Blick in die Tiefe des Tunnelschlundes. Es ist fünf Uhr morgens. Sein Ohrläppchen ist nah.

Ich: „Sollen wir zubeißen?
Ich: „Reicht dir unsere Erfahrung noch nicht?“
Ich: „Wäre doch eine prima Fortsetzung.

Ich: „Untersteh dich!“
Ich: „Du musst dich entspannen.
Ich: „Ich weiß: Alles wird gut!“

Ich (ganz leise): „Äh, Canada?!“

Ich: „Bist Du verrückt?
Ich: „Was hast du denn?“
Ich: „Gleich sitzen wir wieder ein.

Ich: „Ich sag doch: Entspann dich!“
Ich: „Klar: Alles wird gut!“

Drei Stunden!

Ich schenke Lakshmi Parthasarathy (so steht es auf dem Taxischild!) vor dem Detroit Marriott mein letztes Geld und umarme ihn, ohne Vorwarnung. Was er jetzt wohl von mir denken mag…

Mein Hotelzimmer ist eine Oase des Entzückens!

Der achte Nullpunkt: zwei Stunden Schlaf…

Eine völlig durchgelegene Matratze, noch mehr amerikanische Fernsehprediger, ein Ruhepuls (kurz vor der Totenstarre!), ein schrecklicher Traum von Sonnenbrillen, und kein Mensch, der mir das je glauben wird…

Liebe Grüße und bis bald in Kapitel 9
Euer Paul

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6 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 8 (Teil 2)“

  1. Wenn ich daran denke, dass mein Personalausweis seit einiger Zeit abgelaufen ist und ich noch nicht dazu kam, ihn erneuern zu lassen … ganz zu schweigen von einem Reisepass, den ich gar nicht habe, weil ich so gut wie kaum „nach weiter wech“ verreise!
    Aber in Zeiten wie diesen wird’s wohl überlebenswichtig sein, sich immer und überall korrekt ausweisen zu können, sowohl für die eine als auch die andere Seite.
    Kann man’s nicht, nützt einem auch nicht der naiv-unschuldige Dackelblick und alle noch so ehrlichen Hinweise darauf, dass man ein ganz normaler, unbedarfter Erdenbürger sei. Man muss halt darlegen, kein Feind zu sein. Gutgläubigkeit und Intiution sind leider hinfällig! Irgendwie schade, dass das Vertrauen in die Menschheit bewiesen werden muss. Wie auch immer man es dreht und wendet.
    Vielen Dank für deine amüsante Geschichte, diese und die Folge davor!
    Liebe Grüße!
    Hilde

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    1. Liebe Hilde,

      tatsächlich sind wir in unserer Entwicklung als Menschen nicht immer nur
      vorwärts marschiert. In Sachen Vertrauen sind wir noch oder wieder in den
      Kinderschuhen.
      Und alles nur, weil wir Angst davor haben, enttäuscht zu werden. Anstatt
      wir allen Erwartungen Lebewohl sagen, Frustrationen und Ängste wären passé!

      Danke
      Dein Paul

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  2. Du hast wirklich Vollgas gegeben und mir außerdem gerade eine Reise in diese Länder ausgetrieben, und weil ich so viel Spaß hatte, und weil jetzt schon Sonntag ist, und weil ich ein netter Mensch bin, habe ich doch noch etwas Positives für dich. Die Schulden des 1. Weltkrieges sind seit zwei Jahren abgezahlt lieber Paul – toll, was? 😉

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    1. Lieber Arno,

      ich wusste doch, dass Du ein guter Mensch bist und dass Du mir gleich
      die Schulden eines ganzen Weltkrieges von den Schultern nehmen magst,
      zeugt von großer Güte. Danke.

      Liebe Grüße
      Dein Paul

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  3. wundervoll … ich konnte förmlich die Verzweiflung fühlen … und es war so unnötig sich so in Bedrängnis zu bringen .. sollte man seinen Pass doch stets greifbar habe .. lach … aber Ende gut Alles gut … und um so eine wichtige Erkentnis reicher … TRAGE DEINEN PASS immer bei dir …

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