Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (Teil 6)

…das Kettenpolsterfinale“:

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können, kennt wohl ein jeder:
die verschwenderische, die überbordende, ja die unverschämte Lust am puren Leben. Nicht zu wissen, wohin mit seiner schwärmerischen Natur, seiner strotzenden Potenz, seinem grenzskandalösen Elan, seinem ‚vulkanigen‘ Ich. Das Höchstgefühl des Irdischen in seiner unendlichen Weite – in einem Körper:
Die Seele triumphiert, juchzt und bebt. Eine umwerfende Kraft.

„Ein Nobelpreis der Schöpfung.“

Krasse Gegenteile solcher Höchstgefühle offenbaren sich in mir, der ich ganz allein im Trockenbett meines Euphorie-Amazonas stehe und in wenigen Augenblicken meinen fünf Kameraden beichten muss: „WEGEN MIR und nur WEGEN MIR müsst IHR um dreißig nach null siebenhundert zum Kettenpolsterwechsel. Geführt von Brubelt. Im Gleichschritt zum Strafdienst.“

Vervollständigen Sie nun Ihre Ausrüstung mit

  • einem Vorschlaghammer, der Marke „Gebäude-Tod“,
  • der Technischen Dienstvorschrift TDv 2350/033-20 für einen Laufpolsterwechsel (auch ‚Kettenpolster‘ genannt) an einem Leopard 2,
  • der unüblichen Einsicht, dass Sie vielleicht doch nicht ganz so fabelhaft sind, wie Sie gerne annehmen oder betont beiläufig vorgeben,
  • einem Arbeitstier, das Ihnen mal so richtig zur Hand gehen kann und
  • einem gerüttelt Maß an tiefer Zuneigung zu sinnleerer Arbeit.

Es folgt nun:

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (fünfte und letzte Fortsetzung)

Zehn nach nullsiebenhundert. Ich bin vor meiner Stube zurück. Wie ich von Müllers Büro dorthin zurückgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ausgelaugt, leergepumpt, schlaff stehe ich da. Meine Uniform ist mir nach dieser Erfahrung drei Nummern zu groß. Konnte ich noch vor einer Stunde nur mit Mühe den Enthusiasmus in mir zähmen, den furiosen Sieger in mir bändigen und wären mir just zum Zeitpunkt des kurzen Triumphes fast noch alle Gäule und die al dentigen Beine durchgegangen, bin ich fürs Hier und Jetzt nur noch eine körperliche Havarie, ein menschliches Wrack in NATO-Oliv.

Mental bin ich in der wirren Zwischenwelt eines Versagers angekommen: zwischen selbstzerfleischenden Vorwürfen und den essigsauren Freuden an jenen Eingebungen, die immer dann zu einem kommen, wenn der Käse sprichwörtlich längstens gegessen ist.

Ich: „Du bist so ein Schlappschwanz, Paul!“
Ich: „Ich hätte dem Arsch von Müller sagen sollen, dass er sich den Offiziersanwärter in die Kimme schmieren soll.“
Ich: „Hinterher große Töne spucken. Starke Leistung!“
Ich: „Die Keidel war schuld! Warum hat sie mich auch wieder rausgeschickt?“
Ich: „Machen wir uns nichts vor: Das war das Werk einer reichlich tauben Nuss.“
Ich: „Das hat mich aus dem Konzept gebracht. Ich hätte ihr in ihr fettes Gesicht springen müssen.“
Ich: „Einsargen müsste man dich!“
Ich: „Ich war nur schlecht vorbereitet.“
Ich: „Hör doch auf, Paul! Mickrige Fischeier sind es, – da in deiner Hose!“
Ich: „Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass deine Offenheit immer bei meiner Schuld endet?“
Ich: „Kaviar in der Hose, Paul!“
Ich: „Mir reicht’s! Kaviar, am Arsch!“
Ich: „Sieh’s ein: Im Nahkampf bist du eine Niete!“
Ich: „Ich seh‘ gar nichts ein.“
Ich: „Das nächste offene Messer wartet schon. Wart’s ab!“
Ich: „Hör jetzt auf! Ich muss zu den Jungs in die Stube.“
Ich: „Du wirst schon sehen!“

Meinen Hirnsumpf für rettende Ideen und kreative Auswege hat mir Hauptfeld Müller mit seinem dienstlich gelieferten Heißluftgeschwätz samt und sonders trockengelegt. Ohne Skrupel. In fünf Minuten. Herzlos. Blitzdürre im Kopf. Bis auf den letzten Strohhalm. Nichts mehr, woran ich mich klammern könnte.

„Ich muss jetzt da rein, aber kann nichts mehr denken!“

Die doppelläufige Fingerpistole Müllers ist vor meinem inneren Auge immer noch auf mein Ohr gerichtet. Aus dem stramm gefüllten Klingelbeutel ist ein ausgeplündertes Opferdöschen geworden.

„Ich bin ein Schrumpfheld, der zum Griff der Stubentür aufschauen muss.“

Mit Mühe öffne ich die Tür. Christian, Klaus und die anderen sitzen auf ihren Betten. Als ich eintrete, springen alle auf, stürmen auf mich zu und bedrängen mich, als wäre ich gerade aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Ihren Fragen, was denn los gewesen sei, was der Hauptfeld gesagt, was ich geantwortet habe, was die Keidel gesagt, was ich geantwortet habe, was sonst gesagt und geantwortet wurde, kann ich erst etwas entgegnen, als ich mich der körperlichen Umklammerung entziehe und auf mein Stockbett flüchte.

Der Ausdruck ihrer Gesichter, zu Beginn meiner Schilderungen noch irgendwo zwischen erwartungsfroh und unheilleugnend, wird während meiner chronologischen Ausführungen länger und länger. So lang, bis ich fünf Pferdegesichter in astreiner Keilform um mich habe; wie es sich für solcherlei Getier gehört. Allesamt mit der dauernden Mimik ungläubigen Verneinens.

„Oder haben alle ihre Gasmasken aufgesetzt? Mein sonst ganz brauchbarer Durchblick ist bei minus zwanzig Dioptrien angelangt. Ich halte in dieser Schwachsichtigkeit lieber inne, denn den Schlussakkord (in Hiob-Moll!) habe ich noch zwischen meinen Zähnen stecken: Kettenpolsterwechsel mit Brubelt.“

Sie wissen noch: Brubelt, der Typ mit dem Koffer, mit der Indianerin im Geranienkasten und mit dem größtmöglichen Sprung in der Schüssel, seit es Porzellan gibt. Einhundertneunzig gewaltsame Zentimeter.

„Kacke!“

Es herrscht hoffnungsfreie, unwirtliche Wortlosigkeit in der Stube.

Ich: „Du musst jetzt langsam mit der Wahrheit rausrücken, Paul!“
Ich: „Ich kann das den Jungs unmöglich sagen.“
Ich: „Du musst!“
Ich: „Ich weiß, – aber nicht wie.“

Ich höre mich selbst kaum noch…

Ich: „Du hast noch zehn Minuten, dann müssen alle vor dem Kompaniegebäude stehen.“
Ich: „Stress bringt jetzt gar nichts!“
Ich: „Noch zehn Minuten.“
Ich: „Ruhe!“

Die Gasmasken (vulgärsoldatisch auch  „Gesichtspariser“ genannt) starren mich an, als würde gleich eine radioaktive Wolke aus mir entweichen.

Ich: „Du sagst doch immer, dass du unter Druck super funktionierst.“
Ich: „Aber nicht, wenn die Jungs so unschuldig aussehen…“

Jeder weiß, was jetzt kommt.

Ich: „…und in weniger als einer Minute auf mich losgehen…“
Ich: „…weil sie einen Schuldigen brauchen, – nicht zu vergessen.“
Ich: „Ganz genau!“
Ich: „Aber du hast dich gemeldet, du musstest den Schlauberger spielen und du musstest ja dein Arschgeigensolo durchziehen.“

Ich (leise – in die Trommelfell zerbeißende Stille): „Wir müssen mit Brubelt zum Kettenpolsterwechsel.“

Panikgeschwängerte Stammellaute brechen mit Herzstillstandsverzögerung das Schweigen der fünf.

Manfred (mit einem satten Ausdruck der Entgeisterung): „Sag, oh bitte, nicht wahr.“

Felix (verdattert, mit hervorquellenden Augen, als hätte er eine Filterzigarette falsch herum angezündet und den ganzen Filter mit einem Zug inhaliert): „Boah, Dreck!“

Klaus (so klingt er beim Bankdrücken – mit 150 Kilo auf der Brust – in der vierten Wiederholung): „Pffffffff!“

„Am Rande perverser Begeisterung!“

Christian (weinerlich, leise): „Das Wochenende können wir vergessen!“

Michael (greift instinktiv zu seinen mentalen Aufbauhelfern: den Runensteinen, erstaunlich ruhig): „Mal sehen, was die dazu sagen!“

Ich sitze betreten auf meinem Bett und starre auf meine baumelnden Springerstiefelspitzen. Das Feuerzeug von Felix flammt auf. Michaels Runensteine rollen unter ein Stockbett.

„Das ist ja ein richtiger Zungenbrecher: Springerstiefelspitzen. Ich muss mal versuchen, das zehn Mal schnell hintereinander zu sagen. – Wenn ich diesen Tag überlebe.“

Punkt halb acht stehen wir vor dem Kompaniegebäude. Anzüge sind gerichtet. Schiffchen auf dem Kopf, Knöpfe geschlossen, die Ärmel des Feldhemds (flammhemmend) vier Mal nach oben gekrempelt. Ganz nach sommerlicher Bundeswehr-Kleiderordnung. Die Laune ist auf dem Niveau des Grundwasserspiegels. Jeder von uns hat neben einem mulmigen Unbehagen, das ihm bis in die Lendengegend reicht, ein waidwundes Brennen im Körper: der nahende Wochenendtod!

„1000 Mal schlimmer!“

Brubelt tritt auf. Er präsentiert die passende Miene zu der blutrünstigen Bildzeitungs-Überschrift: „Mit Kettenpolstern erschlagen!“

„Ich spüre, dass er lieber seine Geranien gegossen hätte. Mitten unter seiner Indianerin. Auf ein nettes Schwätzchen brauchen wir nicht zu hoffen und ein Häppchen Verbrüderung wird auch nicht laufen. So viel ist sicher.“

Ich (was soll’s, ohne jede Vorankündigung in meinem Kopf, halblaut, mit der lässigen Beliebigkeit einer Wegwerfbemerkung): „Müssen wir wieder im Gleichschritt zur Halle traben?“

Ich: „Was hast du vor?“
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Willst Du Dich jetzt auch noch mit Brubelt anlegen?“
Ich: „Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.“
Ich: „Müller hast du ja schon durch.“
Ich: „Wir sind alle erwachsen.“
Ich: „Du bist ja unberechenbar.“
Ich: „Und wir wissen auch alle, wo die Halle ist.“
Ich: „Ein Psycho.“
Ich: „Und marschieren können wir auch.“
Ich: „Jetzt zieh dich warm an. Die Ärmel kannst du ja schon mal runterkrempeln.“

Brubelts harter Blick sticht empfindlich tief in meine weiche Netzhaut.

Brubelt (jäh): „Stein, zu mir!“

Ich gehe drei Schritte auf Brubelt zu, hebe die Hand zum Gruß.

Brubelt (ohne meinen Gruß abzuwarten, gepresst):„Was ist los, Stein? Scheiße im Hirn? Jetzt auch noch Stress mit mir anfangen?“

Ich (lasse die Hand wieder fallen, dafür passt mir aber meine Uniform schon wieder ganz ordentlich): „Herr Stabsunteroffizier, ich wollte…“

Brubelt (seine Erregung droht, mein flammhemmendes Feldhemd zu entzünden): „Stein, ich will heute nichts mehr von Ihnen hören. – Sie haben für heute genug Schaden angerichtet. – Keinen Mucks mehr! Ist das klar, Stein? Keinen Ton!“

Ich (eifrig nickend): „Das ist klar, Herr Stabsunteroffizier, aber ich verstehe nicht, was das bringen soll, wenn wir…“

Brubelt (ein Blitz aus Brubelts Augen schlägt in meinen Pupillen ein, er schreit): „Stein!“

Ich (zucke kurz zusammen, winke aber beschwichtigend ab): „Ist ja schon gut! Was regen Sie sich denn so auf? Ich meinte doch nur…“

Brubelt (macht einen Schritt auf mich zu, er zittert): „Halt’s Maul, Stein!“

„Maul halten! Jawoll!“

Brubelt (harsch, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet): „Wartungstrupp, antreten!“

30 Sekunden später laufen sechs Soldaten hintereinander in Richtung Ausbildungshalle. Im Gleichschritt. Christian flüstert irgendwas von lebensmüde und Klaus hat mir beim Eintreten in die Reihe derart in die Seite geboxt, dass ich die ersten Kommandos ohne Luft in den Lungen marschieren muss.

Ich: „Das war ja spitze.“
Ich: „Ist doch wahr.“
Ich: „Du wirst dich noch um Kopf und Kragen reden.“
Ich: „Maul halten! Jawoll!“

Ein schmuckloser Flachbau auf leicht abschüssigem Gelände wartet auf uns, zudem ein Leopard 2, zwei Gleisketten mit je hundert Kettenpolstern und ein mindestens als kantig einzuschätzender Freitag.

„Pro Polster sechs bis zehn Hiebe. Keine Kleinigkeit. Und schon gar nicht mit einem Hammer, den man selbst mit frischen Muskeln kaum länger als ein paar Sekunden am ausgestreckten Arm halten kann. Klaus ausgenommen.“

Brubelt (als müssten ihn alle Soldaten des Kasernengeländes hören): „Links, rechts, links, rechts! Links, …, links, …, links, zwo, drei, vier!“

Ich: „Und das im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte!“
Ich: „Bist du dir da sicher?“

Wir marschieren. Brubelt brüllt mit seinen Marschbefehlen unsere Stimmung noch unter den Grundwasserspiegel und uns selbst nach acht langen Minuten in eine finstere Instandsetzungshalle.

7.38 Uhr!

Zehn Meter hinter dem offenen Rolltor reagieren wir vorbildlich auf das letzte Formaldienst-Kommando: „Abteilung halt!“

Ich muss mich selbst aufmuntern:
Ich: „Acht Minuten der nächsten acht Stunden sind schon um!“
Ich: „Und das waren noch die acht besten.“
Ich: „Vergiss die NATO-Pause nicht!“
Ich: „Glaubst du Brubelt lässt uns die machen?“
Ich: „Das muss er!“
Ich: „Brubelt muss gar nichts!“
Ich: „Sterben muss er.“
Ich: „Bist du sicher?“
Ich: „Ich bin nur sicher, dass es besser ist, wenn du für heute das Maul hältst.“

Befehle abwarten.

„So ein Panzer hat aus der Nähe etwas Quälendes. Vor allem sein 120-Millimeter-Glattrohr. Nicht Länge, Kaliber! Gerade wenn man noch eine Restliebe zum Frieden in sich hat. Und dieses Monstrum wiegt voll bewaffnet mehr als tausend gut proportionierte Frauen!“

Brubelts Antlitz beginnt, verklärt zu leuchten, als er dieser Drohgebärde aus Stahl gegenübertritt.

Ich: „Jetzt schau ihn dir an!“
Ich: „Was?“
Ich: „Wie bescheuert er glotzt.“
Ich: „Hast du ihn schon anders gesehen?“
Ich: „Das könnte mildernde Umstände für uns bedeuten.“
Ich: „Versteh ich nicht.“
Ich: „Junge, unser Bonsai-Wandschrank, Klaus, und Brubelt verbindet eine obszöne Leidenschaft.“
Ich: „Du spinnst!“
Ich: „Ohne Scheiß, die reiten beide auf dieser ‚Kriegsmaschinen-sind-super-Welle‘!“
Ich: „Blödsinn!“
Ich: „Erinnerst du dich nicht mehr, was Manfred erzählt hat?“
Ich: „Dunkel.“
Ich: „Die beiden sollen sich gestern beim Mittagessen mit irgendwelchen technischen Panzerdaten regelrecht einen runtergeholt haben. Bewaffnung, Kompositpanzerung, Kampfwertsteigerung, bla bla bla.“
Ich: „Toll, an was du dich so alles erinnerst!“
Ich: „Ist doch egal, aber die beiden haben den Schuss im Duett nicht gehört!“
Ich: „Und was fangen wir mit dieser brillanten Erkenntnis an?“
Ich: „Na, wenn Klaus den Brubelt ablenkt, werden wir einen entspannteren Tag erleben. Kapiert?“
Ich: „Einen Versuch ist es wert.“
Ich: „Jetzt sind wir beieinander!“
Ich: „Versteht Klaus dieses Manöver?“
Ich: „Wie du sagst, einen Versuch ist es wert.“

Als wir zu den Spinden befohlen werden, um die Blaumänner anzuziehen, beeile ich mich, zu Klaus, der vor mir ist, aufzulaufen.

Ich (neben ihm, schneller Schritt, schaue gerade aus, ganz beiläufig): „Hast Du eine Idee, wie wir die Sache hier vielleicht abbiegen können?“

Klaus (klingt völlig unbedarft, jungfräulich): „Hä?“

Ich (weiter möglichst beiläufig): „Na, vielleicht können wir das mit der Arbeit irgendwie anders regeln.“

Klaus (bleibt abrupt stehen, sieht mich scharf an, leise): „Was meinst Du?“

Ich (sehe zu Boden, spiele etwas Verlegenheit): „Du verstehst Dich doch gut mit Brubelt, oder?“

Schweigen!

Klaus (ich sehe den Puls an seiner Halsschlagader): „Du meinst, ich lenke ihn ab, während ihr Euch die Nüsse schaukelt. Richtig?“

„Das ist für heute das dritte Mal, dass mich einer von den Jungs aus meiner Stube überrascht. Klaus, alle Achtung! Chapeau!“

Ich (blicke vorsichtig auf): „Warum nicht?“

„Ich komme mir schon vor wie meine eigene Freundin, die mich zum Einkaufen überreden will.“

Klaus (mustert mich, lacht plötzlich, klopft mir auf die Schulter): „Ein bisschen körperliche Arbeit hat noch niemandem geschadet. Schau Dich mal an! Das wird witzig!“

„Witzig? Einen Scheiß wird es!“

Er wendet sich von mir ab, schüttelt den Kopf und zieht sein Feldhemd aus.

Ich: „Das war ja eine tolle Idee.“
Ich: „Witzig! So, so.“
Ich: „Solche Typen kann man nur überschätzen.“

Brubelt (lässt einen Brüller durch die Halle): „Wartungstrupp, antreten!“

Die Werkzeuge sind auf großen Rollwägen alle an ihrem Platz. Die Technische Dienstvorschrift liegt für uns bereit.

„Die Show kann beginnen.“

Ohne Anlauf wuchtet sich Brubelt behände an dem Stahlklotz nach oben, auf der Rollenabdeckung bleibt er stehen.

Brubelt (hebt einen Finger nach dem anderen, laut): „Erstens: Wir teilen uns in zwei Trupps auf. Zweitens: Hinter dem Panzer hat keiner was zu suchen. Drittens: Ich fahr das Ding jetzt raus.“

„Klasse, er kann bis drei zählen.“

Brubelt (springt fast aus dem Stand auf den drehbaren Turm, hält inne, dreht sich noch einmal um und zeigt in meine und Christians Richtung): „Koberlat und Stein, Ihr müsst mich einweisen.“

Christian Koberlat der Helmwerfer, Paul Eberhard Stein, der Klugscheißer.

„War ja klar, dass wir wieder herhalten müssen.“

Brubelt (lacht, dreht sich wieder um): „Aber Ihr könnt sitzenbleiben. Ich mach das allein.“

Er schließt die Kommandoluke auf und verschwindet im stählernen Hals des Panzers.

„Angeber!“

Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie er sich auf den Fahrersitz gleiten lässt, die Fahrerluke über sich öffnet, die Sitzhöhe einstellt, den Zündschlüssel einsteckt, den 12-Zylinder auf Knopfdruck aufheulen lässt und dann den Kopf aus der Luke streckt. Der Hallenboden erzittert. Das Rohr ist auf sechs Uhr gerichtet. Ich spüre die Gewalt dieses Kriegsgeräts in meinen Eingeweiden. Mit der Fahrstufe „Vorwärts“ setzt er den Stahlmammut in Bewegung. Ein triumphierender Blick in unsere Richtung, und die 62 Tonnen rollen aus der Halle hinaus.

„Irgendwie unwirklich, wenn man daran denkt, dass angeblich der Druck ausreicht, der beim Abfeuern eines Geschosses aus diesem Kriegsspielzeug entsteht, um davorstehenden Personen die Lungen zu zerreißen. Mir wird grundsätzlich schlecht, wenn ich an so etwas denke.“

Brubelt lässt den Panzer vor der Halle auf dem noch ganz frischen Asphalt um 90 Grad drehen. Das Rohr zeigt jetzt längs an der Halle entlang den Hang hinunter. Auf einen Geräteschuppen. Etwa ein Fußballfeld entfernt. Kaum eine Minute später ist der Motor wieder abgestellt, und der Stabsunteroffizier steht zur Befehlsausgabe vor sechs hübsch aufgereihten Blaumännern. Die Sonne strahlt schon ungebremst vom wolkenlosen Himmel, und es hat schon zu dieser frühen Stunde Schweißperlen treibende 25 Grad.

„Und die Arbeit hat noch nicht einmal begonnen.“

Unter den Blaumännern sind wir bis auf die Unterhose alle nackt. Anmerkung: Für jene, deren Vorstellungskraft einen Impuls braucht. Ist dies nicht der Fall, ist es auch statthaft, sich vorzustellen, dass die Blaumänner noch nie gewaschen wurden.

Nach der Befehlsausgabe trollt sich Brubelt in den Schatten an der nordseitigen Hallenwand. Faulenzen! Rauchen! Faulenzen! Manfred, Felix und ich sind zur Arbeit in seinem Sichtfeld verdammt. Die anderen können es sich hinter dem Panzer gemütlich machen. Für Brubelt nicht zu sehen.

„Jetzt haben wir nicht mal Klaus im Team. Ein ungnädiger Arbeitsbeginn.“

Was jetzt kommt, ist schrecklich: Wie Geschirrspülen, das wir nur dafür aus dem Schrank nehmen, um es danach, frisch gespült, wieder zurückzustellen.

„Ein Wahnsinn! Im Wald Holz zu hacken, mag ja noch angehen, aber wir schwingen in der Wüste den Besen. Es ist zum Auswachsen.“

Kettenspannung verringern, End- und Mittenverbinder lockern, Metallbolzen lösen, Brecheisen ansetzen, Zuglast halbieren, Endverbinderschrauben vor dem Leitrad vollständig herausdrehen. Alles, wie es in der Dienstvorschrift steht. Felix liest (und raucht), Manfred und ich schuften. Nach etwa 20 Minuten geben wir Brubelt ein Zeichen, dass er nun von der Kette abfahren kann. Langsam!

Brubelt (schlendert auf uns zu): „Na Mädels, schon bereit?“

„So ein aufgeblasenes Arschloch!“

Mit einem Scherensprung überwindet Brubelt die Rollenabdeckung.

„Kaum vorstellbar, dass so ein Leopard weder Bremsscheiben noch Bremstrommeln hat. Das Ding bremst auf der Kette.“

Manfred (ruft Brubelt hinterher, ein bisschen zu schleimig): „Sollen wir Sie einweisen, Herr Stabsunteroffizier?“

Brubelt (ohne ihn anzusehen, klettert am Turm nach oben): „Ich habe schon Ketten abgefahren, da war jeder von Euch noch an Mamas Brust.“

„Aufgeblasen ist kein Ausdruck!“

Brubelt lässt die 1500 PS fauchen.

„Soll er den Scheiß doch alleine machen!“

Manfred, Felix und ich sitzen nebeneinander auf dem warmen Asphalt. Der Panzer rollt los. Ganz langsam. Hangabwärts. Auf den Geräteschuppen zu. Glied für Glied rollt die Kette über das Leitrad ab. Brubelt stiert in Fahrtrichtung. Als Michael, Chrstian und Klaus hinter dem Panzer auftauchen, ist die halbe Kette bereits „abgefahren“. Michael hält einen Daumen nach oben in unsere Richtung. Christian winkt mit einer Brechstange.

„Das kann nicht sein!“

Ich bäume mich auf, um einen Blick auf die Kette unserer Kameraden zu werfen.

„Wieso rollt die auch ab?“

Ich (wie von einer Feder nach oben gezogen, schreie aus Leibeskräften): „Stoooooop!“

Im knatternden Lärm des Panzers hätte ich aber auch eine Handgranate zünden können, Brubelt hätte mich nicht gehört. Meine Kameraden rechts von mir und auch die anderen gegenüber schauen zu mir, als würden sie einer pantomimischen Tanzaufführung beiwohnen. Ich nehme die Beine in die Hand und stürze an dem ganz langsam bergab rollenden Panzer vorbei. Auf Höhe Brubelts rudere ich mit den Armen wie ein Gestrandeter, wenn er ein vorbeifahrendes Schiff entdeckt. Die anderen springen jetzt auch auf, um mir winkend zu Hilfe zu eilen. Ihre offenen Münder schreien ebenso tonlos wie der Meine. Nur der Panzer röhrt. Brubelt ist ganz bei sich.

„Brubelt bremst nicht und der Panzer nur auf der Kette!“

Das Gelände ist gleichmäßig abschüssig, der frische Asphalt hat einen Reibungswiderstand, der gegen Null geht. Michael ist am weitesten gesprintet und macht Anstalten, sich dem Panzer in den Weg zu stellen.

„Mach bloß keinen Scheiß! Dieses Gerät hältst Du nicht auf. Denk an die 1000 Frauen.“

Plötzlich erspäht Brubelt unseren todesmutigen Michael vor seinem Panzer, erfasst die Situation, und ich sehe an Brubelts Profil, wie er mit aller Macht in die Eisen steigt. Es ist zu spät. Beide Ketten haben den Bremsbereich an den Rollen verlassen.

In sieben Köpfen reift zeitgleich eine Erkenntnis, die allen die Gurgel zuschnürt: „Das Ding ist nicht mehr aufzuhalten!“

Meine Eingeweide schlagen einen Purzelbaum. Der Mund steht uns allen offen. Die sechs jungen Soldaten verharren wie angewurzelt.

„Das Leben hatte einen Anfang und hier hat es ein Ende.“

Die Zeit bleibt stehen. In unseren Herzen, in unseren Köpfen. Der Panzer und wir sind verloren. Brubelt dreht panisch den Kopf in alle Richtungen. Pure Hilflosigkeit strahlt aus der Fahrerluke, bis er sie über sich schließt. Der Geräteschuppen kommt näher.

Klaus (springt wie ein Gummiball und ist als Erster zu hören): „Wir müssen etwas tun!“

„Und was, Du Idiot?“

Brubelt und sein Stahlgott entfernen sich. Immer schneller. Wir sind machtlos. Keiner von uns macht auch nur einen Schritt. Wir starren und sind gleichzeitig erstarrt. Noch zehn Meter bis zum Schuppen. Alles verschwimmt vor unseren Augen. Sechs neunzehnjährige Burschen stehen vor ihrer ersten handfesten Krise! Dann schlägt der Panzer ein, überrollt die Hütte wie eine Pappschachtel und gräbt sich in den angrenzenden Wald: die randständigen Jungbäume knicken ein wie Grashalme, die ersten Birken dahinter fallen unter der brachialen Vernichtungsenergie wie Mikado-Stäbchen. Erst zehn Meter dahinter finden sich wackere Baumsoldaten, die dem Angriff die Stirn bieten: Das Ungetüm kommt zum Stehen. Die Kommandoluke öffnet sich.

„Brubelt ist unverletzt!“

Drei Wochen später kommt Hauptfeldwebel Müller in unsere Stube. Unangemeldet.

Christian (sieht ihn als erster, springt von seinem Sitz, laut): „Alles auf!“

Müller (bleibt breitbeinig in der Stubenmitte stehen, erwidert Christans Gruß, nimmt seine Meldung entgegen und beginnt auf seinen Fußballen zu wippen, wobei er die Zähne fletscht wie ein bissiger Hund): „Was ist die Hauptsache, Soldaten?“

„Geht das mit den blöden Fragen schon wieder los! Gut, dass die anderen dabei sind. So etwas kann man niemandem erklären!“

Müller (unverändert in Haltung und Tonlage): „Was ist die Hauptsache, Jungs?“

„Jungs?“

Müller (der Hauch eines Lächelns streift sein furchiges Gesicht): „Dass Euch und Brubelt nichts passiert ist!“

Kollektives Durchatmen in der Stube!

Müller (leise, mit einem zweiten Hauch): „Und dass Ihr Kameraden seid!“

Er dreht sich um. Christian lässt uns zum Gruß wieder alle aufspringen. Ein Gefühl des Stolzes macht sich in uns breit: Wir haben niemanden verpfiffen, selbst Brubelt nicht. Kein Verfahren, keine Disziplinarstrafen, keine Versetzungen. Selbst das Wochenende wurde nicht gestrichen.

Müller (dreht sich im Türrahmen um, ein dritter Hauch): „Rühren!“

Ich: „Fair!“
Ich: „Yeap!“

 

…und in ein paar Wochen kommt Kapitel 3 Aus dem Unterholz der Dummheit!“

Aus Brasilien oder vielleicht von der Transitstraße zwischen Nürnberg und Berlin…

Lasst Euch überraschen und bleibt mir treu
Euer Paul,

PS: Danke für Eure Unterstützung und ich freue mich über alles, was meinem
Blog einen Impuls gibt.

 

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7 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (Teil 6)“

  1. Ja, lieber Paul, ich kenne das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen. Auch, wenn es sich zuweilen abwechselt mit solchen Momenten, wie sie dein „Stein“ im neusten „Reisebericht“ durchmacht, auch letztesmal schon. Dieses Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, obwohl man einfach „nur Mensch“ gewesen ist und wie ein „Unheil das nächste nach sich ziehen kann“. Auch wenn man sich bemüht, das Rechte zu tun. Das, was man selbst dafür hält.
    Deine Geschichte hat ein gutes Ende gefunden, Gott sei Dank, für Stein und alle anderen. Auch wenn ich zugeben muss, dass diese „Welt der Männer“ mir beim Lesen manchmal doch irgendwie fremd ist, so hoff ich doch, dass Stein „sein Maul nicht halten wird“ und dass immer alle Menschen mindestens bis drei zählen können!
    Ich wünsch dir eine gute Zeit … bis zum nächstenmal.
    Hilde

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    1. Hallo Hildchen, was ich Dir versprechen kann, ist, dass Paul diesen
      genetischen Defekt, eine schnellere Zunge als sein Hirn zu haben,
      nicht abstellen kann. Was ich Dir hingegen nicht versprechen kann,
      ist, dass immer alle bis drei zählen können, was dann übrigens auch
      nicht immer so geschlechterspezifisch daherkommt, wie Du vielleicht
      als Frau annehmen magst und dann wird es Dir auch ganz und gar nicht
      fremd vorkommen :-).
      Danke für Deine Treue und gute Nacht
      Dein Paul

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      1. Och Paul … das mit dem „bis drei zählen“ war jetzt aber nicht geschlechterspezifisch gemeint. Ich für meinen Teil komm grad noch so bis zehn … ab dann ist ein Taschenrechner immer ganz angebracht … laaaaach!

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  2. Lieber Paul,
    da hüpft mein Herz vor Freude, wenn ein Abenteuer ein solches Ende nimmt:
    Mit einem Paul, der es nicht lassen kann, seinen Eingebungen zu folgen. Ich liebe es!
    Mit einem Brubelt, dem das Leben eine so schöne Antwort auf seine Überheblichkeit gibt, wie es sich niemand hätte ausdenken können.
    Und mit einem Müller, bei dem es am Ende richtig menschelt.
    Und wenn du, lieber Paul, deine Hirn-Fürze „von Hand“ gestoppt hättest, dann hätten wir diese wunderbare müllersche Erkenntnis nicht erhalten. Lass uns bitte noch an ganz vielen deiner Eingebungen teilhaben und das Menschsein in seiner ganzen Fülle erleben. Ich will noch ganz viele erste, zweite und manchmal auch dritte Blicke werfen können dürfen.
    Und jetzt wünsche ich dir mit einem Lächeln auf den Lippen einen schönen Abend!
    LG, Kiki

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    1. Liebe Kiki,

      tatsächlich ist das wohl die positivste Art und Weise, wie man
      das Ende dieses Kapitels sehen, fühlen und interpretieren kann.

      Ich danke Dir für Deine Sicht auf die Erlebnisse, wie sie hätten
      damals nicht haarsträubender hätten sein können.

      Es wäre mindestens eine weitere Fortsetzung der Geschichte gewe-
      sen, allein nur die Unterhaltungen unserer sechs Schmalspur-
      Musketiere aufzuschreiben, nachdem der Panzer im Unterholz
      der Dummheit stecken geblieben war.

      Und sei unbesorgt: Es wird noch viele weitere Abenteuer ge-
      ben, in denen es mir schlicht unmöglich war, mit der Hand
      aufzuhalten, was sich via Zunge brachial in das Licht der
      Welt kämpfte.
      Solcherlei orale Niederkünfte sind genetisch bedingt und ein
      „Mehr-Salz“, das das Leben täglich würzt.

      Liebe Grüße und bleib mir treu
      Dein Paul

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    1. Lieber Arno,

      das zeichnet Dich als wahren Philanthropen aus! Glückwunsch!
      Aber keine Sorge: andere Menschen, andere Charaktere und auch
      andere Situation bieten genügend Raum, um Dein „seufz“ sehr
      klein zu halten 🙂

      Bis bald und bleib mir treu!
      Dein Paul

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