Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (Teil 2)

…und weiter geht’s:

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Christian hat den Helm geworfen und dieser ist auf seinem Weg – noch in der Luft. Waffenfürst, Brom und das Dreibein stehen in der Wurflinie. Meine Beine baumeln aus dem Bett. Die Zigarette unseres Läufers Felix hat nach dem ersten Full-Size-Lungenzug eine Glut von der Länge einer Bienenkönigin. Michael steckt in seinem Kokon. Klaus hat die Hände vor dem Gesicht, und Manfred ist für mich unsichtbar – und kahlrasiert.

Kontrollieren Sie Ihre Ausrüstung:

  • ein Bremskeil,
  • ein abmontierter Blitzableiter,
  • Orts-, Geschichts- und Technikkenntnisse,
  • Idiotietoleranz und
  • massenweise Wasserblauäugigkeit.

Es folgt nun:

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (Fortsetzung)

Instinktiv recke ich den Hals und kippe aus meiner sitzenden Position auf die linke Hand. Ich sehe den Stahlhelm gerade noch, wie er knapp über das Dreibein zischt. Haaresbreite. Die Höllenmaschine verstummt. Schlagartig. Waffenfürst und Brom sind zu Stein erstarrt. Eine Skulptur für eine Ewigkeit steht unter unserem Türrahmen. Ein Ausdruck von ratloser Erschütterung ist in ihren Gesichtern zu erkennen. Die fußballgroße Metallkugel fliegt ungestreift zwischen den beiden hindurch. Das ist der Moment, bevor das Adrenalin einschießt. Stille.

„Christian, da hast Du Schwein gehabt!“

Das Scheppern, als der Helm an der gegenüberliegenden Flurwand ankommt, dringt wie durch Watte an meine Ohren. Das Echo – aus dem nackten Flur – ist der Weckruf aller bösen Geister. Der Helm prallt ab und in meinem Kopf zeichnet sich seine Billardbahn. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Untermalt von Unheil verkündendem Getöse. Die Unterwelt meiner schlimmsten Phantasien kämpft sich in Rachebildern an die Oberfläche meines Bewusstseins.

„Scheiße!“

Broms linke Hand schnellt nach vorne. Er reißt am Türgriff unserer Stubentür und sie fällt krachend ins Schloss. Nichts und keiner rührt sich. Kein Laut ist zu hören – weder drinnen noch draußen.

Ich bin wie gelähmt. Mein linker Arm fühlt sich an, als bekäme ich gleich einen Krampf. Mein Blick wandert durch die hell erleuchtete Stube. Ich richte mich gerade. Michael hat die Bettdecke zurückgeschlagen. Er sieht betreten in die Leere: inhaltslos wie seine eigenen Runensteine. Felix ist emotional angefasster. Er führt zitternd seine Zigarette zum Mund; ein Zug gezogen aus purer Gier. Klaus hat die Hände vom Gesicht genommen und rauft sich in kreisenden Bewegungen die Haare. Ich beuge mich vor und luge in das Bett unter mir. Manfred schaut durch die Rauchschwaden über Felix hinweg in Christians Richtung. Er liegt auf der Seite. Auf den rechten Ellbogen gestützt. Draußen hört man keinen Mucks.

Manfred (leise, eindringlich): „Bist Du beknackt?“

„Das ist zwar keine Analyse, aber es ist auf den Punkt. Treffend! Das muss ich diesem Schwachkopf lassen!“

Christian (trotzig, ohne Wackler in der Stimme): „Ist doch wahr! Die können mich mal!“

Ich: „Ist das zu fassen?“
Ich: „Was?“
Ich: „Der Minnesänger macht auf Insubordination.“
Ich: „Ich nenn das Dummheit!“
Ich: „Das hätte ich ihm nicht zugetraut!“
Ich: „Was?“
Ich: „Tu doch nicht so!“
Ich: „Erklär’s mir doch!“
Ich: „Verdammt noch mal, er hat mit einem Stahlhelm nach Waffenfürst geworfen!
Nach W-A-F-F-E-N-F-Ü-R-S-T!
Da könntest Du auch gleich mit einem Vierzack in die Hölle reiten oder mit einer Pinzette bei einer Messerstecherei auftauchen.“
Ich: „Jetzt mach mal halblang!“
Ich: „Und dann hat er auch noch dem Halb-Nazi die Stirn geboten!“
Ich: „Ich sag doch: Dummheit!“

Michael (richtet sich mit einem Ruck auf): „Und jetzt?“

„Wirf doch mal ein paar von Deinen Runensteinen!“

Christian (als wäre nichts geschehen): „Nichts ‚und jetzt‘, wir stehen auf und gehen duschen!“

Ich: „Du hast Recht. Das hätte ihm wahrscheinlich keiner zugetraut!“
Ich: „Sag ich doch!“
Ich: „Aber wehe, Du erwähnst das Wort ‘Insubordination‘!“

Felix (bläst den Rauch in zwei Ringen von unten an Michaels Bett): „Du glaubst doch im Leben nicht, dass die uns so davon kommen lassen!“

Christian (energisch): „Ist mir scheißegal!“

„Ich sag’s ja, suizidgefährdet.“

Klaus (die Hände aufs Bett gestützt, beugt sich nach links, sieht unter sich zu Christian, der Trizeps ist prall, er wirkt noch halsloser als sonst): „Du gehst jetzt da raus und entschuldigst Dich!“

Christian (wieder ohne Wackler in der Stimme): „Kannst Du vergessen!“

„Und das hätte ich ihm schon gar nicht zugetraut!“

Klaus (beugt sich noch weiter über seine Bettkante, diesmal laut): „Du gehst jetzt sofort da raus, oder ich helfe Dir dabei!“

Christian (ungerührt): Komm runter und versuch’s doch!“

Ich: „Wenn ich jetzt nicht eingreife, fließt Blut!“
Ich: „Achte auf Klaus!“
Ich: „Ich weiß!“
Ich: „Der rastet gleich aus!“
Ich: „Ich weiß!“
Ich: „Du weißt, wie jähzornig der Kerl ist.“
Ich: „Ich weiß!“
Ich: „Und keine Klugscheißereien!“
Ich: „Lass mich mal machen!“

Ich (so ruhig wie möglich): „Jungs, das bringt doch nichts! Wir sollten uns lieber überlegen, was wir jetzt machen. Vielleicht stehen die Deppen ja noch vor der Tür und lauschen!“

Pause!

Ich (setze nach): „Vielleicht wäre es wirklich schlau, wenn wir jetzt einfach aufstehen und Duschen gehen. Die Zeit wird auch knapp. Prügeln können wir uns dann heute Abend!“

Ich: „Nicht schlecht!“
Ich: „Hättest Du nicht gedacht, hm?“

Manfred (springt plötzlich aus dem Bett): „Also los, kommt schon! Paul hat Recht!“

„Ja, wer glaubt denn so was: Nach Christian schon der Zweite, bei dem ich mich heute Morgen getäuscht habe!“

Fünf Minuten später stehen wir zu sechst in der Mannschaftsdusche. Eiskalte Folter. Die Wassertemperatur verstößt gegen Menschenrechtskonventionen aller Art. Gruppenbibbern. Dazu flackern zwei der vier Neonröhren. Kopfschmerzlicht. Gegen die amateurhafte Heimeligkeit einer gediegenen Familiengruft spielt dieser Ort in der Profi-Liga. Mindestens. Die Fliesen, die sechs nackten Männer und das abfließende Wasser erinnern an die übelsten Gefängnisfilme der 70iger Jahre. Alles schweigt.
Michael steht links neben mir. Der behaarteste Kerl, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Für diesen Körper brauchst Du die vierfache Menge Haarwaschmittel. Ein Naturbursche! Ein Ureinwohner!

„Da musst Du es als Frau schon herzhaft mögen, willst Du so einen Primaten sexy finden willst.“

Er hat mehr Haare auf Brust und Arsch als die ganze Stube zusammen auf dem Kopf (Manfred mitgerechnet). Klaus sitzt unter der Dusche. Jeden Morgen. Warum, will er uns partout nicht verraten. Ich glaube, dass er heimlich in die Dusche pinkelt. Andere glauben, er trainiere die Arschmuskeln auf den Fliesen. Keime und Erreger sind ihm egal. Laut Klaus bekommt man Fußpilz nicht in der Kimme.

„Na also!“

Christian steht immer ganz außen. Summt und säuselt vor sich hin. Er ist der Schinanteste unter uns, kommt immer mit Handtuch, dreht sich nie um und verschwindet als erster wieder in Richtung Stube. Marke: Blitzduscher! Keiner hat ihn je ganz nackt gesehen. Manfred wäscht sich hingegen mit solcher Inbrunst, dass man Angst um seine Haut haben muss. Ein Rubbeln und Reiben, als wäre er mit einer Wurzelbürste und vier Händen zu Gange. Und Felix? Ein Gemächt wie ein Pony. Nicht auszuhalten. Keiner wagt es, ihn frontal anzuschauen. Eine Hemmschwelle unter Männern verbietet es. Das Ego droht, dabei unversehens auf Gartenzwergformat zu schrumpfen. Und das am frühen Morgen. Nichts, womit der gesunde junge Mann in den Tag starten will.

Ich: „Warum wäscht sich dieser Affe eigentlich geschlagene drei Minuten sein Ding?“
Ich: „Frag ihn doch!“
Ich: „Warum sollte ich?“
Ich: „Warum machst Du Dir dann Gedanken?“
Ich: „Leck mich!“
Ich: „Sag doch mal!“
Ich: „Muss er allen zeigen, was er für ein Gehänge hat?“
Ich: „Neidisch?“
Ich: „Kein Stück!“
Ich: „Du lügst doch!“
Ich: „Nein!“
Ich: „Kein bisschen neidisch?“
Ich: „Nein, verdammt!“
Ich: „Also ich bin neidisch!“
Ich: „Echt?“
Ich: „Absolut!“
Ich: „Warum?“
Ich: „Size matters!“
Ich: „Und seit wann kommt es beim Malen auf die Größe des Pinsels an?“
Ich: „Als ob es nur darauf ankommt!“
Ich: „So, und worauf noch?“
Ich: „Darüber kannst Du nachdenken, wenn Du weißt, warum Du ihn nicht fragst!“

Weitere sieben Minuten später stehen wir vor dem Kasernengebäude. Antreten. Drei hintereinander. Viele, viele nebeneinander. Unsere Stube steht ganz außen. Zwei Rotten.

Ich: „Bis Du aus der Dusche kommst, scheint schon fast die Sonne? Pah! Das ich nicht lache!“
Ich: „Fast!“
Ich: „Es ist noch stockfinstere Nacht!“
Ich: „Der Tag kann jetzt doch kommen!“

Ich: „Es ist zum Verrücktwerden!“
Ich: „Sei froh, dass bis jetzt nichts passiert ist.“
Ich: „Aber muss das sein?“
Ich: „Natürlich nicht, aber warum willst Du Dich über Sachen ärgern, die Du nicht mehr ändern kannst.“
Ich: „Man wird sich doch wohl noch aufregen dürfen!“
Ich: „Das kannst Du immer, aber was bringt’s?“
Ich: „Ich entspanne mich dabei. Weißt Du doch!“
Ich: „Dann bist Du nicht besser als unser Stubencholeriker!“
Ich: „Nicht besser als Klaus?“
Ich: „Genau!“
Ich: „Frechheit!“
Ich: „Da kommt der Hauptfeld!“

Anmerkung des Autors: Ein Hauptfeld ist die Koseform von Hauptfeldwebel. Auch Kompaniefeldwebel genannt oder „Mutter der Kompanie“. Die rechte und die linke Hand des Kompaniechefs, in der Regel ein Hauptmann.

Hauptfeld Müller ist ein Soldat wie aus einem Bilderbuch für prämilitärische Ausbildungen: schläft nie und ist kernig, gegerbt, zäh, verbissen, vernarbt, halsstarrig und gestählt in einem. Keiner hat ihn jemals unkontrolliert gesehen. Mit seiner Neun-Millimeter-Scherfrisur gleicht er dem Steiff-Igel aus Giengen an der Brenz. Wie ein Ei dem anderen.

„Er ist sicher mit seinen brutal aussehenden Gesichts-Furchen auf die Welt gekommen.“

Um die 40. Sieht immer gleich aus. Perfekter Anzug. Drahtig. Durchtrainiert. Immer auf dem Quivive. Immer da. Eine 360-Grad-Aura umgibt ihn; wirkt in und aus allen Richtungen. Er fletscht die Zähne wie ein bissiger Terrier, regelmäßig. Eine eigene Entspannungsübung. Vielleicht. Seine Größe indes ist wenig beachtlich: einen Kinderfuß höher als ein Feuerlöscher. Hydrantenoptik. Wenn er steht, wippt er konzentriert nach jedem Satz auf seinen Fußballen. Rhythmisch. Seine Stimme hat etwas Durchdringendes. Unangenehm hoch, Soprantenor mit Kreisch-Anteilen. Gänsehautpotenzial.

„Dem willst Du nicht widersprechen. Der frisst kleine Kinder auch zum Frühstück!“

In seinem Jahresurlaub lässt er sich von einer Transall (Anmerkung des Autors: Bundeswehr-Transportflugzeug) über Nord-Norwegen abwerfen, um sich dann bis zum nächstgelegenen Flughafen durchzuschlagen. 1000 Kilometer. Kein Scheiß! Er soll schon 4000 Absprünge haben. Ein Typ wie aus einer Hollywood-Durchschlageübung.

„Im Krieg werde ich nicht von seiner Seite weichen. Solche Typen haben das Zeug zum Helden. Ich weiß zwar nicht, was das sein soll, aber ich glaube, dass er weiß, was Kameradschaft ist.“

Er geht vor uns auf und ab. Ein Stahlhelm baumelt an seiner Hand…

…und bald geht es weiter!
Euer Paul

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6 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 2 (Teil 2)“

  1. Hallo,
    Soldatenalltag ist eine Angelegenheit, zu welcher ich als Frau nicht viel sagen kann!
    Ich habe es mit Erfolg vermieden in einer Kaserne Fuß zu fassen. Es würden mir wahrscheinlich auch einige Dinge fehlen – Damenduschen, Kleiderspiegel, Einzelzimmer, Frauenarzt usw.!
    Aber Spaß beiseite, die Beschreibungen in ihren Einzelheiten sind sehr gut ausgefeilt. Ich würde nur einen Teil der wörtlichen Rede noch in Situationsbeschreibungen einfließen lassen. Hoffentlich nimmst Du mir diesen kritischen Satz nicht übel – es ist schließlich Dein Baby!
    Abschließend auf jeden Fall: Weiter, weiter und nochmals weiter so! Liebe Grüße Julia

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    1. Liebe Julia.
      ich kann genau verstehen, was Du meinst, aber ich tu mich wirklich schwer damit.
      Warum?
      Das ist eine andere Stilart (dazu komme ich vielleicht, wenn ich älter werde),
      und die Zeichensetzung ist dann auch immer so kompliziert :-).
      Sagt sogar meine Lektorin!
      Danke also und bitte gerne mehr von so konstruktiver Kritik – ich liebe sie!
      Schöne Woche Dein Paul

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  2. Moin Paule, mach hinne, wie geht’s weiter, ich bin fast schon auf Entzug.
    Hast Du den „Detroit“ noch?? wo is der??
    Fröhliche Ostergrüsse ausm Keller des „winterkurier.se“
    SG

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    1. Hey StrenGeheim,
      die zweite Fortsetzung von Kapitel 2 kommt in ein paar Tagen.
      Nur keine Eile :-)!
      Den Reisebericht aus Detroit wird es in diesem Medium aber
      nicht geben, ist er doch – zusammen mit zwwanzig anderen
      Reiseberichten jenem Buch vorbehalten, das hier in meiner
      Schublade schlummert und darauf wartet, geboren zu werden.
      Liebe Grüße, frohe Ostern und bleib mir treu
      Dein Paul

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  3. Bin sehr gespannt wie der Hauptfeld nun die Mannschaft „bearbeitet“. Ich vermute: Er lässt alle antreten mit dem Helm auf dem Kopf. Demjenigen, der ohne Helm antritt (weil er ja in der Hand des Hauptfeld schwingt), wird er ihn dann persönlich übergeben. Das wird vermutlich kein lustiges Erlebnis.

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    1. Lieber Blogger,
      die Realität ist hie und da viel realer als allen Beteiligten daran
      lieb ist! Und sie ist unserer Phantasie immer die vermaledeiten zwei
      Schritte voraus. Wir sind wir zwar krampfhaft versucht, sie unentwegt
      zu überholen, allein es ist der Schatten Ihrer schieren Macht über uns,
      der uns ratlos zurücklässt. Auch und gerade weil wir uns – einerlei
      wie sehr wir uns bemühen – nicht vorzustellen vermögen, was der gute
      Hauptfeld denn nun tun wird. Danke für Deine „phantastische“ Art
      die Geschichte weiterzuschreiben.
      Dein Paul

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