Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5 (Teil 2)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Ein Auge liest mit, eine Leggins ist auch nur ein Mensch und Ärger steht an.

„Nur heute nicht!“

Er steht ‚am‘.

„Am Check-in-Schalter.“

Jetzt! Hier! Reichlich! Am ersten Zielort – nach der urinalen Erleichterung. Schichtwechsel am Schalter gab es keinen. Der Beamte mit dem Aussehen einer Peking-Ente schiebt immer noch Dienst: süß-säuerlich und mit einer gelblichen Schnute. Die berechtige Frage, warum ich mit 43 Kilogramm Gepäck unterwegs bin, ist schnell beantwortet: „Eine vierwöchige Reise bewältigst du nicht nur mit einer Unterhose!“

Treten Sie vor – mit Ihrem Gepäck und an alle Schalter dieser Welt –

  • mit einem „l“, wenn ein „r“ mal wieder nicht über die Lippen will,
  • auf Überraschungen gefasst,
  • im Besitz eines gut geölten Iliosakralgelenks und
  • mit der beharrlichen Duldsamkeit einer Blockhütte am Yukon.

Es folgt nun:
Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5 (Fortsetzung)

Auf dem Rückweg zum Check-in-Schalter klebt der als Mönch verkleidete Blauwal uhu-ähnlich an meiner Erinnerung. Wie ein feuchter Popel unter meinem Fingernagel.

„Kein neues Erlebnis in Sicht, um das fiese Klümpchen daran abzuschmieren.“

Der Check-in-Schalter präsentiert sich freundlicher:

  • Die Full-Size-Leggins ist weg,
  • die Warteschlange ist bis auf eine Person geschrumpft und
  • meine geleerte Blase schnurrt zufrieden im Chor mit meinen Eingeweiden.

„Das Leben ist schön.“

Als ich hinter dem letzten Reisenden an Schalter Nr. 4 ankomme, habe ich etwas Zeit, mich in mir selbst umzuhören:

Ich: „Schalter Nr. 4!
Ich: „Richtig!“
Ich: „War ja klar!“
Ich: „Was war klar?“
Ich: „Wir stehen an Schalter Nr. 4!“
Ich: „Sehr schön bemerkt! Und?“
Ich: „Noch nie was von Tetraphobie gehört?“
Ich: „Tetra-was?“
Ich: „Die Hälfte der Menschheit glaubt, dass die Zahl 4 den Tod bringt!“
Ich: „Nicht dein Ernst?“
Ich: „Und ob!“
Ich: „Und was hat das mit uns zu tun?“
Ich: „Begreifst du gar nichts?“
Ich: „Wir gehören zur anderen Hälfte.“
Ich: „Die Peking-Ente aber nicht.“
Ich: „Numerologie ist blanker Unfug.“
Ich: „Das ist der Ente egal.“

Der Letzte in der Reihe ist nun abgefertigt und trollt sich von dannen. Ohne sich umzusehen. Ich trete an den Tresen und die Ente steht auf.

„Einen Unterschied in seiner Höhe macht das nicht.“

Die Stimmung des halbhohen Staatsbeamten schwappt über den Tresen wie ein unappetitlicher Willkommensgruß.

„Das kann ja heiter werden.“

Ich (ruhig, sachlich, aufgeräumt): „Here is my passport, my reservation confirmation and my luggage.“

Mit dem letzten Satzteil weisen meine Augen nach unten.

Die Ente (reckt den Hals, lugt über den Tresen): „You have thlee pieces?“

„Thlee? Wegen mir! Immerhin eine Ente, die zählen kann.“

Ich (lege die Dokumente auf den Tresen, grinse): „No, I have four!“

Die Ente (sieht mich prüfend an, mit pikantem Grundton): „Foul?“

„Ein chinesischer Schiedsrichter!“

Mit einem Blick der vollkommenen Friedfertigkeit ziehe ich meinen Brustbeutel unter meinem Sweatshirt hervor.

„Mal sehen, was er dazu sagt?“

Ich (etwas Auflockerung kann nicht schaden und trägt zu meiner Ermunterung bei): „All my important documents are in this wonderful piece of luggage.“

Ein Lächeln eskortiert meine Worte.

Die Ente (würzt den pikanten Grundton nach): „This is no piece of luggage.“

Ich: „Wäre ja auch zu schön gewesen.”
Ich: „Was?“
Ich: „Wenn die Ente auch noch Humor gehabt hätte.“
Ich: „Von was träumst du denn nachts?“
Ich: „Das weißt du ganz genau.“

Ich (ernüchtert, lächle aber trotzdem weiter und nicke dazu): „You are right, I know.“

Die Ente (der pikante Grundton bekommt jetzt eine kraftvolle Färbung): „Why did you say foul?“

„Wenn er nicht locker lässt, ich…“

Ich (…kann das auch, mit gedehnter Betonung): „I did’nt say foul, I said: ‘Four’.“

„Was soll’s! Zeit bis zum Abflug habe ich genug.“

Die Ente (eine Chili-Note mischt sich in den Grundton): „What’s the diffelence between foul and foul?“

Ich (kann es nicht zurückhalten): „The difference is four.“

Die Ente (bäumt sich auf, die Chili-Note ist von beißender Schärfe): „Only two pieces!“

Ich: „Was hat er gesagt?“
Ich: „Dass nur zwei Stücke gehen würden.“
Ich: „Das habe ich auch verstanden.“
Ich: „Seine Oberlippe zittert oder bilde ich mir das ein?“
Ich: „Keine Einbildung, er wirkt emotional angefasst.“
Ich: „Wir sollten jetzt auf die Bremse gehen.“

Ich (mit Naturjogurt als Schärfestopper in der Stimme, hebe die Handflächen in seine Richtung): „Sorry, what did you say?“

Die Ente (herrisch, kalt): „Only two pieces.“

Ich: „Er hat es wieder gesagt.“
Ich: „Und es hat wieder ganz danach geklungen, als wären nur zwei Gepäckstücke erlaubt.“
Ich: „Dann haben wir jetzt ein Problem.“
Ich: „Und wir lösen es nicht, wenn wir weiter auf teutonische Hose machen.“
Ich: „Ist ja schon gut.“

Ich (mache mich vor dem Tresen etwas kleiner, betont leise): „Listen, I have come from Germany via Bejing. Okay?“

Kurze Pause.

Ich (warte sein Nicken ab): „With Business Class. I have come to your wonderful city by train. That’s the reason for having three pieces of luggage with me.“

Ich: „So wahr die Geschichte ist…“
Ich: „…so wenig wird er sie kaufen.“
Ich: „Meinst du?“
Ich: „Ich hab‘s dir gesagt: die Peking-Ente bringt nur Ärger.“

Die Ente (nickt immer noch, aber die Worte kommen jetzt mit kleinen Frostbeulen aus seiner Schnute): „Only two pieces.“

Ich: „Hat er unsere Geschichte verstanden?“
Ich: „Ich bin unsicher.“
Ich: „Du?“
Ich: „Schwache Momente hat jeder.“

Ich (gehe weiter in die Knie, bin fast schon auf Augenhöhe, schiebe meine Dokumente in seine Richtung): „Did you understand my problem?“

Ich: „Diese Geste versteht der nie.“
Ich: „Eine Hostie wird er doch mit uns teilen.“
Ich: „Wir haben aber keine.“
Ich: „Das war ja auch symbolisch gemeint.“

Die Ente (hackt die Worte mehr, als sie sie spricht): „Two pieces.“

„Verdammt!”

Ich (bin mit der Nase nahe am Tresen): „Okay, okay! So what can we do?“

Die Ente (seine kalten Worte sind Eisspray für meine Ohren): „Our airline callies two pieces. Not mole!“

Ich: „Callies? Dem geb ich gleich callies!“
Ich: „Er meint ‚carries‘!“
Ich: „Klugscheißer!“
Ich: „Das heißt nur, dass die nur zwei Stücke mitnehmen.“
Ich: „Halt die Klappe!“

Ich (einen Vorstoß wage ich noch, richte mich wieder auf, trete näher, lauter): „I would like to talk to your boss.“

Die Ente (lauter als ich, Polarwind weht in meine Richtung): „I’m the supelvisol in chalge.“

Ich: „Das wird ja immer besser. Jetzt ist er auch noch das Supelwiesel.“
Ich: „Supervisor!“
Ich: „Ein chinesisches Supelwiesel!“
Ich: „Ruhig bleiben!“
Ich: „Kann der mit uns machen, was er will?“
Ich: „Willst du‘s wirklich herausfinden?“
Ich: „Gleich setzt es einen Hieb auf die Enten-Lauscher.“
Ich: „Gut, dass du wieder einen Schuldigen gefunden hast.“
Ich: „Für eine Tracht Prügel im Vollkontaktformat ist das auch wichtig.“
Ich: „Das beeindruckt niemanden.“
Ich: „Wart’s ab!“

Ich (lehne mich angriffslustig über den Tresen): „So, what do you think? Should I leave my luggage here at the airport or in your living room?“

Die Ente (weicht zurück, Eiswürfel kommen aus dem gelben Schnabel): „Two pieces, I said! Should I call the seculity fol youl bettel undelstanding?“

Das halbgerupfte Federvieh lässt sich demonstrativ wieder auf seinen Pürzel fallen, verschränkt die Arme vor der Brust, und ich begreife die Aussichtslosigkeit meiner Verhandlungsstrategie.

„Da gibt es kein Durchkommen. Der Kopf dieser räudigen Ente steckt so tief in der Gülle diktatorischer Vorschriften, dass das ‚Schwänzchen in der Höh‘ bis zu einem asiatischen Olymp reichen dürfte.“

Ich: „Der Check-in-Schalter nebenan ist geschlossen.“
Ich: „Und?“
Ich: „Platz genug, um neu zu packen.
Ich: „Never ever!“
Ich: „Aus 3 mach 2!“
Ich: „Kannst du vergessen!“
Ich: „Komm schon!“
Ich: „Ich steig‘ jetzt über den Tresen.“
Ich: „Klasse Idee!“
Ich: „Das mach ich wirklich!“
Ich: „Schluss jetzt! Wir packen
um!“

Ich (trete wieder einen Schritt zurück, nehme meine Unterlagen – mit einer Selbstbeherrschung der dritten Art): „No problem! No problem! Two pieces! Not more.”

Die selbstgefällige Geste dieses sturen Supelwiesels übersehe ich geflissentlich, lasse meine Unterlagen wieder in meinem vierten Gepäckstück verschwinden und die Sekunden einer inneren Sammlung nutze ich für das Löschen eines bedrohlichen Schwelbrandes in mir:

Ich: „Ruhig bleiben!“
Ich: „Wusst ich’s doch!“
Ich: „Nichts wusstest du!“
Ich: „Hab ich nicht gesagt, dass die Ente nur Ärger bedeutet!“
Ich: „Herbeigeredet hast du’s!“
Ich: „War doch sonnenklar, dass die Peking-Schnute uns in die Pfanne haut!“
Ich: „Die Vorschriften sind eindeutig!“
Ich: „Seine Vorschriften sind Dreck.“
Ich: „Er hat die Vorschriften nicht gemacht!“
Ich: „Dann kann er sich auch darüber hinwegsetzen.“
Ich: „Macht er aber nicht.“

Meine drei Gepäckstücke hieve und schiebe ich drei Meter zur Seite. 43 Kilo. Vor den geschlossenen Schalter Nr. 5. Den großen Koffer lege ich auf die Seite, seinen kleinen Bruder daneben.

Ich: „Lass uns den kleinen Koffer für den Flieger packen und Rucksack samt Inhalt in den großen Koffer stopfen.“
Ich: „Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Ich: „Was meinst du?“
Ich: „Irgendwo ist ein Haken.“
Ich: „Du nun wieder!“
Ich: „Einfach umpacken? Und das war’s?“
Ich: „Was denn noch?“
Ich: „Was weiß denn ich.“
Ich: „Du bist paranoid.“

Auf Knien, in den Untiefen meines Kofferriesen vergraben, schaffe ich vehement Platz. Ich versuche es wenigstens: für den Inhalt meines Rucksacks und den Rucksack selbst.

„Ein Ding der Unmöglichkeit.“

Beugen, aufrichten, inspizieren, überlegen, beugen, aufrichten, Kopf schütteln, Koffer drehen, beugen, auspacken, ausbreiten, beugen, aufrichten, T-Shirts rollen, den Innenraum der Schuhe nutzen.

„Tetris blind: Kleinteile in Lederschuhe stecken.“

Dann wieder: beugen, aufrichten, umstecken, neu packen, ausstopfen, einklappen, pressen, Lücken erkennen, knüllen, drücken, beugen, aufrichten.

„Ohne den kleinen Koffer zu öffnen, wird das nichts.“

Gedacht, getan: Der kleine Koffer offenbart mir eine reife Presspackung.

Ich: „Da haben wir zu Hause ja ganze Arbeit geleistet.“
Ich: „Keine Zahnbürste passt da noch rein.“
Ich: „Dafür werd‘ ich die Peking-Ente in die Röhre schieben.“
Ich: „Nichts wirst du.“
Ich: „Und ob! Wegen dieses hässlichen Vogels rutschen wir hier jetzt auf den Knien rum.“
Ich: „Lass uns vorwärts machen, dann können wir diesen unseligen Ort verlassen.“
Ich: „Und dann gibt es Entenbraten.“
Ich: „Vielleicht in der Lounge.“
Ich: „Wir fliegen Economy, mein Lieber. Schon vergessen?“
Ich: „Ich wollte uns nur aufmuntern.“
Ich: „Mit Economy kannst du dir alle Lounges dieser Welt abschminken.“
Ich: „Ist ja gut.“
Ich: „Ich hör auf, wenn Du aufhörst, uns aufzumuntern.“
Ich: „Was hältst du eigentlich davon, wenn wir den Pullover und die Regenjacke über das Sweatshirt anziehen?“
Ich: „Spitzenidee! Und auf dem Rollfeld kollabieren wir. Willst Du sterben?“

Mit dem ständigen Beugen und Aufrichten gibt mein unterer Rücken einen vernehmlichen Hexenwarnschuss ab. Ich strecke mich vorsichtig durch. Es knirscht verdächtig zwischen meinen Wirbeln.

Ich: „Es geht uns nicht gut.“
Ich: „Der Rücken bringt uns noch um.“
Ich: „Nicht wegen des Rückens.“
Ich: „Wegen was dann?“
Ich: „Spürst du nicht, dass hier was nicht stimmt.“
Ich: „Immer noch paranoid?“
Ich: „Es geht mir zu leicht.“
Ich: „Wir packen doch schon um. Was denn noch?“
Ich: „Waren wir uns einig?“
Ich: „Womit?“
Ich: „Innere Stimmen werden nicht überhört.“
Ich: „Korrekt!“
Ich: „Lass alles so liegen. Da keine weiteren Reisenden in Sicht sind, stören wir niemanden.“

Das Knacken meiner eingerosteten Kniegelenke hallt beim Aufstehen laut durch das Terminal. Ich sehe mich kurz um, ob jemand das Spektakel meiner bedauernswerten Beweglichkeit mitverfolgt.

„Kein Schwein nimmt Notiz.“

Alles tut mir weh, ist verdreht, verbogen, verspannt. Vor den Schaltern bin ich allein.

„Alt werden ist scheiße!“

In der Drehung zu Schalter Nr. 4 lege ich mir eine Frage an die Peking-Ente zurecht.

„Eine, die mir eine andere Antwort als „two pieces“ beschert.“

Als ich aufblicke, staune ich nicht schlecht: Statt des Supelwiesels, strahlt mich ein Zwillingsgesicht des Vollmondes unverhohlen, verdächtig heiratswillig an.

Ich: „Achtung!“
Ich: „Keine Ahnung, wie die dahin gekommen ist.“

Wo die Peking-Ente gerade noch ihren Pürzel plattgesessen hat, steht der menschgewordene Liebreiz eines sattgelben Pfannkuchens. Mit Rosinen.

„Akne macht auch vor asiatischer Haut nicht halt.“

Ich (schmeiße meine Frage über Bord, strahle zurück, trete näher): „Where is your supervisor?“

Vollmond (mit einem größeren Portiönchen Honig in der Stimme): „Coffee break.“

„Für diesen Schmalz brauchen wir ein Auffangeimerchen.“

Ich (komme ganz nah an den Tresen): „I have a problem.“

Vollmond (lässt ihren Zwillingsbruder verblassen): „How may I help you? “

Das ist mal ein Auftakt. Damit kann man arbeiten: Meine ganze Erscheinung hellt sich auf, meine Haltung öffnet sich, die Leiden des alten Paul sind vergessen, meine Ellbogen stützen sich wie von Geisterhand geführt auf den Tresen, mein Kopf neigt sich wohlwollend zur Seite.

Ich (leise, als würde ich dem Vollmond ein Geheimnis anvertrauen): „Listen, I have three pieces of luggage.“

Vollmond (das Portiönchen wird eine Portion): „Where is the problem?“

„Nicht ‘whele’ und nicht ‘ploblem‘? Erstaunlich!”

Ich (verschränke die Finger – wie zum Gebet): „Three pieces are possible?“

Vollmond (beugt sich vor, samtweich): „Why not? “

“Wehe, sie spitzt jetzt die Lippen.”

Ich (halte tapfer meine Stellung, Kopf in Schräglage): „Your supervisor told me something different.“

Vollmond (kommt noch näher): „With not more than twenty-two Kilos in total, everything is fine. Fifteen for your suitcase and seven for your other belongings: Then you can carry as many pieces as you like.“

Ihre Worte sind wie ein Schlag auf meine Ohren. Ich kippe unwillkürlich nach hinten. Mein Gleichgewichtssinn ist außer Kraft. Kaum, dass ich mich auf den Beinen halten kann. In mir fängt es an zu zetern:

Ich: „Wir müssen 21 Kilo zurücklassen?“
Ich: „Wieso 21 Kilo?“
Ich: „Kopfrechnen war mal deine Stärke.“
Ich: „Und?“
Ich: „15 im großen Koffer und 7 im Handgepäck. Macht 22. Unsere 43 minus deren 22 macht grausame 21.
Ich: „Ein Desaster!“
Ich: „Brutal!“
Ich: „Wir haben ein Problem!“
Ich: „Ein 21-Kilo-Problem!“

Mit diesem Gedanken kippe ich wieder nach vorne.

Ich (meine Stimme zittert): „But I have forty-three kilos with me. “

Vollmond (richtet sich auf, zwinkert): „I’m weighing only your suitcase.“

„Echt jetzt?“

Ich (in jeder Hinsicht fast von der Rolle): „I can take two pieces in the cabin with me? “

Vollmond (flüstert, zwinkert ein zweites Mal): „If I you have two cabin tags.“

„Nicht zu fassen, aber warum zwinkert sie wieder?“

Aus den Augenwinkeln sehe ich Supelwiesel kommen. Hinter den Schaltern. Er schreitet. Standesgemäß. In unsere Richtung. Bleibt an Schalter Nr. 1 stehen.

„Jetzt heißt es Gas geben.“

Ich (meine Gedanken überschlagen sich): „What do I have to do for two cabin tags.“

Vollmond (als wäre es eine Selbstverständlichkeit): „Nothing. Just ask me!“

Die Peking-Ente ist auf dem Weg zu Schalter Nr.2. Bleibt erneut stehen. Erteilt Anweisungen. Gestikuliert. Schaut nicht zu mir.

Ich (kurz angebunden, immer noch allein auf dieser Seite der Schalter): „Give me a second!“

Mit einer Drehung nach links, sinke ich auf die Knie. Die noch offenen Koffer lassen meine Hände widerstandslos gewähren: schnell, kompromisslos! Alles Schwere aus dem großen raus, alles Voluminöse rein! Den Pullover streife ich über, die Jacke lege ich daneben. Ein Blick hinter die Schalter.

„Supelwiesel spielt immer noch den Chef.“

In den kleinen Bruder kommt nur, was richtig Pfund hat. Als ich nach 60 Sekunden den großen Koffer schließe, schicke ich ein Stoßgebet für 15 Kilo in den Himmel.

„Den kleinen Koffer werde ich nicht mehr anheben können.“

Ein weiteres Sweatshirt, meinen Drei-Kilo-Waschbeutel und meine geländegängigen Trekking-Schuhe der Marke „Man-weiß-ja-nie“ schnalle ich unter die große Dachlasche meines Rucksacks. Alles zu!

„Sieht verboten nach Messi aus! Mir fehlt nur noch ein Einkaufswagen“

Mit Schwung wuchte ich mich in die Senkrechte und luge verstohlen in Richtung Schalter Nr. 2. Die Peking-Ente dreht sich in diesem Moment in Richtung Schalter Nr. 3.

„Er kommt!“

Ich drehe ihm den Rücken zu, stelle meine großen Koffer mit einem Ruck auf die Rollen und hieve ihn auf das Wiegeband neben dem immer noch strahlenden Vollmond.

„15,6 Kilogramm. Gott sei Dank.“

Ein kurzer Blick über den Tresen nach rechts und ich sehe, dass die Ente auch an Schalter Nr. 3 angehalten hat. Um unerkannt zu bleiben, lege ich meine Hand wie ein Schutzschild an meine rechte Gesichtshälfte.

Ich (der Schweiß steht mir auf der Stirn, ganz leise): „Could I have two cabin tags, please?“

Vollmond (schielt verstohlen nach links, ganz leise, ein drittes Zwinkern): „Of course, you can! “

Bei der Übergabe der Tags lege ich meine Hand über die ihre und forme mit den Lippen ein langsam betontes ‚Thank you‘. Durch die gespreizten Finger meines Schutzschildes sehe ich, dass die Peking-Ente loswatschelt. Direkt auf uns zu. Von rechts! Mein Koffer verschwindet mit einem Priority-Tag (der Vollmond muss aus Gold sein) geradeaus in der Gepäck-Unterwelt des Flughafens und ich – mit meinen zwei übergewichtigen Handgepäcken, zwei Cabin Tags, meiner Jacke über dem Arm und einer unverschämt guten Laune – nach links.

Unglaublich, was passiert, wenn am hellichten Tag der Vollmond in einer Flughafenhalle aufgeht.

„Wunder geschehen immer wieder.“

Schönes Wochenende und bleibt mir gewogen
Euer Paul

PS: Kapitel 6 kommt sehr bald!

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8 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 5 (Teil 2)“

  1. Entweder Vollmond ist eine hervorragende Botschafterin ihres Landes oder die Beiden haben Dich so schnell über den Check in Schalter gezogen, dass Du die Reibungshitze als Nestwärme empfunden hast. Jedenfalls hilft mir diese amüsante Begegnung mit Pekingente (nachher ist ja alles viel leichter zu ertragen), mir in einer ähnlichen Situation so fest auf die Zunge zu beißen, dass ich danach für mindestens 30 Minuten jeden Anflug meines unausgereiften Humors unterdrücken kann – danke an Dich und thlee pieces 🙂

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    1. Lieber Freund,

      tatsächlich übernehmen gerade die Vollmonde oft eine Botschafterfunktion.
      Ungefragt, unangekündigt und mit durchschlagender Energie.

      Eines habe ich auf all meinen Reisen gelernt. Diskutieren bringt NIX!

      Also beiß auf die Zunge und warte ab!
      Am Ende wird doch alles gut und Du weißt nie, wofür etwas gut ist,
      bevor Du es nicht bis ans Ende erlebt hast.

      Liebe Grüße Dein Paul

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  2. Peking – Ente und Vollmond …
    die perfekte Mischung ..
    ich habe mich wieder einmal köstlich über dein Selbstgesräche amüsiert .. .
    der Gute und der Böse … aber ausrasten möcht man schon .. gelle ..
    und die Moral … der Check in ist “ Krieg “ und der Flug der reinste Frieden ..
    mal abgesehen von dem kleinen Monster was da noch lauert .. lach 🙂

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    1. Liebe unbekannte Freundin,

      tatsächlich sind Flüge selten der reinste Frieden,
      – vor allem mit Fluglinien, deren Namen man nicht kennt,
      – mit einer Bordküche, deren Speisekarte man nicht lesen kann,
      – mit Flugpersonal, die man nicht versteht,
      – auf Sitzen, deren Ausmße verboten gehören und
      – mit Mitreisenden, die Ihre Kultur über meinen Komfort stellen.

      Danke, dass Du jetzt auch noch das kleine Monster erwähnst :-).

      Alles Gute und schönen Dienstag
      Dein Paul

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  3. Mein Innenleben war voll dabei mit dem chinesischen „Einreiseminister“ und Deinem Ich. Es stimmt, liest man Deine Berichte, kann einem nichts mehr Schlimmes passieren. Außerdem ist Dein Schreibstil phänomenal. Ich freue mich auf weiter Geschichten von Dir.

    Lieber Gruß Asta 😀

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