Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 10 (Teil 3)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Erinnern Sie sich noch an den Hügel in der nordbretonischen Walachei? Dort stehe ich nach wie vor. Von diesem sturmbedrängten Ort auf eine Reise durch die Bretagne zurückzublicken, ist fürwahr nicht zwingend und bewusst entschieden nicht die reinste Freude: Schon gar nicht, wenn einem der Wind hier oben – in vollständiger Aussichtslosigkeit – durch die verborgensten Ritzen der eigenen Schamhaftigkeit pfeift.

Nach „Le Bleu“ und „Les Noirs“ umhüllt uns in Einschub Nr. 3 Le Brouillard– der Nebel! Ganz im Sinne von:

„Schlimmer kann es nicht mehr werden.“

Einschub 3

Die Sichtweite beträgt – selbst bei luftdurchlässiger Euphorie – um etwa null Meter. Den laubbedeckten und teilweise überfluteten Zeltschrottplatz verlasse ich mit einem Gefühl herzansässiger Hoffnungslosigkeit. Über eine sturmramponierte Zufahrtsallee fahre ich zurück auf eine baumblockierte Landstraße. Eine Vollbremsung verhindert das Schlimmste.

„Auch das noch!“

Ich lege den Rückwärtsgang ein und wende geschmeidig in eine Wand aus wild wabernder Watte. Es nebelt zwischen gravierend und undurchdringlich.

„Als hätte Äolus Schaum vor dem Mund.

Auf der analogen Temperaturanzeige stehen 14 Grad.

„Es könnte auch kälter sein.“

Ich trete wieder aufs Gas und stehe nach 50 Metern vor der nächsten Baumschranke. Vollbremsung.

Ich: „Jetzt reicht’s aber!
Ich: „Das ist doch nicht zu fassen!“
Ich: „Und jetzt?“
Ich: „Sieht nach einer Zwangspause aus.
Ich: „Sehe ich auch so!
Ich: „Du stimmst mir zu?“
Ich: „Ausnahmsweise!“
Ich: „Sollen wir aussteigen?
Ich: „Warum?“
Ich: „Bevor uns einer hinten reinrauscht.
Ich: „Nichts gibt’s!
Ich: „Warum nicht?
Ich: „Hier drin werden wir überfahren und überleben, draußen werden wir nur überfahren.

Ich nehme den Gang heraus, ziehe die Handbremse an, stelle den Motor ab.

„Ich werde schon nicht erfrieren.“

Die klamme Jacke vom Rücksitz kommt gerade recht: Sie schmiegt sich um meine Schultern wie mein letzter bester Freund.

„So geht also Sommer in der Bretagne. Wundervoll!

In diesem Moment habe ich viel Zeit für eine gepflegte Selbstreflektion:

Ich: „Weißt du, was mir in der letzten Nacht klar geworden ist?
Ich: „Yeap!“
Ich: „Echt?
Ich: „Yeap!“
Ich: Woher?
Ich: „Ich wohne vielleicht auch in diesem Körper.“
Ich: „Wohnen vielleicht, aber seit wann hörst du zu?
Ich: „Lass mich bloß in Ruh‘!“
Ich: „Weißt du’s jetzt, oder nicht?
Ich (gedehnt): „Dir ist klar geworden und das nicht zum ersten Mal, dass dir der Mensch im Vergleich zur Natur doch sehr mickrig vorkommt.
Ich: „Hm.“
Ich: „Was?
Ich: „Stimmt schon, das habe ich tatsächlich schon des Öfteren gesagt, aber…“
Ich: „Aber was?
Ich: „Ich wollte vielmehr sagen, dass ich gestern Nacht lieber zu Hause gewesen wäre.
Ich: „Und warum sagst du das nicht gleich?“
Ich: „Ich hatte Angst,…
Ich: „Quatsch!
Ich: „…dass du mich auslachst.
Ich: „So ein Blödsinn!
Ich: „Das hast Du aber schon ganz oft gemacht.“
Ich: „Mumpitz! Ich liebe dich, das weißt du doch.
Ich: „So wie ich bin?“
Ich: „Nein, so wie ich bin!
Ich: „Aber du bist doch ich.
Ich: „Ja schon, aber ich wohne nur hier.“

Mit diesen tief schürfenden Gedanken im Kopf, „Wish you were here von Pink Floyd in den Ohren und der letzten halben Tafel Schokolade, die mein lädiertes Lustzentrum reanimieren soll, in meinem Mund wird mir langsam wieder weiter um mein eingeschnürtes, beklommenes Herz. In der rauchbombendichten Suppe vor mir erkenne ich – wie aus dem Nichts – plötzlich einen Traktor. Er zieht mit einer Klaue, die aus einer fernen Galaxie kommen muss, den Baumstamm vor mir von der Straße.

„Endlich!

Auch wenn es bei diesem Sturm unverantwortlich ist: Ich starte den Motor, lege den ersten Gang ein und löse die Handbremse. Alles in mir schreit:

„Wir müssen los!

D767? D761? Zur RN links? Zur RN rechts? Sackgasse! Zurück! Halblinks! Halbrechts!

Es ist zum Verrücktwerden!

Außer den Seitenstreifen – soweit vorhanden – und kümmerlichen Begrenzungspfosten gibt es vor meiner Windschutzscheibe, heute ein fürwahr fabulöses Wort, nichts zu sehen. Rein gar nichts! Nebelschlunde öffnen sich, verschließen sich, verschlucken mich. Das Finistère. Ein Département. Angeblich!

„Eher eine Exklave Transsilvaniens. Eben so, wie ich mir Draculas Zuhause vorstelle.“

Sonnenlos! Kalt! Ungemütlich! Mit vielen stürmenden Nebelschwaden!

„Hier kannst du Dich aus dem Leben kehren. Das kratzt keine Sau.“

Meine ernüchternde Reisebilanz – bis zu diesem Zeitpunkt:

  • eine hirnverbrannte Hetzjagd mit einem Holländer – auf der dritten Spur,
  • eine brachiale Begegnung mit „Le Bleu“ – auf einem Seitenstreifen,
  • die blanke Armut – soweit meine Schülerbörse reicht,
  • die bewegte Bekanntschaft mit „Les Noirs“ – für eine Nacht,
  • ein „Himmelszelt“ und ein verwehter Campingstuhl,
  • eine Laune der Marke „Le Massacre“,
  • Hunger – so groß wie die Einöde, durch die ich gerade fahre, und
  • ein fast leerer Tank!

„Wie schön!“

Ich halte auf der Einbiegespur eines Feldwegs. Ich muss etwas essen: die letzte Dose deutscher Wurst, der allerletzte Kanten deutsches Brot, scharfer Senf aus der Tube und der Notstandsrest einer Coladose, die geduldig zwischen Fahrersitz und Handbremshebel – getarnt als ein ehemals sprudelndes Kaltgetränk – auf meinen Durst gewartet hat.

„Heimtückisch!“

Dann ein Blick in den Reiseführer:
„In dieser Gegend zwischen Saint-Nicodème und Saint-Servais können Sie viele pittoreske Schönheiten bewundern und den Charme der malerischen Bretagne genießen. Wandern. Atemberaubende Aussichten. Man darf Streifzüge durch die Mystik dieser Umgebung unternehmen – mit steinernen Zeugen einer uralten Geschichte. Jahrtausende – gegerbt von der Kraft des Atlantiks – erleben. Kultur und Natur. Pur.

Soweit wieder der Reiseführer…

„So, so!“

Die ruchlose Realität zermalmt diese Beschreibung. Buchstabe für Buchstabe. Bis auf den letzten Punkt. Nicht einmal Füchse oder Hasen könnten sich hier treffen, um sich idiotischerweise eine gute Nacht zu wünschen.

„Eine Redewendung so hilfreich wie ein paar ausgestülpte Hämorrhoiden.“

Füchse und Hasen sind viel zu schlau für diese Gegend. Sie kennen sie einfach nicht.

„Nur ich bin dumm genug, mich hier zu verfahren.“

Keine drei Kilometer nach der Baumsperre, passiere ich ein völlig demoliertes Ortsschild. Im Vorbeischleichen entziffere ich: „Le grand fault!“

Ich: „Was heißt das doch gleich?
Ich: „Der große Fehler, oder?“
Ich: „Passt ja perfekt!
Ich: „Wie die Faust aufs Auge.“
Ich: „Ich könnte platzen vor Freude.
Ich: „Hier verbringen wir unseren Ruhestand.
Ich: „Wenn wir den noch erleben.“
Ich: „Stand da wirklich ‚Le grand fault‘?“

Schemenhaft erkenne ich durch die tief kreuzenden Wolkenwände ein paar Häusersilhouetten.

„Selbst eine Hundehütte ist bei diesem Wetter noch ein Wolkenkratzer.

Die ganze Gegend ist ein Kulturschatz von der Qualität einer Endzeitvision. In Breitwand. 3D. Mad Max auf bretonisch.

„Schwer vorstellbar, dass ich noch in Europa bin.

Hier mit einer Wackelkamera ein paar verwitterte Bretonen einzufangen, ließe die Kinokassen klingeln.

„Eine Handlung braucht da keiner mehr.

Keine zehn Meter vor mir erahne ich – durch ein kurzzeitig stabiles Wolkenloch – eine seltsam zerknitterte Erscheinung.

„Es könnte ein bretonischer Untoter sein.“

Ich: „Sollen wir ihn fragen, wo wir sind?
Ich: „Blödsinn!“
Ich: „Ich sag’s ungern, mein Lieber, aber wir haben uns verfranzt.
Ich: „Und du meinst, dass uns dieser Zombie da vorne helfen kann?

Ich: „Wir sollten es versuchen…

Ich halte neben dem (mutmaßlich!) Einheimischen (wer sonst würde sich schon bei diesem Wetter und ohne erkennbare Not einfach so auf die Straße stellen!) an, beuge mich über den Beifahrersitz und kurble das Seitenfenster ein paar Zentimeter herunter. Das geballte Unwetter schwappt in meinen Innenraum.

„Was macht der Kerl da draußen.“

Über den wehenden Resthaaren des Charakterkopfes erkenne ich im Sturm – an einer bröckelnden Hauswand – die letzten Überreste eines zerfetzten Werbeplakats. Ich errate das Wort darauf: „Exorcisme“.

Ich: „Das glaub ich jetzt nicht!“
Ich: „Reg dich bloß nicht auf!“
Ich: „Und ob ich mich aufrege! Wir sind in einem Ort mit dem überragenden Namen ‚Der große Fehler‘, stehen bei lupenreinem Weltuntergangswetter unter einer Reklametafel mit der Aufschrift ‚Der Exorzist‘ und wollen einen bretonischen Sohn des walachischen Fürsten nach einem Weg nach ‚Wohin auch immer‘ fragen? Geht’s eigentlich noch?
Ich: „Ich gebe zu, dass diese Umstände etwas konstruiert klingen.“

Ich schreie mich selbst an:

Ich: „Konstruiert? Spinnst du?“
Ich: „Nicht so laut! Ich höre dich auch so.
Ich: „Ich frage hier niemanden!
Ich: „Musst du auch nicht. Das mach‘ ich!

Ich (sehr laut, durch den Fensterspalt): „Salut!“

Er (im Gleichklang mit der Natur, röchelnd und laut): „Demat deoc’h!“

Anmerkung:
„Guten Tag, zu Ihnen!“

„Jetzt spricht der Typ auch noch Bretonisch!“

Mitgefühl kriecht in mir auf. Es wird eng um meinen Hals. Bei diesem Wetter kann man vielleicht eine bissige Bisamratte vor die Tür schicken, aber eine wettergegerbte Figur diesen Alters in den Nebel zu jagen, grenzt an einen Endzeithumor, wie man ihn vermutlich nur hier im „Finistère“ verstehen kann.

Ich (noch lauter): „Pardon?“

Er (zu mir gewandt): „Fall eo an amzer hiziv!“

Anmerkung:
„Heute ist das Wetter schlecht!“

Ich (schreie): „Excusez-moi?“

Er (durchdringend): „Petra a fell dit ober?“

Anmerkung:
„Was willst Du machen?“

Das wird lustig!

Ich (brülle): „Parlez-vouz français, monsieur?“

Er (unbeeindruckt): „Ya!“

„Ehrlich?

Ich (brülle lauter): „Hôtel?“

Er (lacht, ein Mann ohne Zähne): „Amañ?“

Anmerkung:
„Hier?“

Ein Calvados-Opfer!

Anmerkung:
Die Säure dieses rassigen Apfelbranntweins soll ja verheerende Dinge mit den Zähnen eines Menschen anstellen. Zahnfraß! Teufelszeug aus der Normandie.

Ich (überschlagend): „Et en français?“

Er (lacht – noch zahnloser): „E galleg?“

Anmerkung:
„Auf Französisch?“

Mein Mitgefühl vergilbt schneller, als das es vor ein paar Minuten an Farbe gewonnen hat.

Verarscht der mich?“ 

Er (hört nicht auf): „Ne gomzan ket galleg!“

Anmerkung:
„Ich spreche kein Französisch!“

Jetzt mal ehrlich! Da soll man höflich bleiben! Ich raunze noch ein wenig flauschiges „Merci“, dann kurble ich die Scheibe wieder hoch und fahre los.

Ich: „Hat man so was schon erlebt?“
Ich: „Sei nicht so! Der Kerl kann einem richtig leidtun.“
Ich: „Halt die Klappe! Ich hab dir gesagt, dass das nichts bringt!
Ich: „Hast Du gesehen, wie zerschunden der ausgesehen hat?
Ich: „Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte ihn geschüttelt.“
Ich: „Sei froh, dass wir hier im Warmen sitzen dürfen.

Anmerkung:
Ein wohl klingendes „Trugarekadenn!“ („Danke“ auf bretonisch) wollte mir damals partout nicht einfallen…

Angeblich soll es ja noch 250 000 von diesen Ur-Bretonen geben, und ausgerechnet ich treffe auf das verstockteste Exemplar in dieser gott-, tier- und baumverlassenen Gegend. Langsam anfahrend, schiebt sich mein Kadett durch das Unwetter wie ein Wolkenpflug. Als die Straße steiler bergan geht, erkenne ich im nicht vorhandenen Windschatten einer heruntergekommenen Häuserfassade einen Mann, der weit nach vorn gebeugt, ein Fahrrad vor sich herschiebt.

Ich: „Siehst du den da?“
Ich: „Ich bin ja nicht blind.“
Ich: „Hat er einen Platten?
Ich: „Schwachsinn! Fahren wäre lebensgefährlich.
Ich: „Aber wenn der Sturm von hinten käme, könntest du glatt die Schallmauer durchbrechen.

Der arme Kerl hängt über seinem Drahtesel, als würde er sich gleich übergeben. Wenn ich die fingerdicken Adern an seinem Hals sehe, bekomme ich eine andere Art von Platzangst. Ich spüre seine Anstrengung bis auf meinen Fahrersitz. Der Typ ist kurzärmlig.

„Kein Zweifel: ein Kämpfer!“

Ich: „Sollen wir unser Glück noch mal versuchen?“
Ich: „Du meinst, wir sollen wieder nach dem Weg fragen?“
Ich: „Kann doch nicht schaden.“
Ich: „Unfug!“

Ich: „Ich frag auf jeden Fall…“

Gedacht, getan: Ich halte fünf Meter vor dem „Was-kratzt-mich-das-bretonische-Wetter-Dorfschrat“, drehe wieder an der Fensterkurbel und warte, bis mich die wandelnde Halsschlagader passiert. Verirrte Feuchtigkeit in zudringlicher Menge und peinigende Windhöschen der Marke: „Lingerie sans humour“ kaltfönen über den Beifahrersitz direkt in meine Wohlfühlzone.

Ich (schreie gegen den Sturm): „Pardon?“

Keine Chance! Ich höre mich selbst kaum! Der alternde Athlet aus „Le grand fault“ sowie aus „Haut und Adern“ schiebt sich an mir vorbei. Die Notiz, die er dabei von mir nimmt, passt zu meiner Stimmung: „Zéro“!

Ich: „Hört der uns nicht?“
Ich: „Der ist mit Schieben beschäftigt.“

Widerwillig lege ich abermals den ersten Gang ein, überhole den „Mann im Tunnel“ aufs Neue und bleibe ein zweites Mal stehen. Das Unwetter scheint, es sich unter meinem Autohimmel gemütlich gemacht zu haben. Diesmal halte ich gute zwanzig Meter vor dem schiebenden Martyrium. Im Seitenspiegel erkenne ich einen Mann, der anstatt ein Fahrrad zu schieben, auch ein Kreuz tragen könnte.

„Unter Peitschenhieben auf dem Weg nach bretonisch Golgatha.“

Ich: „Aussteigen werden wir hier nicht, so viel steht fest!“
Ich: „Aber wir werden noch lauter fragen.“

Als der Fahrrad-Jesus meine Seitenscheibe passiert, hole ich tief Luft.

Ich (brülle): „Pardon?“

Meine Stimme prallt am herein brausenden Sturm regelrecht ab.

Ich: „Siehst du das?“
Ich: Der zuckt nicht mal.

Das ballonförmig aufgeblähte T-Shirt und das streng nach hinten wehende Haupthaar kriechen mit dem Drahtesel (aus einer wahrscheinlich vorkeltischen Zeit!) an mir vorüber, als wäre die ganze Welt ein Windkanal. Da ich weder einen Blindenhund noch eine entsprechende Binde entdecken kann, entschließe ich mich zu einer rabiateren Maßnahme: Ich werde hupen!

„Lange!

Meine Nerven liegen allmählich blitzeblank, mein Fenster ist immer noch offen und mein Straßenatlas auf dem Beifahrersitz droht zu ersaufen. Ich lege den Gang ein und hole auf Lenkerhöhe auf, rolle nebenher.

Ich (schreie und hupe, gleichzeitig): „Excusez-moi!“

Der Blick, der mich aus versunkenen Augenhöhlen schwarz und magisch trifft, passt zu dem Plakat von vorhin:

„Exorcisme!“.

Ein Gefühl, als würde ich in ein zweihöhliges Döschen der Pandora starren. Das ganze Übel der Menschheit in zwei Augenhöhlen. So verheißungsvoll wie im Vorhof der Hölle ein Partie ‚Boule‘ spielen zu dürfen.

„Zeus schickt mir seine ganze Strafe für die Menschheit einfach durch den Fensterspalt in meinem Kadett. Überbracht von einem bretonischen Abgesandten. War doch klar, dass sich neben Äolus auch noch der Obergott in dieser Ödnis rumtreibt.“

Ich halte dem Blick mit größter Mühe stand.

„Prometheus hätte das Feuer nicht klauen dürfen.“

Wir stieren uns an.

„Dann hätte Pandora, die neugierige Kuh, auch nichts zum Aufmachen gehabt.“

Beidseitig.

„Zum Teufel mit den Götter-Weibern!“

Und dazu der Wind und das Wetter…

„Und zum Teufel mit allen Büchsen.“

Er (langsam, dröhnend, strafend): „Petra a fell dit ober?“

„Das gibt’s doch gar nicht!“

Der gleiche Satz. Zum zweiten Mal. Innerhalb von zwei Minuten!

Ich (brülle – nochmal): „Hôtel?“

Die knochige Hand bewegt sich, sie löst sich vom Lenker, der Handrücken dreht sich zu mir, der Zeigefinger streckt sich aus, sie zeichnet das faltige Bild einer kleinen Pistole. Aber er will nicht schießen, er weist mir eine Richtung! Da lang! Na also!

„Und plötzlich erkenne ich in den Döschen der Pandora…“

Er (noch langsamer, schlägt für einen Augenblick die Lider nieder): „Skeiñ an dra-mañ*!“

„…die Hoffnung!

Anmerkung:
„Diese Richtung!“

 

Dann bin ich wieder Luft für ihn, was bei diesen Windverhältnissen nicht nur passend, sondern auch zwingend ist. Ich kurble die Scheibe wegen akuter Überschwemmungsgefahr wieder nach oben und entschließe mich, dem fast schon biblisch wirkenden Schusswaffenzeig zu folgen.

„Ein anmutiges Bild! Ein unerschrockener Mann! Ein Bild, das sich mir nie dargeboten hätte, wäre alles eitel Sonnenschein gewesen!“

…und wer will das schon!

Ende dritter Einschub!

Anmerkung in eigener Sache:
Es ist nicht auszuschließen, dass Sie mich wegen der treffsicheren Übersetzungen des Bretonischen für mächtig halten. Haben Sie dafür vielen Dank! Allerdings muss ich Sie enttäuschen. Ein leidlich gutes Gedächtnis, eine kleine Portion Einbildung, ein paar passable Nachschlagehilfen und die freundliche Belegschaft der Präfektur in Quimper sind beim Erschaffen einer mehr oder weniger kunstfertigen Illusion die besten Freunde eines Autors.

Der vierte Einschub wird nicht lange auf sich warten lassen. Versprochen!

Schönen Restsonntag wünscht Euch allen
Euer Paul

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6 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 10 (Teil 3)“

  1. Lieber Paul, nach deiner trefflichen Schilderung redseliger Bretonen (ich sage besser nicht Franzosen,wer weiß wie dort über Frankreich gedacht wird), muss ich dir ein Geständnis machen (es könnte sich auch um mehrere handeln), denn auch ich ging in den Weiten der Route National einst fast verloren, denn ich verließ das hektische Paris nach einem Termin und wollte nur noch Heim, als mich in den unendlichen Weiten des nördlichen Frankreichs ebenfalls der Spritmangel ereilte und mir gefühlte Ewigkeiten keine Tankstelle begegnete. In einem Anfall von purem Aktionismus verließ ich die übersichtliche Straße (bei dessen Rückkehr dorthin hinter dem nächsten Hügel eine große Tankstellean mir vorbei leuchtete) bei langsam einsetzender Dunkelheit und flehte meine Reichweitenanzeige an, mich doch noch ein wenig weiter zu betrügen, denn diese warf mir seit 20 Kilometern ein „0 km Reichweite“ entgegen. Nach einer Irrfahrt, bei der ich immer die Straße wählte die leicht abschüssig aussah, kam ich in ein Dorf, wo nach meinem Anblick sofort das halbe Kaff auf den Beinen war, Man warf mir ein fröhliches „Le Bosch“ entgegen und öffnete mir zu Ehren die einzige Tankstelle und alle sahen mir zu, wie ich in meinen Wagen75 Liter pumpte, bei einem 70 Liter Tank, denn man hatte seit 1945 keinen Deutschen mehr gesehen! (Vielleicht wollten sie aber auch nur, dass ich schnell wieder abziehe) Ja, auch dies ist Frankreich, aber das ist schon wirklich seeeeehr lange her (2001).Indes freue ich mich schon wieder auf weitere Aventeuer bei deiner Tour de France 😀

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    1. Lieber Arno,

      Dein Geständnis hat mich irgendwie stolz gemacht, denn ich konnte – über
      meine Geschichte – etwas in Dein Gedächtnis zurückrufen, worüber Du heute
      sicher schmunzeln kannst, so wie ich über „Le grand fault“ herzlich lachen
      kann.

      Im Übrigen eine Geschichte, die ich nur zu gern (und zum Leidwesen aller
      immer wieder) im Freundeskreis erzähle.

      Tankstellen sind oft ein Mysterium im Leben: Oft sind sie an Stellen (zu-
      hauf), wo sie keiner braucht und sie verstecken sich immer dann aufs
      Trefflichste, wenn die Not am Größten ist.

      Vermaledeit.

      Und dann gerät man – wie Du – an nette Menschen! Wundervoll!

      Solcherlei Erlebnisse, lieber Arno, haben eben jene Menschen – nach
      meiner Erfahrung – die sich mit Wucht ins Leben werfen können, ohne
      großen Groll in sich zu tragen – so wie es Deine Bilder und Deine
      Zeilen auch über Dich verraten.

      Sei aufs Herzlichste gegrüßt
      Dein Paul

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  2. es ist doch immer wieder erstaunlich wie schnell wir ungeduldig werden wenn etwas nicht so geht wie wir es gerne hätten .. Extremsituationen verlangen uns alles ab … und am Ende wird alles gut ??? wenn wir das Positive sehen schon ….
    ich freu mich schon auf weitere Erlebnisse vom Ich und Ich …
    Liebe Grüße Claudia

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    1. Liebe Freundin,

      das „Ich und Ich“ stimmt Dir von Herzen zu. Denken wir an das Gute,
      ziehen wir uns das Gute auch ins Leben.

      Denken wir in die andere Richtung, geben wir dem Gegenteil vom Guten
      einen Raum, den es nicht verdient.

      Die positive Kraft, die uns weilt, wird oft unterschätzt und mit meinen
      inneren Dialogen gebe ich gerne etwas preis, was sehr viel bewusster in
      jedem von uns ablaufen darf:
      Der Kampf für das Gute, gegen die vorschnelle Verurteilung und für den
      Platz, den wir jenen Dingen, Menschen und Ereignissen schenken sollten,
      die es auch verdient haben.

      Und jenen, die gerne von ihrem Urlaub erzählen, möchte ich zurufen, dass
      der schlechte Service im Hotel nicht dasjenige ist, was der Sonne Urlaub
      gerecht wird, so wie die Erzählung über das schlechte Wetter dem guten
      Essen keine Ehre erweist…

      Liebe Grüße
      Dein Paul

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