Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 1

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
„Wer Einkaufen zu weit geschrittener Stunde als Akt mild-
tätigen Handelns unter suchenden Mitmenschen
versteht, ist
vielleicht schief gewickelt, vielleicht aber auch nicht.“

Warum?

Die einleuchtende Erwiderung:
Wer mit seinem Einkaufswagen einfach nicht mehr zurück kann – aber unbedingt muss – und das auf einer schiefen Rollbahn, auf einer treppenlosen Rolltreppe zwischen zwei Etagen, zwischengeschossig, in einem monströsen Kaufladen für Erwachsene, in allergrößter Not, etwa auf halber Strecke, der hat für Mildtätigkeit in diesen Sekunden wenig übrig.

Alles klar? Nein?

Na, dann lesen Sie mal los!

Für diesen ersten Reisebericht aus dem Unterholz der Dummheit empfiehlt sich alles, was man für einen schnörkellosen Einkauf so braucht:
• eine gut leserliche Einkaufsliste,
• einen funktionstüchtigen Denk- und Handlungsapparat,
• etwas Supermarkt-Orientierungssinn,
• eine Intuition – wenigstens der dritten Art und
• ausreichend Bargeld oder wahlweise Einsicht für das Kassenfinale.

Es folgt nun aus einer Zeit, die schon so nah am heute ist, dass man sie für die Gegenwart halten könnte:

Kapitel 1 der Reiseberichte aus dem Unterholz der Dummheit

Der Kopf, der Kofferraum, die Schnauze! Voll. Randvoll. Einen Tag wie diesen vergisst man lieber schnell. Der ganze Tag ein Defilee aufgeblähter Nutzlosigkeiten. Eine Tagung. Eine Ansammlung trügerischen Wissens: Je mehr man davon in sich stopft, desto leerer fühlt man sich.

„Magie?“

Keineswegs! Das Zauberwort heißt „Wissensvorsprung“. Ich kenne kein anderes Wort (außer vielleicht „Stauauflösung“ oder „Kreißsaal“), das positiver besetzt wäre.

„Wissensvorsprung…“

Jeder will ihn. Jeder träumt von ihm: „Ich weiß etwas, was Du nicht weißt.“ Früher war es ein Kinderspiel: „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Heute ist es ein Spiel ohne Ziel. Ohne Wert. Ohne Nährstoffe. Ohne Volumen. Keine Vitamine. Man kann an Wissensvorsprung sterben. Verhungern. Aber es ist immer gut, ihn zu haben, denn „Wissen sei Macht.“

„Vorsprung vor was? Zehn Stunden am Stück bin ich nun gesessen und ich bin leerer als ein geschälter Luftballon. Von Vorsprung keine Spur! Und was die Macht angeht… Zehn Stunden habe ich nun gelauscht und alles, was ich noch spüre, ist die Ohnmacht, die in mich kriecht!“

Nach einer blutdrucksteigernden Beinah-Karambolage mit einem freundlichen Erdbewohner, den am besten der nächste Mülltransporter schlucken sollte, stehe ich mit meinem Fahrzeug in einer Parklücke auf einem mir gut bekannten Parkplatz. Vor einem mir gut bekannten Supermarkt.

45 Minuten zähfließender Verkehr haben mir den Rest gegeben. Notstandsreserve. Meine innere Tankanzeige leuchtet dunkelrot.

„Konzentrier Dich!“

Es ist 20 Minuten vor Ladenschluss.

„Für mich ist es ungefähr sechs vor zwölf!“

Ich suche nach einer Ein-Euro-Münze für den Einkaufswagen, die ich nicht finde, fluche kurz in mich hinein, schnappe mir dann einen Fünfer-Schein zum Wechseln, steige aus dem Wagen und schließe ordentlich ab. Ab durch den Windfang geschützten Eingang des Supermarktes geht es zu einer der geöffneten Kassen im endlosen Innenraum dieser Kauf-Kathedrale (gerne auch Kauf-Moschee – ist ja gerade ein heißes Thema). Ich warte unchristliche oder auch unislamische (wenn es beliebt!), in jedem Fall aber unselige Minuten bis ich mein Mini-Scheinchen in noch kleineres Hartgeld verwandeln kann, bedanke mich bei der osteuropäisch dreinschauenden Nicht-Schönheit (und hier liegt ausdrücklich nichts im Auge des Betrachters), renne den endlosen Flur zu den hübsch aufgereihten Einkaufswagen zurück, fühle meine Körpertemperatur jetzt schon bei 37,4 Grad Celsius (leicht erhöht!) und stecke die kleine Münze in einen dafür vorgesehenen Horizontalschlitz.

„Gut!“

Ich ziehe an dem Wagenbügel. Die Kette zwischen den zwei Wagen spannt sich. Nichts. Ich ziehe etwas fester. Nichts rührt sich. Mein Einkaufswagen mag die in ihm steckende Kette nicht ausspucken. Ich ziehe noch fester. Die Metallverbindung springt nicht aus ihrer Verankerung. Ich schaue mich verstohlen um und reiße kurz ruckartig an. Nichts.

Ich: „Kackding!“
Ich: „Was soll’s?“
Ich: „Junge, wir haben Druck!“
Ich: „Meinst du!“
Ich: „Du nicht?“
Ich: „Nimm doch einfach den Euro und gehe in die Wagenreihe nebenan.“

Ich befummle den Horizontalschlitz meines Wagens. Der Euro ist noch da. Gut, dass der Mensch den Pinzettengriff beherrscht. Nagel des Daumens und Nagel des Zeigefingers haken sich in den Münzrändern ein. Ich ziehe. Nichts. Das Ding steckt fest. Ich lege meine Rechte auf den Bügel des Wagens und ziehe fester. Nichts. Zementiert.

„Wenn ich noch fester ziehe, breche ich mir die Nägel ab.“

Ich: „Na warte!
Ich: „Mach jetzt keine Dummheiten!“
Ich: „Ich nehme diesen verdammten Wagen!“

Um Schwung zu holen, drücke ich die Wagenkolonne mit meinem Körpergewicht nach vorn. Mit einem Schritt rückwärts und der beherzten Wucht bayrischer Bulligkeit reiße ich an allen Wagen in der Reihe, als wäre der ganze Wagenpark mein Eigentum. Meine Körpertemperatur ist bei 37,9 Grad. Es scheppert, kracht und knirscht. Nichts.  Alles, was ich ernte, sind die musternden Blicke einer Frau, die gerade ihren Einkaufswagen zurückbringt. In der Reihe neben mir. Geräuscharm.

„Das macht die mit Absicht!“

Sie ist um die dreißig, greller Müsli-Aufzug: Bunte Flatterhose, Strickpulli, mittelfilziges Henna-Haar. Sie führt behutsam den Kettenstöpsel in den Verschluss ein und zupft gekonnt ihren Euro aus dem Schlitz.

„Eine Posse, um mich zu ärgern!“

Sie (lächelt, ein bisschen jovial): Das passiert hin und wieder. Nehmen Sie lieber einen anderen.

Ich (angefressen, ich spüre, wie mir eine Schweißperle durch die rechte Augenbraue sickert): Der Euro steckt aber schon drin!

Sie (zuckt unmerklich mit den Schultern, lächelt weiter): Sie sehen gestresst aus.

Ich (hä?): Wie bitte?

Sie (völlig gelöst): „Angespannt. Gehetzt. Fahrig.“

Kurze Pause.

„Oh, wenn diese Frau wüsste, was ich gerade alles auf den Lippen habe.“

Ich (neige den Kopf, langsam): „Auch rastlos?“

Sie (freudig): „Ja!“

Ich (ernst): „Etwas überanstrengt auch?“

Sie (nickt, als hätte ihr jemand neue Batterien eingesetzt): „Genau!“

Ich (stelle den Kopf wieder gerade): „Ein bisschen – wie sagt man – uncool vielleicht?“

Ich betone das Wort „uncool“ mit größtmöglicher Beiläufigkeit.

Sie (ihre Augen glänzen): „Absolut!“

„Das ist stark!“

Pause.

Ich (strecke das Kinn etwas nach vorn, leise): „Wollen Sie mir nicht Ihre Visitenkarte geben?“

In ihren glänzenden Augen erkenne ich zumindest Ansätze einer Frage.

„Der Punkt geht an mich!“

Sie (lächelt nur noch schwach, irritiert): „Wie bitte?“

Ich (lächle, beuge mich zu ihr, noch leiser): „Na, Name. Adresse. Telefonnummer.“

Pause.

Sie (lächelt nicht mehr): „Sie wollen mich auf den Arm nehmen?“

Ich (mein Kopf ist nur Zentimeter von ihrem entfernt): „Wer hat denn angefangen?“

Pause.

In ihren Gesichtszügen formt sich eine Antwort. Der kleine Witz unter Freunden lässt eine Pointe aufscheinen.

Sie (hellt sich auf, deutet mit einer Hand auf ihre Wagenreihe): „Nehmen Sie lieber einen anderen!“

Ich: „Und was mach ich mit dem Euro?“

Sie (lacht, im Weggehen): „Sie sehen nicht so aus, als wären Sie darauf angewiesen!“

„Der Punkt geht an sie!“

Ich (mehr zu mir selbst): „Einen Versuch mach ich noch!“

Nach zehn Sekunden Schampause, um die Supermarktpsychologin nicht zurückzulocken, hole ich tief Luft. Ein kurzes, konzentriertes Anreißen. Nicht pure Kraft, mehr Beschleunigung diesmal. Zwei gewaltsame Trennungen. Der vierte Wagen vor mir und mein Wagen springen heraus.

„Super!“

Ich: „Das ist Sachbeschädigung, mein Freund!“
Ich: „Halt die Klappe!“
Ich: „Das hast du klasse gemacht.“
Ich: „Sei bloß ruhig!“

Meine Miene rutscht in die Beteiligungslosigkeit. Dabei wende ich mich unauffällig nach allen Seiten.

„Sieht mir sonst noch jemand zu?“

Zwei feixende Jugendliche auf der anderen Seite des Eingangs genießen rauchend mein Spektakel. Ich ziehe meinen Wagen ganz heraus und inspiziere den Schaden vier Wagen vor mir. Im Halbdunkel kann ich nichts erkennen. Für mich ist es jetzt schon fünf vor zwölf. Körpertemperatur 38,1 Grad. Schnell die kaputte Kolonne wieder zusammengeschoben und zurück zu meinem Auto. Mein Einkaufswagen zieht leicht nach links. Leergut fassen. Pfandflaschen. Eine Wagenladung voll. Ich sehe aus wie ein Supermarktstreicher. Auf dem Rückweg in den Supermarkt gehe ich in mich:
• Einkaufskorb (auf dem Leergut!),
• Börse (im Einkaufskorb!),
• Leergut (unter dem Einkaufskorb!),
• Einkaufsliste (?).

„Ich bin der größte Idiot unter Gottes Mond.“

Noch im Auto. Ohne Liste kein Einkauf. Ich drehe mich um und rede mir gut zu.

Ich: „Paul, du musst dich jetzt beruhigen!“
Ich: „Weißt du, wie spät es ist?“
Ich: „Ja, aber wenn du jetzt deine Energie verpulverst, wirst du dir den Abend verderben!“
Ich: „Ja, aber! Ja, aber! Immer: ja, aber! Fällt dir nichts Besseres ein?“
Ich: „Je mehr du dich hineinsteigerst, desto größer wird unser Unglück!“
Ich: „Es ist doch auch zum Verrücktwerden!“
Ich: „Na und?“
Ich: „Man wird sich doch wohl aufregen dürfen!“
Ich: „Aber das bringt doch nichts!“

Kurzmeditation. Ich atme tief. Gleichmäßig. Die Körpertemperatur sinkt. Mit Liste, Korb, Börse und Leergut stehe ich zwei Minuten später etwas entspannter an drei besetzten Leergutannahmeautomaten.

„War ja klar!“

Je ein Einkaufswagen.

„Wo stelle ich mich an?“

Ein kurzer Kennerblick in die anderen Wagen verrät mir, dass der mittlere Kunde gleich seinen Bon ziehen wird. Kurz geschnittenes Haar, Ende dreißig, Anzug. Seine Schuhe glänzen. Gesamterscheinung: passabel, artig, Bankangestellter.

„Ob er auch einen so bescheidenen Tag hatte wie ich?“

Die mittlere Reihe ist gesetzt. Meine Körpertemperatur regelt sich weiter nach unten. Seine letzte Flasche gleitet in den Automatenschlund.

„Jetzt komme ich!“

…war das letzte, was ich denken konnte, als sich eine als Frau verkleidete Abrissbirne unsanft an mir vorbeidrängelt. Um die 40, Leggins, strähniges, verklebtes Haar. Wer braucht schon Shampoo oder einen Kamm? Ihre Daunenjacke ist verwaschen, als wäre sie schon 300 Mal durch die Maschine gegangen.

„Die Mutter der Totenblässe.“

An den Ärmeln der Scheußlichkeit hängen Plastiktüten. Ich sehe unzählige Drehverschlüsse herausragen. Ihre Gesamterscheinung: ungepflegt, übergewichtig, abgehalftert. Messi-Luder!

„Na, der werde ich jetzt die Meinung geigen.“

Als ich Luft hole, dreht sich der Bankangestellte vor mir um. Er grinst.

Er: „Das passt ja perfekt! Ich bin gerade fertig!“

Sie gibt ihm einen Klaps.

Sie: „Ich hab’s dir doch gesagt, dass ich es schaffe!“

„Ich fasse es nicht! Seine Mutter kann es nicht sein. Zu jung! Seine Tochter ist es nicht. Zu alt! Seine Frau darf es nicht sein. Unmöglich! So blind kann Liebe nicht machen. Und was hat sie überhaupt geschafft? Alle PET-Flaschen im Umkreis von 3 Kilometern aufgesammelt?“

Pause.

„Ich tippe auf seine Schwester.“

Die geholte Luft entweicht wortlos aus mir. In der linken und rechten Schlange haben sich weitere Kunden angestellt. Hinter mir steht niemand. Einen Schlangenwechsel kann ich vergessen. Für mich wird es langsam vier vor zwölf. Körpertemperatur wieder steigend.

Ich: „Paul, bleib ruhig!“
Ich: „Ich platze gleich!“
Ich: „Du kannst es nicht ändern!“
Ich: „Frechheit!“
Ich: „Und jetzt? Was willst du machen?“
Ich: „Ich stopfe die beiden in den Automaten da vorn. Gleichzeitig!“
Ich: „Du bist ja stark!“
Ich: „Glaubst du nicht?“
Ich: „Schau, die letzte Flasche!“

Das ungleiche Paar faltet die Tüten. Einträchtig. Als sie mich passieren, greift er ihr an den Hintern.

„Die Theorie mit der Schwester ist Scheiße. Jetzt komme ich.“

Bei der Anzahl meiner Flaschen wird mir klar, warum sich niemand hinter mich gestellt hat. Ich werfe ein. Tausend Gedanken meines nutzlosen Tagungs-Tages begleiten mich. Immer schön den Flaschenboden voraus. Mechanisch. Flasche um Flasche. Das müssen um die 60 Stück sein. Als die letzte Flasche vor meinen Augen verschwindet, bin ich allein. Der Raum hat sich geleert. Drei vor zwölf.

„Jetzt aber hurtig.“

Ich mache mit meinem Wagen auf dem Absatz kehrt und wir fahren schneller als die Supermarkt-Polizei erlaubt durch die zahllosen Gänge. Da, das Wasser! 18 Flaschen sind schnell gefasst und unten im Wagen verstaut. Da, die Zahnpasta! Ein Blick auf die Liste.

„Was heißt das? Nat…? Natriumlauge? Natr…? Natn…? Naturjogurt! Wer sagt’s denn!“

Im Kühlregal.

„Fle…? Fleck…? Fleckenentferner! Das soll einer lesen können.“

Beim Waschmittel.

„Rekordzeit.“

Kurz vor zwei vor zwölf. Jetzt ab in den 2. Stock, die Trauben holen. 500 Gramm. Auf dem Rollsteig rasten die Laufrollen meines Einkaufswagens in den Rillen des Rollbandes ein. So muss es sein. Ich kann das gute Stück loslassen. Die Fahrt beginnt. Während wir so dahingleiten, geht mir das ungleiche Paar vor den Automaten durch den Kopf.

Ich: „Welchen Gefallen hat er nur an ihr gefunden?
Ich: „Wer?“
Ich: „Der Bankangestellte natürlich!“
Ich: „An wem?“
Ich: „An dieser ballonförmigen Flaschentransporteuse, Mann!“
Ich: „Was kratzt’s dich?“
Ich: „Ich mein ja nur!“
Ich: „Gibt es nichts Wichtigeres?

Pause!

Ich: „Hast du nicht etwas vergessen?“

Der Flaschenrückgabe erprobte Leser hat es schon bemerkt…

Ich: „Paul?“
Ich: „Was?“
Ich: „Wo ist dein Bon?“

Blutsturz! Mein Puls macht einen Satz. Der Hemdkragen umgreift formschlüssig meinen Hals. Die Körpertemperatur springt schlagartig auf 40,2 Grad. Meine Gedanken beschleunigen auf Lichtgeschwindigkeit. Ich drehe mich um. Hinter mir sind drei weitere Kunden auf den Rollsteg eingebogen. Eine Umkehr mit Einkaufswagen ist ausgeschlossen. Eine Waghalsigkeit allerersten Ranges muss her.

„Ich muss zurück!“

Ich (an die Dame hinter mir gewandt): „Könnten Sie bitte meinen Einkaufswagen oben an die Seite stellen? Ich muss zum Flaschenautomaten zurück.“

Ich warte auf keine Antwort. Ihr unsicheres Nicken reicht.

Ich (fliege an ihr vorbei, rufe laut): „Das wäre nett. Hab was vergessen.“

Die zwei dahinter fahrenden Kunden überspringe ich, ohne sie anzusehen. Am Ende der Rollbahn biege ich rechts ab. Vollgas! Links. Rechts. Links. Ich schlage Haken. Ein 100-Kilo-Hase. Noch zwanzig Meter. Vor mir biegt jemand zu den Automaten ab. Bei meinem Schwung muss ich die vor mir liegende Linkskurve hoch anlaufen, sonst werde ich aus der Bahn geworfen. Ich biege ein. Kurven-Hase. Vor mir ist nur der eine Kunde, den ich gerade gesehen habe. Am mittleren Automaten.

„Wo sonst!“

Wir sind allein. Er greift nach einem Bon, der aus dem Ausgabeschlitz baumelt.

„Mein Bon!“

Ich (laut): „Das ist meiner!“

Ich greife zu.

Ich (höflich, Betonung auf der zweiten Silbe): „Danke!“

Seinen verdutzten Gesichtsausdruck ignoriere ich aufs Natürlichste.

„Schwein gehabt!“

Ich: „Paul?“
Ich: „Was denn noch?“
Ich: „Dein Wagen!“
Ich: „Dem passiert schon nichts!“
Ich: „Dem Wagen nicht, aber was ist mit deinem Korb?“
Ich: „Was will jemand mit dem alten Ding?“
Ich: „Mit dem Korb nichts, aber mit deiner Börse darin!“

Es ist knapp eins vor zwölf. Mein Puls geht in einen Drumbeat über: Prestissimo con fuoco! Alles in mir pocht und hämmert. Ich glühe.

„Das gibt’s doch nicht!“

Ich stürze los. Den Eimer an der Tür zu den Flaschenautomaten, den ich gerade noch kunstvoll umkurvt habe, trete ich mit beachtlicher Vehemenz in den Gang vor mir. Unabsichtlich. Schallend. Eine Erinnerung in mir wird geweckt.

„Bundeswehr. Aufstehen. Ein grenzdebiler Uniformträger des mittleren Dienstes hat sich immer wieder einen Spaß daraus gemacht, uns um 5 Uhr in der Früh mit einem Metalleimer zu wecken. Er hat den Eimer durch den Flur des Kasernengebäudes getreten wie einen Fußball. Ein gewaltiger Riesenarsch!“

Anmerkung des Autors: Dazu später mehr in Kapitel 2.

Als ich an dem Eimer wieder vorbeikomme, stelle ich ihn im Vorbeiflug an die Seite.

„Die Überwachungskameras können mich ja später als den Schuldigen identifizieren.“

Am Rollsteg geht es links. Vollbremsung! Der ganze Steg ist voll von Menschen und Wagen. In kleinen „Dürfte-ich-mal-bitte-vorbei-Etappen“ schlängle ich mich nach oben. Die Verlangsamung wirkt wie ein Wadenwickel. Puls und Fieber gehen zurück. Am Ausgang des Rollsteges bekomme ich schon wieder Luft und ich sehe meinen Wagen. Auf der linken Seite. Davor lächelt mir eine Frau entgegen, deren Gesicht ich noch nie gesehen habe. Ich schwöre.

Sie (wirkt nervös): „Da sind Sie ja!“

Ich (schaue an ihr vorbei, in meinen Korb): „Kennen wir uns?“

„Meine Börse! Gott sei Dank!“

Sie (wie aus der Pistole geschossen): „Natürlich! Sie haben mich vor ein paar Minuten darum gebeten, Ihren Wagen an die Seite zu stellen!“

Ich (sammle mich mit aller Kraft, lüge): „Klar, ich erinnere mich. Vielen Dank fürs Warten.“

Sie (deutet mit dem Finger in den Korb): „Ich habe gesehen, dass Sie Ihr Portemonnaie im Korb vergessen haben und da dachte ich mir, dass ich vielleicht darauf aufpasse, bis Sie wiederkommen!“

„Sachen gibt’s!“

Diese Frau schickt der Himmel. Vom Typ liebevolle Mama: circa 50, etwas in die Breite gegangen, aber eine Ausstrahlung zum Verlieben. Gerade jetzt.

„Hat man so was schon gehört! Ich sollte ihr einen Antrag machen. Stellt sich als Wachfrau vor meinen Korb.“

Ohne zu überlegen, umschließe ich sie mit beiden Armen und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich (erleichtert): „Sie sind ein Schatz!“

Sie (lacht): „Nicht der Rede wert. Hätten Sie doch auch gemacht.“

„Echt? Hätte ich das?“

Ich (nicke vorsichtshalber): „Ich schließe Sie heute Abend in mein Abendgebet ein. Vielen Dank. Darf ich Sie vielleicht auf ein paar Trauben einladen?“

Sie (winkt ab): „Ich nehme die Umarmung und den Kuss mit nach Hause!“

„Das glaubt mir keiner.“

Ich mache einen Knicks zum Abschied. Es ist kurz nach eins vor zwölf. Die Trauben sind schnell abgewogen. Die Liste ist abgehakt.

Ich: „Ich fasse es nicht.“
Ich: „Hierfür suchen wir nach keiner Erklärung!“
Ich: „Du hast recht!“
Ich: „Wie bitte?“
Ich: „Dafür gibt es keine!“

An den Kassen angekommen, entschließe ich mich – meinem ersten Impuls folgend – für Kasse 13.

„Keine Ahnung, warum ich das tue.“

Schon aus der Ferne erkenne ich das optische Missgeschick aus dem Ostblock wieder. Sie hat mir meinen Fünfer gewechselt. Sie arbeitet zügig und – zu meinem Erstaunen – jeder Kunde wird mit einem Lächeln bedacht. Meine innere Uhr schlägt 12 als eine Lautsprecherstimme die Schließung für heute ankündigt und sich bei den Kunden für ihren Besuch bedankt.

„Danke, gleichfalls!“

Hinter mir steht niemand mehr. Ich bin der letzte Kunde an Kasse 13. Die gescannten Waren wandern sorgsam in meinen Korb. Meinen Bon überreiche ich ihr mit einer gewissen Genugtuung.

Sie (schaut auf, akzentfrei): „18 Euro. Auf den Punkt!“

Ich (kann nicht anders): Wissen Sie, was mir gerade passiert ist?“

Sie (lächelt, ganz ruhig): „Nein! Was denn?“

Ich (gebe ihr das Geld): „Eine Frau hat gerade meine Geldbörse bewacht, damit sie von niemandem gestohlen wird.“

Sie (strahlt mich an und sieht plötzlich total sympathisch aus): „Mir hat heute schon ein Kunde 20 Euro zurückgebracht, weil ich ihm zu viel herausgegeben hatte.“

Ich (strahle zurück, Körpertemperatur wieder normal): „Hätten Sie doch auch gemacht?“

Euer Paul

PS: Vergesst nicht, zu liken, zu kommentieren und weiterzuempfehlen, aber nur wenn’s gefällt und beliebt…

…und meine Erfahrung für diesen Abend im Supermarkt – auf den zweiten Blick – ist nicht nur, dass es selbst dem schwerstgläubigen Menschen sein willentliches Ignorantentum, unverdaut und ungestüm, die Speiseröhre der Realität wieder emporschießen lässt, wenn er mit seinem Einkaufswagen einfach nicht zurück kann – aber muss, sondern, dass mir die Frage „Hätten Sie doch auch gemacht, oder?“ so tief in die Eingeweide gefahren ist, dass sie mir noch viele intensive Stunden des Nachdenkens und Verdauens bescheren wird…

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23 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 1“

  1. Lieber Paul,

    zum Auftakt meines Wochenendes bin ich soeben mit dir durch den XXL-Supermarkt gerannt – Solidaritätsschweißperlen im Gesicht. Du kannst es mir glauben, ich habe mit dir gelitten, gefiebert und mich an deiner Seite in die Kurven gelegt wie noch nie zuvor in einem Supermarkt – und ich habe schon an deine Geldbörse gedacht, bevor sie dir durch den Kopf schoss!

    Mit deinem unglaublich fesselnden Erzählhumor hast du mich jedoch keineswegs aus der Puste gebracht oder gar in eine stressige Schieflache, denn ich musste stellenweise laut lachen, sodass trotz Stress meine Glückshormone immer wieder schnell die Oberhand hatten.

    Ein besonders großes Kompliment gebührt deiner blitzschnellen „Randtypenwahrnehmung“. Du hast die Fähigkeit, mit einem Blick einen Mitmenschen derart präzise wahrzunehmen und sein äußeres Erscheinungsbild im Sekundenklick zu Illuminieren, dass man fast seine Herkunft, sein soziales Umfeld, Kleidergröße und Weltanschauung visualisieren kann.
    In mir lebt eine ähnliche Eigendynamik, die sich allzu oft selbstständig macht. Sehe ich z.B. eine „als Frau verkleidete Abrissbirne“ (herrlich!) geht meine Phantasie auf Reisen, dass ich ihr Leben mitsamt leeren Flaschen und vollen Aschenbechern vor mir sehe – und rieche…

    Das machen Phantasie und Imagination.

    Ich werde weiterhin an deiner Seite sein. Mitsingen, miterleben, mitleiden und mich herrlich amüsieren.

    Danke.

    Deine Brigitte

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    1. Liebe Brigitte,

      was mehr kann sich ein Autor wünschen, als einen anderen Menschen
      derart intensiv zu erreichen.

      Danke also, dass Du mir nicht nur Deine Zeit schenken magst, son-
      dern dass Du mir auch Deine Phantasie, Deine Vorstellungskraft
      und auch Deine Emotionen mit auf meine Wege geben und mich beglei-
      ten magst.

      Es ist ein sehr erfüllendes Gefühl, wenn man einen anderen Menschen
      mit den eigenen Worten erreichen kann und von ihm den Eindruck großer
      Freude und intensiven Mitgefühls widergespiegelt bekommt.

      Tatsächlich ist das der wahre Antrieb, die reine Energie, zu einer
      neuen Geschichte anzusetzen, wenn mir die Zeit und die eigene
      Phantasie in den nächsten Tagen und Wochen wieder hold sein werden.

      Danke, dass Du mich wieder beehren wirst und mir wieder Deine Auf-
      merksamkeit und Deine Leidenschaft beim Lesen schenken wirst.

      Nichts freut mich mehr.

      Bis bald, liebe Brigitte, und sei Dir ganz sicher, dass Du mir mit
      Deinen Zeilen nicht nur diesen Tag hast heller werden lassen.

      Liebe Grüße
      Dein Paul

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  2. Paul, erneut eine Wahnsinnsgeschichte. Zwar scheint mir die Moral diesmal ein bisschen kürzer zu treten, dafür ist der Humor stärker vertreten. Unzählbare Stilmittel, seien sie nur eine Formalität, so leisten sie dennoch ihren Beitrag zu einer guten Geschichte, verpackt in einer schönen Erzählung. Dieses Mal fasse ich mich ein wenig kürzer, muss meinem Drang jedoch nachgeben, dich zu korrigieren: „Nicht Kraft, Beschleunigung diesmal.“ Als Hobby-Physiker muss ich Dir hier widersprechen, insofern unsere Vorstellungen von den Gesetzen der Erde korrekt sein sollten. Denn Beschleunigung ist Teil der Kraft (-> Kraft=Masse*Beschleunigung).
    So, genug geklugscheißert, ich wende mich wieder der Lektüre zu und gebe Dir wieder den Stift in die Hand.
    Schönes Wochenende
    Schneemann

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  3. Das erste Kapitel habe ich mir schon vor längerer Zeit durchgelesen. Starker Tobak finde ich, aber nicht negativ gemeint, keinesfalls. Schwierig zu lesen, dennoch verständlich.
    Du schreibst sehr flüssig und man kann die Zusammenhänge direkt erkennen. Ich muss ehrlich sagen, ich habe es mehrfach lesen müssen, der Bericht ist eine Wucht…..:-)

    Liebe Grüße
    Isabella

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    1. Liebe Isabella,

      meine Lektorin hat vor nicht allzu langer Zeit zu mir gesagt,
      dass der Leser sich beim Lesen „einfühlen“ darf.
      Wenn der Autor es ernst meint, kann der Leser dadurch dessen
      Sprachrhythmus und Satzmelodien in sich aufnehmen.
      Lesen gerät dann zu einer Art Mitsingen des Textes.

      An Deiner Rückmeldung erkenne ich, dass Du Dich eingegroovt
      hast :-)! Wie schön.

      Danke und liebe Grüße
      Paul

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  4. Huhu Paul,
    ich muss sagen, dass mir die Geschichte bzw. dieser Teil der Geschichte sehr gefallen hat. Ich musste an einigen Stellen doch sehr schmunzeln (z.B. das mit der vergessenen Einkaufsliste).
    Ich muss aber zugeben, dass mir dieser Teil an manchen Stellen leider zu überspitzt ist (Die Metallkette des Einkaufswagens springt aus der Verankerung).
    Die Dialoge, besonders diese Selbstgespräche/Gedanken haben mir sehr gefallen. So wird die Geschichte lustiger

    Liebe Grüße,
    Lisa

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    1. Huhu Lisa,

      was für eine Freude, wenn Du mit meinen Gedanken und Worten Schmunzeln kannst
      und Dich damit mehr oder weniger in die Geschichte hineinziehen lässt!

      Das etwas zu Überspitzte, das Du ansprichst, bitte ich Dich im Auge zu behalten und mir
      gerne wieder zurückzumelden, wenn es Dir überzeichnet (so interpretiere ich Dein „überspitzt“)
      vorkommt. Ich werde selbst darauf achten, Kleinigkeiten nicht zu sehr zu karikieren.

      Danke und hab einen schönen Montag
      Dein Paul

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    1. So soll es und so darf es auch sein! Das richtige Leben schreibt oft Geschichten,
      die wir uns selbst kaum oder eben gar nicht ausdenken könnten.

      Etwas genauer hinzuschauen, offenbart uns eine Welt, wie sie nur von einer Realität
      geschaffen werden kann, die hin und wieder nur den Schmerz mit sich bringt, verdammt
      real zu sein, aber die Hoffnung in sich trägt, erheiternd sein zu wollen.
      Danke und liebe Grüße Paul

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  5. Ein sehr unterhaltsamer Reisebericht – vieles kam mir sehr bekannt vor, da steigt der Blutdruck ja schon beim Lesen… Es muss ein ehernes Naturgesetz des Lebens sein, dass man am Flaschenautomaten immer reichlich bepackte Menschen vor sich hat, und an den Kassen meist alte Dämchen, die kurzsichtig das Kleingeld zählen, um auch ja auf den Cent genau zu zahlen. Dabei ist die Anzahl der Artikel auf dem Laufband antiproportional zur Zeit, die man zur Verfügung hat.

    Aber so ein „Hätten Sie doch auch gemacht!“ versöhnt mich wieder mit dem Schicksal. 😉

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    1. Lieber Mikkaliest,
      wie schön, dass Du Dich so intensiv mit der Geschichte aus dem Supermarkt beschäftigt
      und so viele Parallelen zu Deinen eigenen Erfahrungen entdeckt hast.
      Tatsächlich ist nichts aus dieser Geschichte erfunden und Du darfst Dich auf dieses
      „Siegel“ auch in den anderen Schilderungen verlassen.
      Wenn dann einen Leser – am Ende eines Berichts – noch das Gefühl der Versöhnung ereilt,
      möchte ich nur dankbar dafür sein, mit Worten auch mal wieder ein selbst gestecktes,
      wenngleich auch ambitioniertes Ziel erreichen zu dürfen, was angesichts der Zeit, in
      der wir leben – voll von zu massiver, zu aggressiver und oft zu unbedachter Kommunika-
      tion keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
      Frohe Ostern, lieber Mikkaliest, und komm wieder, wenn es beliebt und gefällt.
      Dein Paul

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  6. Hej Paule,
    hab Deinen erheiternden Blog erst jetzt gefunden – diese wunderbar beschriebene Geschichte ist ein Naturgesetz und passiert in unterschiedlichen Kombinationen immer wieder.
    Ich les morgen weiter, alles an einem Tag hält keine Sau aus! ;-))))
    Gruss von StrenGeheim

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    1. Lieber StrenGeheim, Danke, dass Du meine Geschichten genießen kannst und wiederkommen willst.
      Danke auch für Dein Lob und Deine Euphorie, wenn ich alles richtig interpretiert habe :-).
      Sei also mein Botschafter und folge mir unauffällig und auf dem Fuß 🙂
      Liebe Grüße und frohe Ostern Dein Paul

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  7. Lieber Paul,
    Die grossartige bildliche Ausschmueckung oder besser Verpackung hat mich in die Unterwelt aehnlicher Einkaufserfahrungen eintauchen lassen, welche mich nun schmunzelnd und mit grosser Gespanntheit auf den zweiten Teil wartend zuruecklassen!
    Vielen Dank auch fuer die hervorragende Eroertung bezueglich des Wissensvorsprungs!

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    1. Lieber Blogger,

      mit diesem Beitrag teilst Du sehr behutsam das Herz des Autors in zwei Hälften: die eine ruft ihm zu, dass er niemanden „zurücklassen“ sollte, die andere flüstert, dass er für jedermann und jederzeit „hervorragende Erörterungen“ schreiben muss. Um diese Spaltung in Zukunft zu vermeiden, wird mein Autor auf mein Geheiß Dich fortan nicht nur versuchen zu begeistern, sondern auch gleich noch mitzunehmen…

      Dein Paul

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      1. Nie waren Reiseberichte so wertvoll.
        Ich lerne viel auch über Orte, an denen ich schon mal war, im Supermakt , an der Kasse oder im Auto. Vor allem gefällt mir der Blick zwischen die Zeilen. Paul Stein schafft es mindestens 2 Sätze mit nur einem zu schreiben. Dass soll wohl der zweite Blick sein.
        Wahnsinn und Weiter so!!!

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      2. Lieber Blogger,
        Du musst aus einer Generation stammen, in der Klosterfrau Melissengeist noch eine Marke mit Kommunkationsdruck war. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Du den Blick zwischen die Zeilen zu schätzen weißt und damit einen guten zweiten Blick nicht gering schätzen magst. Dies lässt Deinen Kommentar (als Gegenleistung gewissermaßen) für mich sehr wertvoll sein.
        An einer Stelle möchte ich Dich aber korrigieren: Ich bin es nicht, der so dicht und komprimiert seine Sätze zu fassen weiß. Es ist mein Autor, dem mein ganzes Vertrauen gehört, meine Abenteuer für Euch lustvoll in eine lesbare Form zu gießen. Danke, dass er wenigstens für einige unter Euch der Wahnsinn sein darf.
        Dein Paul

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  8. …. allerdings!! Ich liebe die Anregungen und Herausforderungen in Deinen Einleitungen, den Impuls, meinen Gehirnschmalz einmal umzubraten. Danke Paul für den Hinweis, dass Wissensvorsprung kein Vorteil sonden eine Illusion ist, das macht mein Leben leicht! Ich freue mich noch mehr über Illusionen zu erfahren!

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    1. Liebe Blogger,

      wie schön, wenn es nun Dialog auf diesen Seiten gibt. Vielen Dank dafür. Das darf gewürdigt werden.
      Und wie schön, dass wir auch in solchen Blogs erahnen, dass der Mensch und seine Wahrnehmungen in
      erster Nährung so bunt wie das Leben selbst sind.

      Bevor ich mich dem hoch geschätzten „Verpackungseffekt“ – jenseits des Zierats und des Rankenwerks – zuwende, aka „Douglas-Erlebniswelt“, strecke ich mich nach dem großen Wort der Illusion. In meiner Welt ist Wissensvorsprung nicht mehr als anerzogene und kunstvolle Selbsttäuschung. So deutet Wissensvorsprung in erster Linie auf eine Art Wettkampf hin. Auf einen Wettkampf, den keiner gewinnen kann. Ich wüsste nicht einmal, worum es bei diesem Wettkampf geht. Ich kenne die Regeln nicht, kein Ziel, keine Rekorde, keine Kontrahenten und selbst der Nutzen bleibt im Trüben. Ein untrügliches Indiz für Nutzlosigkeit. Was ist das für ein Wettkapmf, bei dem es nicht einmal ein Siegerpodest zu besteigen gibt? Die Ursache allen Übels liegt nach meinem Dafürhalten in der Wortschöpfung selbst. Wir verwechseln in unseren Köpfen den Vorsprung mit etwas wie dem Vorteil. Und sich diesen verschaffen zu müssen, ist ein vermaledeites Glaubensmuster; intensiv und lange – pädagogisch wertvoll – in unsere Leben als Kinder und Jugendliche gehämmert. Ich kann als Erwachsener nicht einmal mehr nach seiner Berechtigung fragen. So sehr ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ein bisschen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder „Sei stark!“ oder „Männer weinen nicht!“ Der Wissenvorsprung steht außerhalb jeden Zweifels, er ist eine Qualität per se! Wenn wir den Vorsprung als etwas verstünden, was wir in den Händen halten, nur um ihn zu teilen, würden wir alle gewinnen und könnten diesem vermaledeiten Glaubenssatz über Bord werfen. Ich sehe Wissensvorsprung mehr ein Instrument, ganz sicher am Ende ganz allein zu sein, denn wer einen Vorsprung hat, der liegt, läuft, denkt und ist – vor den anderen. Mit Abstand. Er ist allein. Wissensvorsprung ist für mich also weniger Illusion als Isolation!

      Kommen wir – weg von psychiatrischen Feinziselierungen – zur Wahrnehmung praktisch vorhandenen Guts! Zur Verpackung! Auch Danke dafür! Verpackung kann man erleben, kann man spüren, kann man für sich gewinnen. Man muss nur wollen. Voraussetzung ist, dem „Verpacker“ positive Absichten zu unterstellen: kein Abrakadabra, kein Hexeneinmaleins, kein Gaukelei, keine Verführung. Der Verpacker will dem Inhalt einen Zauber geben. Die Spannung erhöhen. Ein Vorspiel gestalten. Aber er kann nur erfolgreich sein, wenn der Empfänger es zu schätzen weiß, es annehmen möchte, sich einlassen will. Es ist eine Entscheidung. Und die darf jeder für sich und ganz alleine treffen – auch in Pauls Reiseberichten. Mein Autor wägt seine Worte wohl. Ich schaue ihm oft stundenlang über die Schulter. Er ergeht sich, er kämpft, er verwirft, er schreibt neu, er löscht und schmollt. Aber wenn er wieder lacht, dann weiß ich, dass er etwas gefunden hat, was zwar nicht alle vom ersten Wort an in seinen Bann zieht, aber etwas, was die Sinne täuschen, aber das Herz nie und nimmer belügen kann.

      Lest mit dem Herzen und die „erlesene“ Welt ist fern der „illusionären Verkennung“. Sie ist nah dem verpackten Abbild einer Erlebniswelt, über die man schmuzeln darf.

      Euer Paul

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  9. Also, Paul: Ich habe mich königlich amüsiert. Vor allem, nachdem die Story losgerollt war und der Erzählwille den Verzierungsdrang in angemessene Schranken gewiesen hatte. Das Inmichgehen bezüglich der moralischen Schlussfolgerung fiel eher kurz aus. In den erzählten Fällen kann ich die forschende Gewissensfrage deutlich mit „Ja“ beantworten. Ich hätt´s auch so gemacht. Ich freu mich auf den nächsten Teil…

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    1. Lieber Blogger,
      ich möchte Dich beglückwünschen: Erstens, weil Du Dich wegen des „Verzierungsdrangs“ hast nicht einschüchtern lassen, sondern tapfer geblieben bist. Lob! Zweitens, weil Dich die „forschende Gewissensfrage“ – und schön, dass Du meinst, Sie als solche erkannt zu haben – nicht ins Grübeln bringt, sondern wie Fett in einer Teflon-Pfanne von Dir abperlt. Das zeugt von hoher Integrität gegenüber dem Menschengeschlecht und den eigenen Werten. Ein weiteres Lob! Drittens, weil Du nach vorne schaust und schon jetzt dem 2. Kapitel entgegenfieberst, das dem Vernehmen nach im Laufe des Februars von meinem Autor fertiggestellt wird.
      Lass mich Dir zurufen, dass es dann gleich mehr zur Sache geht, Schätzchen :-)!
      Empfehle mich weiter, und vielleicht kommt ja sogar jemand auf die verwegene Idee, gerade die Verzierung als eine Köstlichkeit an Dich zurückzuspielen.
      Dazu sind alle herzlich eingeladen, die Verbrämungen aller Art zu schätzen wissen…
      Dein Paul

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      1. Lieber Paul,
        Verzierungen oder gar Verbrämungen aka Beschönigungen sind nicht das, was ich in deinen Berichten finde. Für mich sind es liebevoll gestaltete Verpackungen, die ich genauso liebevoll öffnen bzw. entfernen muss, um auf den Grund deiner Abenteuer zu stoßen. Wenn ich das wie ein Kind täte, das kaum erwarten kann, den Inhalt des Geschenks in Händen zu halten – ungeduldig reißend, mit der Schere traktierend – dann liefe ich Gefahr, den Inhalt zu beschädigen oder gar nicht mehr wahrzunehmen. Jede Lage Geschenkpapier, jedes Detail der Verpackung will aber sorgfältig und ganz bewusst entfernt, zur Seite gelegt, für sich gewürdigt werden, bevor ich den Inhalt dann genieße, von allen Seiten betrachte, mich darin vertiefe.Zum Schluss gilt es dann, die Verpackung und den Inhalt als Ganzes zu betrachten, denn sie bedingen einander. Der Inhalt ohne Verpackung wäre ein liebloses Geschenk; die Verpackung als reine Zierde zu sehen, würde ihrer Funktion nicht gerecht werden. Das Wechselspiel zwischen beiden ist das, was den zweiten Blick schärft, uns die Oberfläche verlassen lässt und uns auf den Tellerrand hievt.
        Vielen Dank für liebevoll und sorgfältig gewählte Verpackungen!

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