Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7 (Teil 2)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:

Ja, ja! Die Sache mit den Regeln. Eine verdrießliche Angelegenheit, wenn sie – auf einen Sockel und unter Polizeischutz gestellt – der menschlichen Vernunft einen wohlgestalten Unterschlupf im Unterholz der Dummheit bieten.

„Einer altersentsprechend gereiften Vernunft wäre es tendenziell angemessener, Regeln eher als freundliche Empfehlungen handhaben zu dürfen.“

Für den zweiten Teil dieses Reiseberichtes genügt vollauf, wenn Sie

  • ein keckes Schlückchen aus einer Pulle (Marke „Zivilcourage“) nehmen und
  • den Einfaltspinsel in sich gegen ein Mehrfaltsmalgerät austauschen.

Es folgt nun – weiterführend – aus der Zeit eines Regellosen:

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7 (Fortsetzung)

Die große Abflughalle wirkt mit dem Erfolg bei der chinesischen Gepäckrazzia mit einem Schlag viel heller. Neuer Tatendrang kommt in mich wie ein rezeptpflichtiges Aufputschmittel.

„Auf geht’s! Der Tag ist gut und er ist meiner.“

Nach etwa zweihundert Schritten kommt eine Weggabelung auf mich zu: linker Hand für Normalreisende, rechter Hand für Wichtigreisende.

„Eine gut funktionierende Zweiklassengesellschaft – auch auf einem Flughafen, denn alle Flugschweine sind gleich! Nur andere fliegen gleicher als andere!“

Ich: „Jetzt mal ehrlich.“
Ich: „Was?“
Ich: „Männlein wie Weiblein können doch einen 30-Kilogramm-Rucksack spielend auf ihren Rücken nehmen, oder?“
Ich: „Und?“
Ich: „Und damit aufrecht gehen!“
Ich: „Mach’s nicht so spannend.“
Ich: „Dieser Erwachsene kann diesen Rucksack dann auch überall hintragen, richtig?“
Ich: „Meinetwegen!“
Ich: „Und zu jeder Zeit.“
Ich: „Du nervst!“
Ich: „In einen Bus, in einen Zug, in ein Einkaufscenter.“
Ich: „Haben wir eine verbotene Substanz zu uns genommen, mein Lieber?“
Ich: „Selbst in eine Kirche.“
Ich: „Also gut! Du hast gewonnen. Was will er dort damit?“
Ich: „Die Frage ist, was er drin hat!“
Ich: „Und was hat er drin?“
Ich: „Was wohl?
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Genau! – Ganz genau! Keiner weiß es und es interessiert auch niemanden!“
Ich: „Jetzt reißt mir aber langsam der Geduldsfaden!“
Ich: „Nur auf einem Flughafen muss er ihn aufmachen.“
Ich: „So ist das eben.“
Ich: „Kommt dir das nicht paranoid vor?“
Ich: „Junge, diese Frage beantworte ich dir, wenn die uniformierte Staatsmacht am Security Check-in wieder unsere Pfeifenreiniger und unsere Feuerzeuge konfisziert.“
Ich: „Und warum müssen wir im Zug die Pfeifenreiniger nicht abgeben?“
Ich: „Weil wir im Zug kein Flugzeug entführen können.“
Ich: „Das ist eine super Antwort.“
Ich: „Und in einem Bus kannst du das auch nicht.“
Ich: „Aber das ist doch blanker Unfug!“
Ich: „Dieser Unfug gibt Menschen Sicherheit.“
Ich: „Scheinsicherheit!“
Ich: „Egal, wie du es nennst. Deshalb gibt es Regeln.“
Ich: „Regeln für Pfeifenreiniger-Enteignung?“
Ich: „Exakt! Damit fühlen sich alle sicherer.“
Ich: „Wenn man uns die Pfeifenreiniger wegnimmt?
Ich: „Yeap!“
Ich: „Und alle machen mit.“
Ich: „Es ist weniger das aktive Mitmachen, mein Freund!“
Ich: „Was dann?“
Ich: „Es ist mehr, dass man sich passiv daran gewöhnt hat.“
Ich: „Woran?“
Ich: „Daran, dass man uns auf einem Flughafen von Rechts wegen heftig in den Schritt fassen kann.“
Ich: „Aber in unserem Schritt findet keine Menschenseele Sicherheit.“
Ich: „Einige schon!“
Ich: „Um Gottes Willen, nicht auszudenken.“
Ich: „Solange es nicht wehtut.“

Rechts menschenleer, links proppenvoll! Rechts gehen, links stehen! Rechts wichtig, links nicht! Links ist keiner wichtig. Alle sind brav in Reih und Glied. Alle mit Pass und Boarding-Karte in der Hand. Wortlos. Der muffige Blick des zweibeinigen Kontrollapparats männlicher Gattung streift – nach meiner zehnminütigen Einkehr in der Warteschlange – die Dokumente von Paul Eberhard Stein nur den Bruchteil einer Sekunde. Er nickt.

„So bekommt man Menschen in Arbeit.“

Ich lächle und betrete ein Paralleluniversum: Was hier auf mich wartet, ist ein chinesischer Ausreisemarathon. Fünf geführte Schlangen unzähliger Reisender steuern in einer gigantischen Halle auf Dutzende von Abfertigungsschaltern zu. Würde niemand einreisen, das Land wäre binnen 48 Stunden menschenleer. Ausgeblutet. Niemandsland. Der Verödung ausgesetzt.

„Das chinesische Rätsel, warum das Wort ‚Immigration‘ über den Ausreiseschaltern zu lesen steht, werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr auflösen. Aber immerhin: Es ist auf Englisch.“

Wohin all diese Menschen reisen wollen, weiß man nicht, aber die Länge der Schlangen bedeutet mir weitere 30 Minuten Wartezeit. Ich habe noch reichlich Puffer, da nur noch der Security Check-in auf mich wartet.

„Wie gut, dass ich heute einen erfolgreichen Tag habe.“

Im Zickzack der Warterei habe ich ein Ablenkungsprogramm wie aus einem gebührenfreien Privatsender: Menschen schieben ihr Handgepäck, ihre Rucksäcke und ihre Taschen stumm mit den Füßen. Vor sich her. Links rum, rechts rum, links rum.

„Bei solchen Produktionskosten muss man auch keine Gebühren verlangen.“

Ich beobachte sie, wie sie beim Schieben mit dem inneren Auge in die völlige Inhaltsleere ihrer verrinnenden Lebenszeit starren.

„Dem Zuschauer geht es keinen Deut besser.“

Die perfekte Tarnung der völligen Inhaltsleere bieten Farbfensterchen. In der rechten Hand. Meist vierzöllig. Smartphones.

Ich: „Was die Leute da wohl anstarren?“
Ich: „Was wohl?“
Ich: „Bilder von den Liebsten?“
Ich: „Schön wär’s!“
Ich: „Sie stieren auf flackernde Abbilder jener Schönheit, die sie um sich herum nicht mehr wahrnehmen mögen.

Ich: „Alle scheinen irgendwie in ihren Nichtgedanken verloren.“
Ich: „Schön gesagt.“
Ich: „In Kontaktvermeidung!“
Ich: „Wohl wahr.“
Ich: „Irgendwie Isoliert!“
Ich: „Yeap!“
Ich: „Irgendwie scheu.“

Der Reisende von heute ist geboren aus dem Schoß eines 160-Zeichen-Kurzmitteilungsgottes. Mit der Segnung höherer Datenübertragungsraten hat dieser Gott plötzlich Milliarden tumber Jünger um sich geschart.

„Ein großartiges Geschäftsmodell!“

Ich: „Smart! Pah!“
Ich: „Was soll smart eigentlich heißen?“
Ich: „So was wie clever!“
Ich: „Ein Cleverphone, also?“
Ich: „Ja, der Nutzer soll sich schlauer fühlen.“
Ich: „Wird man denn schneller, wenn man sich eine Rennmaus kauft?“
Ich: „Natürlich nicht!“
Ich: „Aber kann man mit dem Ding nicht surfen?“
Ich: „Schon, aber man braucht verdammt kleine Füße, wenn man darauf stehen will.“
Ich: „Idiot! – Immerhin ist man jederzeit erreichbar.“
Ich: „Für wen?“
Ich: „Na, für die Außenwelt!“
Ich: „Und wie bezahlen all die Jünger die höheren Raten für die Datenübertragung zurück?“
Ich: „Das weißt du nicht?“
Ich: „Würde ich sonst fragen?“
Ich: „In Lebensminuten natürlich!“
Ich: „Du bist ein Zyniker!“
Ich: „Das ist das wahre Gesicht jeder Flatrate: die ruinöse Verschwendung der Lebenszeit!“
Ich: „Und ein Angeber bist du auch!“
Ich: „Quizfrage, du Schlauberger: Wie viele Menschen stehen gerade um uns herum?“
Ich: „Ziemlich viele!“
Ich: „Und wie viele schauen uns an, hm?“

Da ich heute einen guten Tag habe, lasse ich die Immigration nach geschwinden zwanzig Minuten des Gaffens und Sinnierens hinter mir. Was dann auf mich wartet, ist die letzte Hürde vor dem Gate und vor einem Pfeifchen: die Sicherheitskontrolle. Wie ich die Pfeife später in Brand setzen werde, wenn man mir alle Feuerzeuge abgenommen hat? Der Trick: Sechs Packungen Streichhölzer befinden sich an allen möglichen Stellen meines Handgepäcks. Eine alte Raucherfinesse. Funktioniert auf allen Flughäfen dieser Welt. Gefunden werden in der Regel drei.

Auf mich warten jetzt noch 10 Minuten des Anstehens. Ohne zu murren, ergebe ich mich auch diesem Schlangenschicksal. Als ich schließlich an der Reihe bin, gehe ich effizient und professionell vor: Laptop separat, alle Taschen leeren, Brustbeutel in die Schale, Handgepäck aufs Band. Dann ein schnelles Befummeln meiner Arme und Schenkel, meines Gürtels und meiner Fesseln sowie meines Allerwertesten.

„Der Schlingel!“

Schon kann ich alles wieder ordnungsgemäß verstauen. Doch der Moment des Einsammelns meiner Habseligkeiten und meines Aufbruchs wird jäh unterbrochen: Eine dritte Schwester des chinesischen Nachrichtendienstes – zählt man die Perlen aus dem Spionageabwehrkabuff dazu – baut sich vor mir auf. Es muss die kleine Schwester sein. Die chinesische Antwort auf Däumelinchen. Ein bedauernswerter Anblick.

„Trotz der mickrigen Statur ist die Uniform zwei Nummern zu klein. Ein Stück aus der Barbie-Abteilung.“

Däumelinchen (den Satz kenn ich schon): „Open your bags.“

„Jetzt werde ich aber langsam ungemütlich, meine Süßen.“

Ich (hörbar gereizt): „Please!“

Däumelinchen (ihr Sinn für Humor ist noch zwei Nummern kleiner als die Uniform): „What?“

Ich: „Mach jetzt bloß keine Welle!“
Ich: „Wir haben doch noch Zeit.“
Ich: „Lass stecken!“
Ich: „Besser, als am Gate rumzusitzen.“
Ich: „Mit diesen Mädels ist nicht gut Kirschen essen.“
Ich: „Wenigstens ein guter Spruch.“
Ich: „Nichts gibt’s!“
Ich: „Bitte!“

Mein Handgepäck-Koffer springt wegen des Ladegeräteinnendrucks fast von alleine auf. Die brennenden Blicke auf meinem Hab und Gut verheißen Ungemach.

Däumelinchen (mit zischelnder Unduldsamkeit in der Stimme und ausgestrecktem Zeigefinger): „Only two!“

Ich (mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck seit Marias Niederkunft): „Sorry?“

Däumelinchen (richtet sich auf, spannt ihre Schultern nach hinten, zeigt auf meine schnittigen Ladegeräte, die ungestüm aus meinem Handgepäck hervorquellen): „One person, two chargers.“

Ich (lege etwas Ungläubigkeit in meine Stimme und meine Hand auf die Ladegeräte): „Sorry?“

Däumelinchen (die Knöpfe an ihrer Uniform drohen aufzuspringen): „One person, two chargers.“

Ich: „Ich denke, dass wir das verstanden haben.“
Ich: „Haben wir das?“

Ich (mit einem irritierten ‚Äh‘ vorneweg, leise): „Äh, sorry?“

Däumelinchen (schiebt das Kinn vor, dehnt die Worte wie in Zeitlupe, ihre Uniformknöpfe sind an der Reißgrenze): „One – person, – two – chargers.“

Ich: „Wenn wir noch einmal fragen, erleben wir unser gelbes Wunder.“
Ich: „Seit wann machst du solche Witze?“

Däumelinchen (legt nach, kommt richtig in Fahrt): „You have six. Not possible.“

Ich (mit größtmöglicher Verbindlichkeit, ohne jede Ironie): „Five minutes ago, one of your very nice colleagues told me something completely different.“

Däumelinchen (ihre rechte Hand ballt sich zu einer Faust): „Two chargers, not more!“

Ich: „Jetzt reicht‘s!“
Ich: „Lass es uns mit friedlicher Deeskalation versuchen.“
Ich: „Von wegen!“
Ich: „Bitte!“

Kleine Teile in mir fangen an, dieses Spektakel zu genießen.

Ich (breite die Hände aus, lächle): „And the other four chargers?“

Däumelinchen (überschlägt den ersten Ton): „Can stay at the airport. One month.“

Ich: „Lass uns auf die Bremse gehen.“
Ich: „Nichts gibt‘s!“

Ich (betont ruhig, weil heute ein guter Tag ist): „What can stay at the airport? “

Däumelinchen (öffnet gedanklich ihr Holster): „Chargers! Can be picked up next visit!“

Ich: „Die Ladegeräte sind doch nicht so wichtig.“
Ich: „Hier geht’s ums Prinzip, mein zurückhaltender Freund!“

Ich (komme langsam auf Touren): „I need the chargers tomorrow! In India! Not in one month! Tomorrow!“

Däumelinchen (ihre Waffe hält sie mir jetzt in Gedanken unter die Nase, ihre Bäckchen glühen): „One person, two chargers.“

Ich: „Lass es gut sein. Bitte!“
Ich: „Keine Chance!“

Ich (meine Drehzahl lässt mich schon vibrieren): „Where is your boss?”

Däumelinchen (eine Rauchwolke steigt aus ihrer Nase): „Follow me!“

„Diese Märchenbraut ist garantiert im Jahr des Drachen geboren! Jede Wette!“

Mit einer schneidigen Wende auf den Hacken dreht mir das geschuppte Drachenbaby ihre Schokoladenseite zu.

Ich: „Wow, ein Zungenschnalzer, findest du nicht?“
Ich: „Ich bin so froh, dass uns niemand hören kann.“
Ich: „Jetzt mal ehrlich, dieses Fahrgestell ist doch ein Hingucker!“
Ich: „Chauvinist!“
Ich: „Du sagst doch immer, dass ich positiver sein soll.“
Ich: „Da geht es mir mehr um die inneren Werte, mein Lieber.“
Ich: „Weißt Du, wie du dich anhörst?“
Ich: „Behalt es für dich!“
Ich: „Immerhin hat sie in der Hektik die Pfeifenreiniger übersehen.“

Halb gehend, halb rennend, versuche ich den uniformierten Kurven von Däumelinchen zu folgen. Wir fliegen durch die riesige Ausreisehalle, bis wir an ihrem Ende an zwei unbemannten Schreibtischen zum Landeanflug ansetzen. Meine notdürftig zusammengerafften Siebensachen – die sechs schnittigen Ladegeräte und der klägliche Rest – kippen mehr auf einen der Schreibtische, als dass ich sie lege.

Ich: „Unser Däumelinchen ist echt angepisst!“
Ich: „Wie kommst du darauf?“
Ich: „Sie hat sich unterwegs nicht einmal nach uns umgedreht.“
Ich: „Echt nicht?“
Ich: „Nicht einmal. Ich hab’s genau beobachtet.“
Ich: „Was soll‘s? Jetzt wird’s lustig.“
Ich: „Deinen Humor will ich haben.“

Aus den Untiefen unzähliger spanischer Wände hinter den Schreibtischen tauchen wie auf Knopfdruck drei weitere Uniformierte auf. Zwei Männer, eine Frau. Die Männer klein, aber bullig. Zwei Würfel. Die Frau gleicht einer Spitzmaus. Der bittere Zug um ihre Münder scheint dienstlich geliefert zu sein. Vorzeigewachpersonal.

Ich: „Ich sag doch, dass es jetzt lustig wird.“
Ich: „Nach Spaß sehen die Kameraden aber nicht aus.“
Ich: „Nach Spiel aber schon.“
Ich: „Basketball können wir in dieser Besetzung aber vergessen.“
Ich: „Außer wir nehmen die Papierkörbe.“
Ich: „Bei solchen Witzen rede ich bald kein Wort mehr mit dir.“
Ich: „Ist ja schon gut. – Wissen wir schon, wer der Chef ist?“
Ich: „Wir werden es früh genug erfahren.“
Ich: „Ich tippe auf die Frau!“
Ich: „Kommt jetzt noch so ein Chauvinistenwitz?“

Däumelinchen setzt in lautstarkem Flughafendialekt zu einer ausführlichen Erklärung meines Anliegens an.

„Zumindest hoffe ich das!“

Der Tonfall verrät mir allerdings eine unterschwellige Einseitigkeit in ihrer Geschichte.

„Zumindest bilde ich mir das ein.“

Ein halber Roman wechselt die Seiten. Die drei von der chinesischen Tankstelle lauschen gespannt. Der bittere Zug um ihre Münder wird gallig.

„Man ignoriert uns penetrant!“

Plötzlich wendet sich die Spitzmaus mir zu. Sie lässt sich hinter meinen Habseligkeiten auf einen abgewetzten Bürostuhl fallen. Geöffnete Haltung.

Ich: „Sie ist die Chefin! Hab ich es nicht gesagt?“
Ich: „Klasse!“
Ich: „Dafür hab ich einen Riecher.“
Ich: „Reiß dich jetzt bloß am Riemen.“
Ich: „Keine Sorge, ich habe alles unter Kontrolle.“

Die Spitzmaus (tiefe Stimme, gerader Blick, direkte Anrede): „Mister Stein! One person, two chargers.“

Ich: „Ich wette, dass die diese vier englischen Worte schon in der Schule lernen.“
Ich: „Damit könntest du recht haben.“
Ich: „Hast du ihr Namensschild entziffert?“

Ich (noch ganz außer Atem): „I’ve already understood that, Miss Xi. But – I’m very sorry – I need all my chargers tomorrow! In India! Not only two! As a gift! If I have no chargers with me, I will have a problem.“

Alles in meinen Worten klingt nach Harmonie und Wohlwollen. Selbst meine Haltung, meine Gestik und meine Mimik bringen nur Frieden und den Willen zur Verständigung zum Ausdruck.

Ich: „Das hast du gut gemacht!“
Ich: „Die koch ich so was von weich.“
Ich: „Hörst du auch, was unsere Eingeweide sagen?“
Ich: „Was?“
Ich: „Das wird nicht klappen.“
Ich: „Ich höre nichts.“

Die Spitzmaus (senkt den Blick): „Do you have no colleagues outside for giving them your chargers?“

Ich (zerknirscht, mit großem Bedauern): „Sorry, but I’m travelling alone.“

Ich: „Und was sagen unsere Eingeweide jetzt?“
Ich: „Es könnte doch klappen.“

Die Spitzmaus (ihr Blick hellt sich auf und geht zu den zwei chinesischen Würfelchen): „The airline must decide.“

Ich: „Na also!“
Ich: „Ich dachte, das sind die Flughafen-Regeln.“
Ich: „Jetzt nicht mehr.“

Ich (ein süßes Lächeln ziert meine Erwiderung): „So, who do I have to talk to?“

Die Spitzmaus (eine Hand weist von den chinesischen Würfeln zu mir): „These officers will bring you back to the Cathay Pacific counter.“

„Geht doch.“

Flugs alles wieder eingepackt und zurück geht’s durch die riesige Halle. Nur das jetzt neben Däumelinchen die beiden Zollamtswürfelchen rollen. Mit erhöhter Geschwindigkeit.

Ich: „Siehst du die Luxuskörperlinien?“
Ich: „Halt endlich die Klappe!“
Ich: „Könnte uns mal wenigstens einer ein Gepäckstück abnehmen?“

Der Abstand zwischen den drei Hallenflitzern und mir wird größer. Ich renne, als sei ich auf der Flucht. Mir ist schon ganz schlecht von dem Gewetze.

Ich: „Ich will jetzt rauchen!“
Ich: „Du wolltest doch den starken Mann markieren.“
Ich: „Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen.“
Ich: „Dann darfst du dich jetzt aber auch nicht beklagen.“
Ich: „Wer konnte denn ahnen, dass wir uns derart verheddern.“
Ich: „War doch klar, dass man uns hier in der Halle keine Extrawurst brät.“
Ich: „Apropos Extrawurst. Wir könnten doch einfach abbiegen. Keiner würde was merken.“
Ich: „Oder wir könnten zwei unserer Ladegeräte dort vorne in den Papierkorb werfen.“
Ich: „Du hast sie nicht mehr alle!“
Ich: „Du hast doch von Basketball angefangen.“
Ich: „Und du von Extrawurst!“

Im Rennen hebe ich meinen rollenden Mini-Trolley mit den Ladegeräten mit dem linken Arm in Gürtelhöhe, öffne den Reißverschluss an der Seite, stecke meine Hand in das Innere, ertaste das erste Ladegerät, ziehe es heraus, klemme es unter meinen linken Arm, stecke die Hand erneut in den kleinen Koffer, ertaste das zweite Ladegeräte, ziehe es heraus und stecke es zu dem anderen, schließe den Reißverschluss und stelle – immer noch rennend – den Trolley wieder auf die Erde. Mit einem kleinen Hakenschlag passiere ich einen Papierkorb in Sprungwurfnähe.

Ich: „Ein Dreier muss her!“
Ich: „Wenn wir den nächsten Korb an der Wand dort nehmen, tut’s ein Korbleger.“

Sechs Sekunden später verschwinden zwei meiner Ladegeräte in einem sehr ordentlich aussehenden Abfalleimer. Chinesisches Staatseigentum.

Ich: „Die Regeln sagen, dass man alles in dafür vorgesehenen Behältern entsorgen muss.“
Ich: „Du spinnst.“
Ich: „Lass uns lieber hoffen, dass die Dinger nicht alle fünf Minuten geleert werden.“
Ich: „Hast du dir die Nummer des Ganges gemerkt?“
Ich: „72!“
Ich: „Und wenn man uns gefilmt hat?“
Ich: „Angsthase!“

Däumelinchen und die Würfel haben nicht den Hauch einer Notiz von meiner Aktion genommen. Zu meiner Nicht-Verwunderung erwartet mich die vorausgeeilte Eskorte mit bittersten Gesichtszügen – zwischen gallig und versteinert. Ich erwidere den Empfang mit ein paar Schweißperlen auf meiner Stirn. Ohne mich vorher zu fragen, hängt mir Däumelinchen eine Art Ausweis um den Hals.

„Eine Medaille? Für den schnellsten Gepäckmarathon seit der Ming-Dynastie?“

Däumelinchen (lässt die Unduldsamkeit in ihrer Stimme wieder aufblitzen): „With this batch you can cross all Security Check-ins faster.“

Ich (ungläubig): „Really?“

Däumelinchen (die Knöpfe spannen sich wieder): „You have to bring the batch back. To me!“

Ich (lege die Hand auf den Ausweis an meiner Brust): „I take care. Promised.“

Ich: „Wir haben noch 35 Minuten bis zum Boarding.“
Ich: „Das schaffen wir locker.“

Däumelinchen (weist in Richtung der Ausreisehalle): „You have to take this way back.“

Ich: „Wir gehen doch jetzt nicht zu den Kopfrechenspezialistinnen zurück, oder?“
Ich: „Natürlich nicht.“

Kaum bin ich aus dem Sichtfeld der beiden Würfel und Däumelinchens verschwunden und durch einen Seiteneingang wieder im Immigration-Teil der Ausreisehalle angekommen, orientiere ich mich in Richtung Abflughallhalle.

Ich: „Doch zurück?“
Ich: „Nur zurück in die Abflughalle, nicht zu den Schaltern.“

Als ich drei Minuten später durch eine Einbahnstraßentür wieder in der Abflughalle und exakt an der Weggabelung für Normal- und Wichtigreisende stehe, streift mein inneres Ohr die engelschorale Symphonie des Heldentriumphs:

„Heute ist ein guter Tag!“

Ich: „Wir gehen rechts!“
Ich: „Bauch rein, Brust raus!“

Sie erinnern sich: links proppenvoll, rechts menschenleer.

„Ich liebe diesen Tag!“

Der schrille Ton einer Trillerpfeife lässt mich erstarren. Wie angewurzelt, bleibe ich vor der Schwingtür für Wichtigreisende stehen. Obschon ich gar nicht weiß, ob das Signal aus einem chinesischen Blasinstrument für Arme oder Kleine mir gegolten hat, lässt mich die Lautstärke des Pfiffs kaum einen Zweifel hegen. Der zweibeinige Kontrollapparat von vor einer Stunde hält seinen Arm wie eine Schranke vor mich. Seine Diensteifrigkeit strahlt aus jeder entblößten Zelle seines Körpers. Mutig drehe ich mich ihm zu und weise stolz auf meinen Brustausweis.

„Die Schranke öffnet sich nicht.“

Ich tippe erneut auf den Ausweis, aber obwohl das Ding für ihn auf Augenhöhe baumelt, schenkt er ihm keinerlei Beachtung.

„Das wird nichts.“

Mit einer 90-Grad-Drehung nach links und ein paar Schritten an dem Kontrollapparat vorbei stelle ich mich also in die Schlange für Normalreisende.

Ich: „Mit diesem Ausweis haben wir eine Niete um den Hals gehängt bekommen.“
Ich: „Das wusste Däumelinchen schon vorher.“
Ich: „Na warte!“
Ich: „Unsere Zeit wird knapp.“
Ich: „Mach dir nicht ins Hemd.“

Nach meiner zweiten Kontrolle von Boarding-Karte und Pass am heutigen Tag in dieser Schlange halte ich auf der rechten Seite an einem Absperrband. Die gigantische Ausreisehalle wirkt noch voller als zuvor. Ich knie mich auf die Erde, öffne den Rucksack und meinen Mini-Trolley. Zwei der verbliebenen vier Ladegeräte packe ich um: vom Koffer in den Rucksack. Meine Pfeifenmappe und ein Buch wandern dafür vom Rucksack in den Koffer.

Ich: „Glaubst du wirklich, dass die darauf reinfallen?“
Ich: „Mal sehen!“
Ich: „Das klappt nie!“
Ich: „Wart’s ab!“
Ich: „Nie und nimmer!“
Ich: „Etwas Vertrauen könnte nicht schaden.“

Auf den Knien und mit dem Schließen meiner Gepäckstücke verlagere ich meinen Körperschwerpunkt unter dem Absperrband auf die andere Seite. Genau in die Spur der Wichtigreisenden, die auf der anderen Seite des Absperrbands verläuft.

Ich: „Das kannst du doch nicht machen.“
Ich: „Was soll denn schon passieren? Außer einem Trillerpfiff vielleicht.“

Ich ziehe meine Gepäckstücke in die Mitte meiner neuen Spur, stütze mich auf ihnen beim Aufstehen ab, sehe mich bewusst nicht um, stelle den Koffer auf die Räder, schultere den Rucksack und gehe gemessenen Schrittes los.

Ich: „Na wer sagt’s denn? – Kein Pfiff!“
Ich: „Unglaublich!“
Ich: „Hörst du mir nicht zu: Vertrauen hilft.“

Die Spur führt mich ganz an den rechten Rand der Ausreisehalle. Ein verwaistes chinesisches Männlein wartet auf Kundschaft. Ich lege schon im Anflug mein bestes Lächeln auf die Lippen und halte meinen Brustausweis in die Höhe als sei ich von der Pekinger Kriminalpolizei. Meine Erscheinung, der Ausweis und mein Tempo – von meinem Lächeln ganz zu schweigen, machen mehr Eindruck, als ich mir erträumt habe: Schon drei Meter bevor ich die Absperrung erreiche, fährt das Zugband unter den kundigen Griffen des beflissenen Kollegen zurück und gewährt mir den Durchgang zum Security Check-in.

„Dein Glück, Däumelinchen!“

Nachdem ich die richtige Reihe zur Rückgabe des Brustausweises wiedergefunden habe, liegen keine fünf Minuten später mein Laptop, mein Brustbeutel, meine zwei Handgepäckstücke – mit je zwei Ladegeräten – und meine Jacke ordnungsgemäß auf dem Band zur Röntgenuntersuchung. Als ich erneut auf Metall durchleuchtet und zwischen naturnah und rustikal abgetastet, am Band stehe, um mein Gepäck aufzunehmen, tritt Däumelinchen an meine Seite.

Däumelinchen (unduldsam wie eh und je): „Where is my batch?“

Ich (mein Gesichtsausdruck ist Sonne pur): „Here!“

Däumelinchen (unsicher): „And Cathay Pacific? What did they say?“

Ich (strahle, es wird hell um mich): „It was not necessary to talk to them. I found fortunately two colleagues of mine. They agreed to take the chargers in their bags.“

Ich: „Wow, wir können aber lügen.“
Ich: „Wir lieben Regeln, mein gesetzestreuer Freund, oder?“

Däumelinchen (ihr prüfender Blick leuchtet mir in den hintersten Winkel meines Gehirns): „And now you have only two chargers in your luggage?“

Ich (lächle noch breiter): „Yes!“

Däumelinchen (schnappt sich den Koffer, hält ihn hoch): „Two? “

Ich (gleich hänge ich mir den Unterkiefer aus): „Yes!“

Ich: „Sie wird alles aufmachen!“
Ich: „Cool bleiben!“
Ich: „Wir wandern in den Knast!“
Ich: „Quatsch! Sie lässt uns nur zappeln!“

Däumelinchen lässt den Koffer sinken, blickt mir ein letztes Mal tief in die Augen und tritt dann zur Seite.

Ich: „Nimm den Koffer mit der Linken entgegen.“
Ich: „Lass mich!“
Ich: „Ganz langsam!“
Ich: „Keine Sorge.“
Ich: „Und jetzt dreh dich ganz langsam um sie herum.“
Ich: „Ruhig Blut!“
Ich: „So kann sie unseren Rucksack nicht mehr sehen.“
Ich: „Perfekt!“
Ich: „Und jetzt ab durch die Mitte!“

Neunzig Sekunden später sitze ich auf einer Bank am Gang 72. Die Mülleimer sind noch nicht geleert, und meine Pfeife ist bereit: für volle sechs Zündholzschachteln!

Euer Paul

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6 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7 (Teil 2)“

  1. Du erlebst bei einem Abflug mehr als ich bei allen Flügen insgesamt. Wie gerne würde ich mal neben dir stehen und all deinen Figuren lauschen, natürlich mit kleinen sarkastischen Zwischenrufen, denn schließlich bin ich im Jahr des Drachen geboren – danke für deine Geschichte.

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    1. Lieber Arno,

      keine Ahnung, warum ich derlei wie ein starker Magnet anziehe!
      Keine Ahnung, wie ich mir solcherlei ins Leben hole!
      Keine Ahnung, warum ich oft derlenige bin, der das erleben darf!

      Sei’s drum!

      Ich genieße es! Auch schon immer dann, wenn es geschieht, denn ich
      weiß just in diesem Moment, das ein Bericht daraus werden könnte,
      der z.B. Dich erfreut.

      Und das allein ist es mir schon wert, ihn aufzuschreiben.

      Danke Dein Paul

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  2. Wundervoll !!! Es lassen sich alle Regeln freundlich .. bestimmend .. und mit ein wenig Hinterlist überwinden … ist man ein wenig einfallsreich und noch mehr humorvoll ist es immer ein “ Guter Tag “
    Einfallsreichtum .. Witz und eine Spur Sarkasmus lassen und so Einiges in einem anderen Licht sehen …
    Danke für die Ausdeckung … jetzt weiss ich Bescheid
    LG Claudia

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    1. Liebe Freundin, meine liebe Claudia,

      für einen Sonntagabend hältst Du mit Deinem Kommentar noch ein wahres
      Glanzlicht für mich bereit.

      Es ist, wie Du schreibst: mit einer positiven Grundhaltung, mit etwas
      Einfallsreichtum, und dem festen Willen, alles ernst, aber nie zu ernst
      nehmen zu wollen, lässt sich Vieles im Leben erreichen oder vermeiden
      und was sich nicht vermeiden lässt, lässt sich in jedem Fall leichter
      ertragen.

      Gerne habe ich Dir diese Geschichte „ausgedeckt“! Es war mir eine Freude.
      Dein Freund Paul

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