Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5 (Teil 1)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Die Fähigkeit, eine Reise gut zu planen, ist eine Gabe.

„Ich habe sie nicht!“

Ein Privileg, für das man nichts kann. Es ist ein großzügiges Geschenk eines Talentvergabegottes, der ausschließlich im Verborgenen agiert und ohne jede erkennbare Regel, dafür aber mit scheinbar willkürlichen Ausnahmen an die vorgeburtliche Reisekonditionierung geht.

„Dieses Privileg in die Wiege zu legen, hat mir dieser unberechenbare Partisane unter seinen Götterkollegen gemeinerweise versagt.“

Wie ein hochnäsiger Kelch ist diese Gunst an meiner genetischen Talentbestimmung vorübergewandert, und jetzt liegt ein übellauniger Fluch auf meinen Reisen, fühlbar als eine tiefschlagende Rüpelei: Die Sorgenfalten, in die ich wegen dieses Lumpen mein Leben als Reisender legen muss, stülpen sich in seinem Beisein achtlos über meine ohnehin schwächliche Hoffnung, dass mein Reisedilettantismus vielleicht selbst verreist sein könnte.

Zu aller Klarheit:
Die Kunst der Reiseplanung besteht im Wesentlichen darin, sich eine Reise im Vorfeld farbenfroh und intensiv auszumalen: lückenlos, realitätsnah, gefühlsecht.

„Der Film der Reise wird dabei im Kopf gedreht, bevor die Reisekamera überhaupt zu laufen beginnt.“

Alles, was in keinem Reiseführer steht, ist schon vor Reiseantritt auf dem Synapsen-Zelluloid der Reisephantasie gebannt. Hier begegnen wir dem „Genius der Reise“, einem Typ, dem ich nur über den Weg laufen werde, wenn dieser sich verirrt haben sollte.

„Das kann ich wohl vergessen.“

Kommen wir zu meiner wahren Welt:
Die Abwesenheit der oben beschriebenen Gabe ist von größerer Misslichkeit. Der hässliche Pferdefuß meiner Reisen. Er hinterlässt Abdrücke in der Größe unansehnlicher Meteoritenkrater – direkt im Realitätsmorast meiner Reiseerlebnisse. Keine Chance, auszuweichen, wegzusehen oder mein Nicht-Talent zu ignorieren. Keine Möglichkeit, Reisenullpunkte mit präziser Vorbereitung zu überspringen.

„Also steh ich hier und bin am Reisearsch!“

Bevor ich Ihnen verrate, wo ich genau stehe, packen Sie für den folgenden Reisebericht in Ihren Koffer:

  • die Gleichgültigkeit eines Dutzend geläuterter Nihilisten,
  • die Streitbarkeit eines fetten Buddhisten-Mönches,
  • eine weiße Flagge, die Sie hissen oder wahlweise ein weißes Handtuch, das Sie werfen können und
  • eine Ganzkörper-Schutzbekleidung. Man weiß ja nie.

Es folgt nun – aus einer reiserücktrittsversicherungslosen Zeit:

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5

Der brandneue Flughafen im unbekannten Hinterland einer noch unbekannteren Tiefstprovinz, am äußeren Rand des äquatorialen Nirgendwos, empfängt mich am frühen Nachmittag eines viel zu heißfeuchten Tages mit einem Klimaanlagen-Kinnhaken in der Ausführung „Eiskalt erwischt“. Kurz. Hart. Trocken. Aus der Halbdistanz geschlagen. Kaum zu erkennen. Ein Wirkungstreffer. Die Temperaturdifferenz vor und hinter den mondänen Glasschiebetüren von Terminal 1 liegt weit im dreistelligen Bereich.

„Aus Schweißzeit wird Eiszeit!“

Meine Körperhaare stellen sich schneller auf, als dass mein letztes Hustenbonbon in der Hemdbrusttasche an meiner linken Brustwarze festfrieren kann. Eine dünne Eisschicht überzieht meine Kopfhaut. Sehnte ich mich vor 10 Metern noch nach einem Eiswürfel-Vollbad, lechze ich jetzt nach einer Megawatt-Heizdecke.

„Virusalarm!“

Zwei Minuten später habe ich – mit kleinen Eiszapfen in den Nasenhaaren – den gut ausgeschilderten Check-in-Schalter fast erreicht. Fast. Das unförmige Hinterteil einer langen Warteschlange zwingt mich – und meine 43 kg Reisegepäck – zu einer Vollbremsung. Kurz vor dem aus allen Beckenfugen geratenen Schlangenarsch komme ich zum Stehen.

„Horror in Hose! In Sachen Aufdruck und Dehnbarkeit sind Leggins eine bemitleidenswert wehrlose Kleidungsspezies.“

Jener Hinterschinken vor mir ist ein nackter Beweis dafür. Beinahe nackt. Immerhin lässt der gummiähnliche Stoff der Leggins, die mit schreiend gelben Maiskolben und roten Paprika auf sattgrüner Grundfarbe bedruckt ist, die unterwäschelose Rückgratverlängerung im Canyon-Format so unverhohlen durchscheinen, dass ich fremdschämend nur noch in Richtung des Check-in-Schalters schauen kann.

„Ein einziges Kilo mehr und wir haben es mit einer Katastrophe im Popcorn-Look zu tun.“

Der Beamte am Schalter schneidet eine süß-saure Grimasse in meine Richtung.

„Eine Peking-Ente als Bodenpersonal.“

Seine Mundwinkel lassen mich aber im Dunkeln. Er ist so undurchsichtig wie eine gelblich angelaufene Milchglasscheibe.

„Für das übergewichtige Hinterteil vor mir wird er keinen Aufpreis verlangen können.“

Zeit für ein Selbstgespräch:
Ich: „Wetten, dass wir neben ihr sitzen?“
Ich: „Neben wem?“
Ich: „Neben wem wohl?“
Ich: „Neben der rundlichen Leggins?“
Ich: „Rundlich?“
Ich: „Etwas adipös, vielleicht.“
Ich: „Junge, wir brauchen eine Brille.“
Ich: „Beruhig dich! Freundlichkeit ist aller Verständigung Anfang.“
Ich: „Mit Freundlichkeit werden wir aber neben diesem Kaliber keinen Platz finden.“
Ich: „Mit einer Brille auch nicht.“
Ich: „Sie lässt uns aber rundlich von monströs unterscheiden.“
Ich: „Und mit Freundlichkeit unterscheiden wir uns vom Pöbel.“
Ich: „Wir müssen uns neben diese Tonne quetschen, hundertprozentig!“
Ich: „Allein, dass du daran denkst, öffnet die Tür dafür.
Ich: „Hör doch auf! Deine Ignoranz hat sie doch schon längst aufgestoßen.“
Ich: „Das ist gemein!“
Ich: „Nein, das ist wahr!“

Meine Blase macht sich bemerkbar. Nachdrücklich. Ich spanne mich an. Innerlich. Ruckartig.

Ich: „Der Beamte am Schalter sieht komisch aus.“
Ich: „Komisch? Die Peking-Ente sieht nach Ärger aus.“
Ich: „Gibt es eigentlich jemanden, an dem du nicht rummeckern musst?“
Ich: „Weißt du noch, dass ich dir am letzten Flughafen auch schon Ärger mit dem Beamten prophezeit habe.“
Ich: „Ja!“
Ich: „Und?“
Ich: „Was, und?“
Ich: „Hatte ich Recht?“
Ich: „Spielt das eine Rolle?“
Ich: „Sind wir am Boden geblieben?“
Ich: „Ja!“
Ich: „Mussten wir den Zug nehmen?“
Ich: „Ja!“
Ich: „Fast sieben Stunden?
Ich: „Ja!“
Ich: „Ohne Klimaanlage?“
Ich: „Ja!“
Ich: „In diesem völlig überfüllten Großraumwagen?
Ich: „Ja doch!“
Ich: „Inmitten von mindestens dreieinhalb Millionen Kindern?“
Ich: „Hast du nachgezählt?“
Ich: „Eine monströse Ferien-Druckwelle.“
Ich: „Was?“
Ich: „Ich sag nur: Bevölkerungsexplosion.“
Ich: „Du spinnst!“
Ich: „Und dann mussten wir auch noch Autofahren.“
Ich: „Ich hör nicht mehr hin.“Ich: „Vier Stunden auf einer Buckelpiste.“
Ich: „Ich halte mir mein Herz zu.“
Ich: „In dieser „Ich-möchte-gern-ein-Auto-sein“-Karre.“
Ich: „Du bist das pure Gift!“
Ich: „Mit den Möchtegern-Stoßdämpfern und der Möchtegern-Lüftung.“
Ich: „Sag endlich, was du willst.“
Ich: „Dir sagen, dass die Peking-Ente nach Ärger aussieht.“
Ich: „Ich hab‘s verstanden.“
Ich: „Und wegen eines solchen Kerls werden wir wieder nicht fliegen.“
Ich: „Red‘s nur herbei.“
Ich: „Ich wollte dich nur warnen.“
Ich: „Für den Flugausfall konnte der Beamte am letzten Flughafen nichts.“
Ich: „Von wegen! Seine ganze Aura war ein einziger Ausfall.“
Ich: „Muss es denn immer einen Schuldigen geben?“
Ich: „Es ist einfacher.“
Ich: „Wird es dann besser?“
Ich: „Leichter!“
Ich: „Sind wir am Boden geblieben, obwohl du den Schuldigen ausgemacht hattest?“
Ich: „Ja, schon!“
Ich: „Mussten wir trotzdem den Zug nehmen?“
Ich: „Ja!“
Ich: „Fast sieben Stunden?“
Ich: „Ja!“
Ich: „Ohne Klimaanlage?“
Ich: „Ja!“
Ich: „In diesem überfüllten Großraumwagen?“
Ich: „Ja doch!“
Ich: „Inmitten von angeblich dreieinhalb Millionen Kindern?“
Ich: „Du kannst aufhören.“
Ich: „Nichts hatte sich geändert. Nichts war leichter.“
Ich: „Ich hab mich besser gefühlt.“
Ich: „Weil es einen Schuldigen gab?“
Ich: „Genau! Und wenn dieser Flieger auch am Boden bleibt, weiß ich schon jetzt, wer der Schuldige ist.“
Ich: „Sag doch endlich, was du wirklich willst.“
Ich: „Nur dir sagen, dass der Kerl nach Ärger aussieht.“
Ich: „Jetzt ist aber gut!“

Meine Blase kneift gewaltig!

Ich: „Kann ich etwas dafür, dass wir mitten im Hochsommer in diesem Terminal erfrieren?“
Ich: „Schluss jetzt!“
Ich: „Mitten in der Pampa.“
Ich: „Ruhe!“
Ich: „Hinter dem fettesten Warteschlangenende, seit es Hinterteile und Warteschlangen gibt?“
Ich: „Halt jetzt bloß den Rand!“
Ich: „Was hast du denn? Hab ich nicht Recht?“
Ich: „Das ist mir egal, weil wir jetzt unbedingt pinkeln müssen. Vielleicht ist die Warteschlange dann ja kürzer oder das Hinterteil kleiner oder es gab einen Schichtwechsel am Schalter. Einverstanden?“
Ich: „Wenn dir das alles nicht passt, dann bist du eben schuld, wenn wir nicht fliegen.“
Ich: „Wenn’s dir dann besser geht?“
Ich: „Leichter!“
Ich: „Lass gut sein, wir gehen pinkeln!“

Meinen Rucksack geschultert, parke ich meinen großen Koffer und seinen kleinen Bruder rechts von der Männertoilette. Wir zählen drei Gepäckstücke. 43 Kilogramm. Zu meiner Verwunderung stehen hinter der Tür zum stillen Männerörtchen zwei weitere Warteschlangen. Ein Volkssport. In Längsrichtung. Nur die Hinterteile sind jetzt kleiner. Wir stehen vor zwei etwa sechs Meter langen Edelstahl-Urinalen. Der Abfluss gurgelt ebenerdig in zwei Rinnen. Blitzsauber ist es hier alles. Es herrscht reger Austrittsverkehr.

„Fördern Klimaanlagen den Harndrang?“

Das vermutlich überwiegend blasenschwache Flughafenvolk steht brav an und hält tapfer ein. Ich stehe und halte mit. Alles läuft und fließt geordnet. Jeder Besucher hat für die Zeit des Wasserlassens vor dem Urinal um die sechzig komfortable Zentimeter Privatsphäre. In der Breite. Wohlgemerkt. Nicht in der Tiefe. Allerdings ohne jede Trennwand zum Nachbarpinkler.
In diesem übergriffigen Umfeld sind Mitteleuropäer mitunter etwas scheu. Zudem gleicht das Geruchsspektakel trotz der Polarluft einem kriegerischen Akt: „Toter Hund auf Urinstein“ gegen „Vergessener Tofu im Kotmantel der heimischen Heuschrecke“.

„Nach dem Kinnhaken der Klimaanlage ist das die harte Gerade des Gestanks auf meine sehr kurze Atem-Rippe.“

Luftnot. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie mal am eigenen Leib erfahren wollen, warum die Chinesen über sich selbst sagen: „Wi al tu mäni!“, stellen Sie sich einfach hier an meinen Platz. Weglaufen geht nicht, vor allem, wenn die Blase gleich zu bersten droht – Sie müssen atmen.
Das ständig fließende Wasser in den Urinalen versteht sich als eine Art Handreichung für den öffentlichkeitsscheuen Heimpinkler.

Für die Frauen unter uns:
Hörbare Fließgeräusche treiben einem Mann das Wasser in den Füller und, wenn er einhalten muss, zur Not auch aus allen Poren oder wahlweise in die Augen.

Zwei Minuten vergehen. Gedanklich verknote ich mir die Blase, verkrampfe innerlich, rücke aber stetig vor und stehe jetzt in der Pole-Position. Den kessen Exhibitionisten, der das Zurücklaufen sowie das Verstauen seiner handlichen Wassernudel in einem Aufwasch erledigt, ignoriert das urinierende Männervolk en pissant.

„Ist zwar nicht Französisch, klingt aber witzig!“

 Die nächste Nische ist meine.

 „Da vorne schüttelt einer ab.“

Als ich in meine Pinkel-Lücke einbiege und – in die Urinale spuckend – versuche, mich schon während des Auspackens zu konzentrieren, ist auch mein rechter Nachbar beim letzten Tropfen angelangt und wendet sich mit einem donnernden Furz zum Gehen.

„Solcherlei Störungen in Pinkel-Konzentrations-Phasen sind tödlich. Da fängst du mit einem Schlag wieder von vorne an.“

 Ich schaue an mir hinab und pfeife ein Entspannungsliedchen in mich hinein.

„Freude schöner Götterfunken, …! – Hat so was Positives.“

Um die Konzentration perfekt zu machen, spreche ich mit mir selbst:

Ich: „Sieh nur, wie das Wasser an der glänzenden Wand hinabfließt.
Ich: „Schön.“
Ich: „Und das Zischen und Säuseln erst.“
Ich: „Traumhaft!“
Ich: „Spürst du schon, wie es gleich zu laufen beginnt?“
Ich: „Ja! Aber weißt du, warum unser linker Nachbar so unverdrossen nach oben pinkelt?“
Ich: „Scheiße! Jetzt sind wir raus.“
Ich: „Warum pinkelt der nicht nach unten? Wie jeder normale Kerl?“
Ich: „Keine Ahnung, vielleicht ist er beim Zirkus?“
Ich: „Oder prüft er seine Prostata-Qualitäten?“
Ich: „Wir machen einfach die Augen zu.“
Ich: „Geniale Idee!“
Ich: „Übrigens ist deine Liedauswahl heute erste Sahne.“
Ich: „…wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein…!“
Ich: „Klasse!“

Von rechts wird es plötzlich dunkel. Ein Schatten legt sich auf mich und mein Vorhaben. Ich öffne das rechte Auge und drehe den Kopf.

Ich: „Wo kommt die Hauswand her?“
Ich: „Das ist keine Hauswand.“
Ich: „Du hast recht! Das ist ein Blauwal, der aufrecht stehen kann.“
Ich: „Will der neben uns pinkeln?“
Ich: „Was sonst?“
Ich: „In einem orangefarbenen Poncho?“
Ich: „Yeap!“
Ich: „Hat so ein Ding einen Reißverschluss?“
Ich: „Eher nicht!“
Ich: „Seit wann können Blauwale eigentlich Mönche werden?“

Meine Privatsphäre vor dem Urinal schrumpft unversehens zu einem mickrigen Spalt. Ich werde brutal nach links abgedrängt. Der Strahl-Dompteur neben mir rückt mit. Sein Pinkelstrahl auch. Der Schatten auf mir und meinen Absichten ist eine mentale und physische Totalblockade.

Ich: „Jetzt sind wir aber so was von raus!“
Ich: „Den Trick mit den Götterfunken können wir vergessen.“
Ich: „Und pressen bringt jetzt auch nichts mehr.“
Ich: „Spürst du, wie warm der orangefarbene Meeressäuger ist?“
Ich: „Jetzt wissen wir auch, warum die Klimaanlagen am Anschlag laufen.“
Ich: „Neben diesem buddhistischen Blockheizkraftwerk werden wir uns nicht erleichtern. Nie und nimmer. Das steht fest.“

Meine Diät-Schätzung für diesen Koloss? Massige 230 Kilo! Nackt. Um die Hüfte vielleicht etwas mehr.

„Seine Erscheinung schraubt mir mit einer Rohrzange die Männer-Pipeline zu.“

Ob Blauwal oder Mönch, selbst als Orang-Utan wären die Arme dieses Kerls auf jeden Fall – optimistisch geschätzt – um die Hälfte zu kurz, um sich ordnend, schüttelnd oder liebevoll in den Schritt zu fassen. Den Mumm, nach unten zu sehen, habe ich nicht.

„Wenn er sich beim Pinkeln nicht nass macht, ist das auf jeden Fall eine erstklassige Leistung.“

Der orangefarbene Umhang ginge in Deutschland derzeit als Auffanglager für Flüchtlinge durch. Wenn man seinen Augenschlitz mitrechnet, zähle ich sechs waagrechte Furchen im oberen Teil seines Profils. Ein Stirn-Sixpack.
Plötzlich entweicht unserem Buddha-Blauwal-Hünen etwas wie ein hochtönender Lockruf, etwas wie das Brunftquietschen eines Meeressäugers kommt seinen inneren Weiten. Sein Sixpack hebt und senkt sich.

„Doktor Frankenstein hat sich an einem Faltenhund vergangen.“

Was dann folgt, ist das langgezogene Ausschütten eines Reservekanisters. Gluckernd, glucksend, schmatzend. Ich bin fasziniert, kann mich gedanklich nicht abwenden, bin aber immer noch zu feige, nach unten zu sehen.

„Den Trick mit dem Quietschton merk ich mir!“

Plötzlich hebt er seine mir zugewandte Augenbraue, die ebenso haarlos ist wie der Rest seiner Glocke. Höchste Zeit, mit mir ins Gericht zu gehen. Schnurstracks:

Ich: „Schau weg!“
Ich: „Den Kerl gibt es sonst nur in einem Cartoon.“
Ich: „Aber musst du so gaffen?“
Ich: „Das sieht man nicht alle Tage.“
Ich: „Kein Grund, so schamlos zu sein.“
Ich: „Das kann man sich doch unmöglich entgehen lassen.“
Ich: „Das ist widerlich!“
Ich: „Da haben wir was zu erzählen.“
Ich: „Spanner!“
Ich: „Du immer mit deinem moralischen Zeigefinger.“
Ich: „Voyeur!“
Ich: „Warum beleidigst du mich?“
Ich: „Glaubst du, er ist glücklich in seiner Haut?“
Ich: „Neugier liegt in der menschlichen Natur!“
Ich: „Das ist eine faule Ausrede.“
Ich: „Der Mensch kann das nicht steuern!“
Ich: „Und die geht schon mal gar nicht.“
Ich: „Was kann ich dafür, dass ich neugierig bin?“
Ich: „Neugier ist eine Sache, Gaffen eine andere!“
Ich: „Ich hab ihm doch gar nichts getan.“

Das Quietschen endet abrupt. Die Geräusche des Kanisters sind verstummt. Der Poncho vibriert nach, hochfrequentes Abschütteln. Die Ehrfurcht einflößende Erscheinung drückt mich im Vorbeigehen fast in die Rinne, und ich sehe auf seinem nackten Hinterkopf – über den drei fleischigen Falten im Nackenbereich – nur noch eine tief eingestanzte Rune seiner Religion. Seiner Herkunft vielleicht. Zuordnen kann ich es nicht. Jetzt bin ich an der Reihe und mit dem Licht, das nun wieder auf mich fällt, fließt das Wasser auch ohne Beethoven in Strömen aus mir heraus. Eine Wohltat, die fast zur Bewusstlosigkeit führt. Das Händewaschen muss ich mir an dieser Stelle sparen: Der einzige Wasserhahn, der zu funktionieren scheint, ist dauerhaft von einem orangefarbenen Poncho umlagert.

Zeit, dass wir uns Ärger suchen. Am Check-in-Schalter! Mit der Peking-Ente!

Bald! Hier! Reichlich!

Bis 18.10. und liebe Grüße
Euer Paul

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12 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5 (Teil 1)“

  1. Lieber Paul,
    und nun hatte ich gleich auch noch den nächsten Reisebericht von dir gelesen. Wie eben schon gesagt, du hast so eine Art … „irre“!
    Ich bin übrigens kein „Reisender“ und schon gleich gar nicht einer, der solches gut planen kann und auf’s Klo muss ich auch in jeder möglichen und unmöglichen Situation.
    Sehr, sehr gut mitzuempfinden … hihi!
    Und interessant, das mal aus der Sicht der Männer mitzuerleben, diese Gedanken! In dieser Situation!
    Die Kommentare zu deinem Bericht, die du bekommen hast, sprechen für sich. Dem ist wahrlich nicht mehr allzu viel hinzuzufügen nur … eine wieder rundum gelungene Erzählung! Ich dank dir!
    Einen schönen Sonntag noch und liebe Grüße!
    Hilde

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    1. Wie großartig, Hilde, dass Du nicht aufhören magst, mich zu loben.

      Ich kann Dir gar nicht sagen, wie gut das tut.

      Übrigens wünsche ich Dir für Deinen positiven Stress alles Gute
      und viel Erfolg.

      Du kannst für Deine eigene Kommunikation gerne meine Plattformen
      nutzen und sag mir bitte, wenn ich etwas für Dich tun kann.

      Liebe Grüße und schönes Wochenende
      Paul

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  2. Lieber Paul,
    vielen Dank für ein weiteres Kapitel aus dem Unterholz der Dummheit, auf dessen Fortsetzung ich schon sehr gespannt bin.
    Ich verliebe mich immer mehr in deine Zwiegespräche, weil ich durch sie nicht nur sehr gut unterhalten werde und mehr als einen sprachlichen Leckerbissen verzehren kann, sondern weil ich durch sie auch mit mir ins Gespräch komme und was kann uns Menschen denn Besseres geschehen, als zur Selbstreflexion angestoßen zu werden.
    Alles Liebe, Kiki

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    1. Liebe Kiki,

      da sprichst Du etwas an, was mich sehr beschäftigt und was mich
      mit Macht antreibt, diese inneren Dialoge immer wieder als Stil-
      mittel anzuwenden:

      Es ist zu laut geworden!

      Es ist so laut, dass wir nicht mehr auf uns selbst hören. Es ist
      so ohrenbetäubend, dass es herzbetäubend geworden ist.

      Unser Bauch ist verstummt. Scheinbar. Aber wir hören nicht mehr
      hin. Er kann schreien so viel er will, wir sind taub nach innen
      und stumpf nach außen.

      Danke, dass Du es gesehen und gehört hast.

      Dein Paul

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      1. Lieber Paul,
        da hast du sicher Recht. Wir tendieren dazu, auf alles zu hören, nur nicht auf uns selbst. Aber ich glaube, dass das nicht nur daran liegt, dass wir es nicht mehr können, weil die Stimmen von außen lauter sind als die sanfte innere Stimme; manchmal wollen wir auch nicht hören, was uns die innere Stimme sagt, weil es weh tut, unbequem ist, mit Anstrengungen verbunden und es auf den ersten Blick einfacher ist, die innere Stimme in einen schallgeschützten Raum zu sperren. Wer sie aber daraus befreit, kommt in den Genuss des zweiten Blicks, kehrt so zu sich selbst zurück und kann damit auch ganz intensiv im Außen leben.
        Schönes Wochenende!

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      2. Liebe Kiki,

        ein bisschen angestachelt durch Deine Worte, gehe ich gerne noch einen
        Schritt weiter: Wir haben nicht nur verlernt, auf uns oder in uns hin-
        einzuhören, sondern wir würden nichts mehr hören, selbst wenn wir jetzt
        plötzlich wollten.

        Liebe Kiki, das Drama ist für mich nicht mehr die vermaledeite Taubheit
        wegen der vielen Umgebungsgeräusche, die unser Innerstes scheinbar nicht
        mehr zu Wort kommen lassen.

        Das Drama ist vielmehr das beklagenswerte Stummsein, dass unser Innerstes
        erreicht hat. Wir haben uns in unserem Inneren nichts mehr zu sagen.

        Da ist der schlichte Wahnsinn, der uns keine Meinung mehr haben lässt.
        Wir sind von innen nach außen vertrocknet.

        Wir wissen nicht mehr, wofür wir auf die Straße gehen, warum wir etwas
        kaufen, weshalb wir begehren.

        Frag die Menschen und sie werden Dir sagen, was Du selbst schon gelesen,
        gehört oder gesagt bekommen hast.

        Die wahren Motive kommen aus uns heraus, aber sie können nicht mehr zu
        uns sprechen, weil sie mundtot sind.

        Nur in Deinen Worten lese ich etwas Hoffnung und das gibt mir Mut auch
        weiter einen inneren Dialog in meinen Geschichten zu führen.

        Dein Paul

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      3. Ja, lieber Paul, da ist viel Wahres dran. Wir sind innen und außen verstummt, weil wir in unserer Passivität gefangen sind, in einer Schockstarre verharren, gelähmt sind, nur noch konsumieren, weil wir so viel Angst davor haben, wirklich zu leben. Das führt dazu, dass wir die Verantwortung für uns selbst an „die anderen“ abgeben und uns bereitwillig auf den Opferaltar der Umstände, der Zeit, die noch nicht reif ist, legen. Wir wollen nicht mehr auffallen, nur noch in der Masse als Teil der Masse wahrgenommen werden, konform sein. Wir wollen nichts verändern, halten am Altbekannten fest und wollen nichts von unserer vermeintlichen Sicherheit aufgeben. Die innere Stimme wird überhört oder – viel schlimmer – sie wird beruhigt, anästhesiert.
        Aber so schrecklich und so hoffnungslos wie sich das jetzt liest, ist es gar nicht. Denn die innere Stimme lässt sich nicht komplett zum Schweigen bringen und nicht auf ewig ruhig stellen, es baucht nur den richtigen Impuls zur richtigen Zeit.
        Und ich glaube fest daran, dass jedem Menschen zum richtigen Zeitpunkt genau dies widerfährt.
        In diesem Sinne wünsche ich dir einen schönen Tag!

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      4. Ja, liebe Kiki,

        Dein Kommentar musste jetzt doch einige Tage auf eine Antwort warten.

        Aber nicht weil ich nicht wollte oder nicht konnte, sondern weil es
        einige Tage brauchte, bis ich den inneren Widerstand, den ich beim
        Lesen Deiner Zeilen spürte, identifizieren konnte.

        Jetzt ist mir klar geworden, worüber ist stolperte:

        Der Mensch ist qua seines Verstandes ein Täter – selten ein Opfer.
        Für sein eigenes Leben ist er das nie. Er kann sich immer entscheiden.

        Es war das Wort „Angst“ neben einigen anderen, das meinen Unwillen
        lockten. Vielleicht gibt es Fälle, für die Deine Gedanken zutreffen,
        aber mein Herz sagt mir, dass es in den meisten Fällen eben nicht
        die Furcht
        – vor dem Leben,
        – vor seinen Mitmenschen,
        – vor den Aufgaben im Leben oder
        – vor sich selbst
        ist.

        Ich nehme eine Sattheit wahr. Ich spüre eine Art Agonie unserer
        Leidenschaft. Es brennt nichts mehr. Der Drang in die graue
        Masse abtauchen zu wollen, hat für mich nichts mit Angst zu tun.

        Er wird mehr gespeist aus dieser Sattheit, aus dem Wunsch sich
        selbst nicht mehr sehen zu wollen und aus der Nutzlosigkeit, die
        jeder fühlen muss, wenn sein Sinn sich in ein Smartphone ergießt
        oder aus diesem herausfließt.

        Es ist keine Angst, Kiki! Es ist ein Todeskampf, den wir verlieren
        werden, wenn wir den richtigen Zeitpunkt, von dem Du schreibst, ver-
        säumen.

        Wenn wir verpassen aufzuhorchen, wenn es höchste Eisenbahn ist.

        Dein Paul

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      5. Lieber Paul,

        ich danke dir von Herzen für deine Wahrnehmung des Zustands unserer Gesellschaft, der uns beide umzutreiben scheint.
        Ich glaube, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt sind in unserer Sicht der Dinge; sie nur mit anderem Schwerpunkt wahrnehmen, was mir einen neuen Denkanstoß verpasst hat.
        Du beschreibst sehr treffend und schonungslos die Symptome unserer modernen Gesellschaft, in der wir satt, aber ungesättigt „leben“, in der wir uns schon fast im Todeskampf befinden.
        Ja, wir sind „Täter“, wir entscheiden jeden Tag, wohin uns unsere Schritte führen, aber da diese Entscheidungen selten aus dem Innersten, aus dem Bewusst-Sein geboren sind, sind wir nicht wirklich tätig, sondern nur geschäftig. Unsere Aktivität ist eine uns entfremdete, die oft nichts mit uns zu tun hat. Wir agieren, um zu besitzen. Wenn wir lernen, geschieht dies oft nicht produktiv/kreativ, sondern lediglich konsumierend.
        Wenn wir kommunizieren, dann eignen wir uns Meinungen an, unsere Gespräche sind durch Urteile manifestiert. Unser Wunsch nach Antworten auf die existenziellen Fragen stillen wir durch passiven Besitz an Wissen; wir eignen uns Antworten an, die andere gegeben haben und machen uns so von Ideologien abhängig, die uns als Krücke dienen. Und dies alles führt zu einem Gefühl der Übersättigung, lähmt uns, macht uns passiv, führt zum Verlust der Leidenschaft, weil wir uns von dem Besitz an Personen, Gefühlen, Gedanken, Ideen, die wir uns angeignet haben, abhängig gemacht und so die Glut in uns erstickt haben. Unser Wille ist durch gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster bestimmt und so sind keine echten autonomen Wünsche und Entscheidungen mehr möglich.
        Wir leben im Schein statt im Sein, setzen uns Masken auf und geben uns Illusionen hin. Wir manipulieren unsere innere Stimme so lange, bis sie zum Außen passt.
        Wenn wir aber wieder in unserer Innerstes vordringen wollen, müssen wir durch die Oberfläche dringen und hinter die Fassade blicken; wir müssen uns dem stellen, an was wir leiden. Es ist die Sattheit, von der du sprichst, die uns davon abhält, unter die Oberfläche zu blicken. Und wenn wir erkannt haben, dass dies aber der einzige Weg zu uns zurück ist, fehlt uns der Mut, die Anstrengungsbereitschaft, haben wir Angst vor dem, was wir in unserem Inneren vorfinden, scheuen die Veränderung, haben Angst …
        Dass du von Nutzlosigkeit, die wir fühlen, sprichst, macht Mut, denn sich nutzlos zu fühlen, ist vielleicht der erste Schritt, sich wieder nützlich machen zu wollen, sich produktiv und konstruktiv mit sich und der Welt auseinanderzusetzen – vielleicht ist die Schmerzgrenze beim einen oder anderen ja schon erreicht.
        Und dann können wir auch wieder richtig lieben – uns selbst und andere, dann erwacht wieder der Hunger und die Leidenschaft in uns. Und dann können wir uns wieder in unserem Innersten begegnen und sehen und auch andere wieder in unser Innerstes lassen und uns in Herz und Seele berühren lassen.
        Und das ist das, was deine Geschichten u.a. zeigen: Wenn wir uns nur an der Oberfläche bewegen, nur den Blick auf eine Seite richten, in Eindimensionalität verharren, bleiben wir blind; wenn wir aber den zweiten und manchmal auch dritten Blick werfen, dann können wir die Mehrdimensionalität in uns und anderen erkennen und den Blick in die Tiefe wagen.
        Und das ist das, was es braucht, um uns aus unserer Agonie zu befreien: Menschen, Geschichten, die uns zeigen, dass es sich lohnt, sich nach innen und außen zu öffnen, die uns Mut machen, die Fassaden einzureißen, alle Dimensionen wahrzunehmen, die uns den Mund wässrig machen, sodass wir merken, dass wir nicht wirklich satt sind und wenn wir wieder wirklich hungrig und voller Leidenschaft sind, wenn wir uns an Seele und Herz berühren lassen, dann sind wir wieder ganz bei uns angekommen.

        Danke für deine Gedanken,
        liebe Grüße, Kiki

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      6. Wow, liebe Kiki,

        AMEN!

        Mehr bleibt hier und mir nicht zu sagen. Mit Deinen Worten hebst
        Du unseren kleinen Diskurs auf eine Ebene, die mir sehr gefällt:

        „Der Mensch ist weder Täter noch Opfer,
        der Mensch ist ein frei denkendes Individuum,
        das kraft seines Verstandes,
        kraft seiner Vernunft,
        kraft seiner Schöpfung die Chance hat,
        aus allem das Beste zu gewinnen!“

        Und wenn er „nur“ aus dem Gefühl der Nutzlosigkeit, das Ziel gewinnt,
        sich nützlich zu machen. Das macht wirklich Mut.

        Schönes Wochenende
        Dein Paul

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  3. Kein Poncho könnte je so farbenfroh wie deine Selbstgespräche und Beobachtungen sein. Jetzt weiß ich auch wieder warum ich diese Massenedelstahlurinale stets vermeide, denn dort komme ich mir nackter vor, als in einer fetischangehauchten Nudistensauna, die schon am Eingang verlangt die Geldbörse entweder in der Hand zu führen, oder mit einem Zaubertrick aus irgendeiner Hautfalte zu ziehen. Nun warte ich auf die Pekingente, ob süß, sauer oder gar beides 😉

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    1. Lieber Arno,

      eine Börse wirst Du bei der Peking-Ente nicht brauchen. Keine Angst!
      Und irgendwelche Hautfalten, seien sie alterbedingt oder einer Über-
      gewichtigkeit geschuldet, werden niemanden stören.
      Aber Du solltest Dich mit einem gut geölten Iliosakralgelenk wappnen.
      Das könnte helfen.

      Ich freue mich wieder auf Dich, wünsche Dir einen schönen Wochenstart
      und bedanke mich von Herzen für Deine Treue – trotz einer dräuenden
      Peking-Ente

      Dein Paul

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