Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7 (Teil 1)

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Regeln dürfen nicht nur, sie müssen sein. Wo zusammenkommt, was Mensch ist, sind Regeln – so haben wir es gelernt, so hat man uns es beigebracht, so durften wir es verinnerlichen, so ist es in unser Lebensbuch geschrieben – unerlässlich:

  • als einzige Möglichkeit, Anarchie und Chaos im Keim zu ersticken,
  • als einzige Hoffnung, Zeter und Mordio zu vermeiden,
  • als einzige Landkarte, mit der das Unterholz der Dummheit, das allenthalben auf dem Lebensweg eines Menschen wuchert, umgangen werden kann.

Regeln geben uns Sicherheit, helfen uns, die Orientierung nicht zu verlieren, sind für alle gleich.

„Ist das so?“

Regeln werden geschaffen, sind zu befolgen, soll man nicht brechen,

„Echt?“

Regeln helfen den Pöbel zu kontrollieren, die Aufständischen in Schach zu halten, die Widerspenstigen zu bestrafen, die Selbstdenkenden zu schikanieren, Eigenmacht zu bedrängen und Selbstbestimmung zu tyrannisieren.

„War da nicht noch was?“

Da kann einem schon mal die Galle aufsteigen.

„Thank you for your cooperation!”

Stecken Sie sich den folgenden Reisebericht

  • unters Kopfkissen, wenn Sie etwas über Regeln lernen wollen,
  • in den Allerwertesten, wenn Sie eine weiße Weste haben,
  • in einen bullernden Ofen, wenn Sie’s trotz Hirnfrost mal wieder warm brauchen und
  • an einen beliebigen Hut, wenn Sie Regeln irgendwie doch nützlich finden.

Es folgt nun – aus einer Zeit eines Regellosen:

Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7

Als ich am Flughafen in Shanghai ankomme, ist alles so was von in Butter: Das Leben ist die Butter selbst. Mein Zeitvorlauf, bis meine Maschine abheben wird, beträgt fast drei Stunden. Das reicht gar spielend noch für ein köstliches Pfeifchen. Im Flughafeninneren. Zugegeben: In solcherlei Raucher-Kabuffs wie am Shanghaier Airport, fensterlos und elend lüftungslahm, der qualmenden Lust zu frönen, grenzt an die Ergötzlichkeit, seinen Urlaub an einem mittelalterlichen Holzkohlegrill zu verbringen. In Windrichtung. Aber was soll’s!

„Der heutige Tag ist bislang ein sehr ordentlicher Erfolg.“

Alles, was ich heute anfasse, wird gut und selbst die sechs Geschenke, die ich für sechs Kundenbesuche bei freundlichen chinesischen Kollegen erbeten hatte, sind noch rechtzeitig in meinem Hotelzimmer eingetrudelt: sechs schnittige Ladegeräte. Für neumodische Kommunikationsmittel und Unterhaltungselektronik aller Art.

„Wer’s braucht!“

In meinem Koffer Marke „Garage mit Griff“ verschwinden die Ampère-Stunden-Wunder höchst bauraumeffizient. Ein Kinderspiel. Diese Ladehelferlein müssen Geschenke eines geschäftstüchtigen Werbegeschenkegottes sein: pro Einheit zwar rechte Halbpfünder, aber sie über Hongkong nach Südindien zu den werten Kunden mitzuschleppen, ist eine (ge)wichtige Idee erster Güte.

„Super!“

Es symphoniert in mir: Schwungvolle Glücksakkorde in C-Dur beschleunigen meine Schritte. Ein Leben in Butter ist ein Hochgefühl. An der langen Schlange am Check-in-Schalter angekommen, ist die Lebensbutter schon streichzart und ich bin bester Laune.

„Heute ist mein Tag.“

Keine vierzig Minuten vergehen und schon bin ich an der Reihe. Ich trete vor und lächle die junge Dame – mit chinesisch-nichtssagendem Ausdruck – aus allen Poren an.

Sie (lächelt zurück, in schickem Rot gekleidet): „How may I help you, Sir?“

Das mit dem ‚Sir‘ hört sich immer wieder super an.

„Da geht nichts drüber.“

Verknüpft mit Ihrem frischen Lächeln, ist das ‚Sir‘ gar eine Wonne – passend zu meinem Tag.

Ich (etwas Euphorie tropft mir von der Zunge): „Of course, you may. I would like fly with your airline via Hongkong to Bangaluru!“

„Mein Englisch ist heute wieder mal amazing.“

Sie (professionell): „May I have your passport, Sir?“

Ich (als hätte ich mir die sechs schnittigen Ladegeräte selbst angeschlossen): „Of course! This is my passport. – Only for you!“

„Etwas pomadig vielleicht, aber wer will so viel Freundlichkeit schon gegen sich verwenden?“

Ich überreiche ihr den vollgestempelten Reisepass mit einer kleinen Verbeugung. Beidhändig. Wie sich das bei den Asiaten gehört. Angeblich eine Geste ausgewiesener Zugewandtheit.

„Da kann nichts schief gehen.“

Die junge Dame nimmt meinen Reisepass entgegen und beginnt, spechtemsig auf ihre Tastatur zu hacken. Plötzlich hält sie inne. Sie starrt auf den Monitor und dann auf meinen Pass. Beide scheinen ihr ein Duett in D-Moll zu singen. Nach ihrem sechsten Kontrollblick kommt Unruhe in mich. Unangemeldet.

Ich (mit einem kleinen Schatten auf der Stimme): „Is something wrong?“

Sie (mit einem Anflug von Besorgnis): „Your flight is delayed, Sir.“

Ich (mein Stimmschatten bekommt eine hörbare Kontur): „How long?“

„Meine Stimme klingt dunkler als sonst.“

Sie (beiläufig): „Only one hour, Mister Stein.“

Eine Killerbotschaft. Mein Transit am Hongkonger Flughafen ist tot.

„Ist dem Mädel das klar?“

Die Zeit für meinen Transit beträgt tatsächlich exakt Stunde – von dem einen Flieger in den anderen.

„Knapp bemessen, aber machbar.“

Ich (der dunkle Schatten legt sich dreist auf meine Laune): „I will miss my connection flight.“

Sie (eine Profifrohnatur): „No problem, Sir! Your flight to India starts from your arrival gate. That saves you a lot of time.”

Ich (meine Laune ist eine Schattenboxerin): „But first I have to do the security check-in at this airport, haven’t I?“

„Da musst du schon früher aufstehen.”

Sie (mit Nehmerqualitäten): „Of course!“

„Im Kopfrechnen war ich schon immer eine Granate.“

Ich (pendeln, ausweichen, ducken): „Sorry, if I have one hour for the transit, and the delay is one hour, the remaining time will be zero? Right?”

Als ich es ausspreche, applaudiere ich mir selbst. Meine hübsche Freundin am Schalter der Cathay Pacific verrät mir mit ihrer angespannten Mimik, dass sie nachrechnet.

Sie (torkelt leicht): „Zero, that’s right, Sir!“

Ich (setze nach): „So, how can we manage the security check-in? In zero hours?”

“Diese Logik besticht!”

Ihr angespanntes Mimenspiel lässt panische Anteile erahnen.

„Sie sieht aus, als möchte sie einen Stein der Weisen mit einer Presswehe gebären.“

Mit flatternden Lidern geht ihr Blick nach links. Sie beugt sich zu ihrer Kollegin am Schalter nebenan. Mandarinische oder kantonesische Wortfetzen fliegen über den Gepäckbändern zwischen den Check-in-Schaltern hin und her. Wir wissen zwar nicht, was die nette Dame am Nachbarschalter beizutragen hat, aber ihre Uniform ist grau. Nicht rot.

„Vielleicht eine Kopfrechenspezialistin oder die Chefin! Wer weiß!“

Als das kurze Orientierungsscharmützel ein Ende hat, stehe ich wieder im Brennpunkt.

Sie (aufgehellt): „We could book you on another flight, Sir.”

Ich (die Schattenboxerin in mir lässt sich in ihrer Ecke nieder): „And with this flight I will get my connection flight in Hongkong?”

„An diesem Tag wird einfach alles gut.“

Sie (sitzt wieder gerade): „Yes, absolutely!“

Pause. Kurzer Blickwechsel.

Sie (wieder voll auf Kurs): „Your luggage, please!”

Ich stelle meinen Koffer in der Garagenausführung auf das Gepäckband und – ganz beiläufig – eine Nachfrage zu meiner Sicherheit.

Ich (gut erholt): „How much time do I have in Hongkong for the transit now?”

Sie (scannt meinen ‚Priority-Tag‘ am Koffergriff): „45 minutes, Sir!“

Der Koffer fährt über ein quer verlaufendes Band in einen großen Schlund. Mein aufkeimendes mentales Sodbrennen bekommt er nicht mehr mit.

Ich (strecke meine Hand aus): „Is everything fine now?”

Sie (stiert wieder auf den Bildschirm): „One second, Sir“

Ich (lasse die Hand ausgestreckt, die Schattenboxerin zieht die Handschuhe wieder an): „Finished?”

Sie (ohne äußerliche Regung): „We have to check your luggage first, Mister Stein.“

Ich: „Was soll das denn jetzt?“
Ich: „Irgendwo hier am Flughafen sitzt ein Typ.“
Ich: „Was für ein Typ?“
Ich: „Einer, der unseren Koffer jetzt mit einem Röntgenapparat durchsucht.“
Ich: „Ohne Witz?“
Ich: „Ohne Witz!“
Ich: „Und?“
Ich: „Wahrscheinlich vom chinesischen Geheimdienst!“
Ich: „Du verarschst mich!“

Ich: „Nicht die Spur!“

Sie (schaut von ihrem Arbeitsplatz in meine Richtung): „We have a problem, Mister Stein. You have to open your luggage again.”

Sie weist mit ausgestrecktem Zeigefinger nach rechts.

Ich (die Schattenboxerin setzt eine Gerade): „Why?“

Sie (schiebt mir ein Formular über den Tresen): „Please go down there and get a signature here on this sheet. The security is on your right.”

Ich (angezählt): „And my documents?“

Sie (als wäre es das Normalste der Welt): „First the signature, Mister Stein.”

Ich: „Verstehst du, was hier abgeht?“
Ich: „Die brauchen uns, um den Koffer aufmachen zu können.“
Ich: „Das weiß ich auch.“
Ich: „Ich mein ja nur.“
Ich: „Sind wir Verbrecher, oder was?“
Ich: „Sicherheit geht vor.“
Ich: „Das ist doch lächerlich.“
Ich: „Wenn wir nicht mitspielen, dürfen wir nicht mitfliegen.“
Ich: „Und warum bekommen wir unseren Pass nicht zurück?“
Ich: „Erst wenn wir das Formular unterschrieben zurückbringen.“
Ich: „Die spinnen doch.“
Ich: „Das weiß ich auch, aber das sind die Regeln.“
Ich: „Kackregeln!“
Ich: „Junge, wir brauchen zuerst das ‚Alles-in-Ordnung-Stempelchen‘!“
Ich: „Auf dem Wisch da.“
Ich: „Genau!“

Mit meinem kleinen Koffer und meinem Rucksack auf der Schulter marschiere ich – wie mir geheißen – zum Ende der Schalterreihe. Dort bin ich nicht der erste, an dessen Gepäck es etwas zu beanstanden gibt. Vier mutmaßlich subkontinentale Reisende warten in einer Blindschleiche! Für eine Schlange ist die Reihe zu klein. Ich stelle mich artig an und auf Relax-Modus.

Ich: „Was soll an einem Tag wie diesem schon passieren?“
Ich: „Das ist die richtige Einstellung!“
Ich: „Das Gepäck der Burschen vor uns hätte ich aber auch auseinandergenommen.“
Ich: „Wie bitte?“
Ich: „Schau dir diese Finsterlinge doch mal an.“
Ich: „Und?“
Ich: „Die sehen doch allesamt verdächtig aus.“
Ich: „Ich glaub’s ja nicht!“
Ich: „Ist doch wahr!“
Ich: „Wahr ist nur, dass du ein latenter Rassist bist.“
Ich: „Ich bin doch voll ruhig.“
Ich: „Voll von Vorurteilen vielleicht.“
Ich: „Jetzt mach aber mal einen Punkt.“
Ich: „Wir sollten nicht mehr so viele amerikanische Filme schauen.“

Als ich nach einigen Minuten des Ohrenzeugendaseins wüster Worthackerei in das Terroristenabwehrkabuff beordert werde, empfängt mich eine streng uniformierte Halbwüchsige mit der Aura einer Charmehaubitze.

„Chinesische Gepäckrazzia.“

Eine zweite Beamtin stützt ihre rechte Hand lässig auf ihr Holster.

„Das wird klasse!“

Die Charmehaubitze (mit feindseliger Gemütsbewaffnung ohne jeden Zuckerzusatz, eine eisige Natur): „Open your luggage!“

Ich (puste etwas Puderzucker in Richtung des Willkommensgrußes, lächle): „Hello everybody!“

Die Charmehaubitze (streckt den Unterkiefer vor, eine Eispatrone verlässt ihre Mundhöhle): „Luggage!“

„Ob diese chinesische Frostbeule weiß, dass es sich dabei um ein ziemlich intimes Ansinnen handelt? Immerhin liegen meine Oberhemden zuunterst, meine Unterhosen aber zuoberst.“

Ich (so leicht lass ich mich nicht einschüchtern und gebe einen vorläufigen Warnschuß ab, wattiert): „Why?“

Die Charmehaubitze (antwortet mit einer „eiszapfigen“ Salve): „You must open luggage!”

„Kein ‚the‘?“

Ich: „Bloß jetzt keinen Witz, klar?“
Ich: „Ach, komm schon!“
Ich: „Alle Witze sind tabu!“
Ich: „Was hältst du von: No THE – No OPEN?”
Ich: „Ich warne dich!“
Ich: „Wir könnten auch fragen, ob sie nicht in unserem Koffer mitreisen will.“
Ich: „Der Witz ist ein Kracher. Den sollten wir bringen.“
Ich: „Und wir könnten auch ihre Freundin mit der Kanone mitnehmen.“
Ich: „Noch besser! Weltklasse!“
Ich: „Echt jetzt?“
Ich: „Hast du sie noch alle?“
Ich: „Ach bitte!“
Ich: „Da können wir auch gleich fragen, ob man uns nicht drei Tage lang den Arsch versohlen will.“
Ich: „Die tun doch nur so streng.“
Ich: „Drei Tage am Stück!“
Ich: „Glaub ich nicht.“
Ich: „Mit einem fingerdicken Rohrstock!“
Ich: „Glaub ich auch nicht.“
Ich: „Was du glaubst, spielt keine Rolle.“
Ich: „Spielverderber!“
Ich: „Wir lassen es garantiert nicht darauf ankommen.“
Ich: „Das könnte doch lustig werden, wenn wir ein bisschen das Eis brechen.“
Ich: „Das Eis brechen?“
Ich: „Ja!“
Ich: „Mit den zwei Mädels?“
Ich: „Ja doch!“
Ich: „In Chinesisch-Sibirien vielleicht.“
Ich: „Du bist total uncool!“
Ich: „Mit denen kannst du Eisschollen spalten.“
Ich: „Aber heute ist doch unser Tag!“
Ich: „Und er soll es bleiben und nicht der jüngste werden.“

Unter leisem Stöhnen und noch leiserem Fluchen öffne ich meinen Koffer. Die Charmehaubitze beugt sich über mich.

„Wenn Sie noch näher kommt, pack ich den Witz doch noch aus.“

Ihr ausgestreckter Zeigefinger zeigt zu meiner Verwunderung auf die sechs schnittigen Ladegeräte.

Sie (stimmlich im Eisfach angekommen): „You have to take this out!“

„Eine Zunge, um Eisskulpturen zu fräsen.“

Ich (ein zweiter vollummantelter Warnschuss): „Would you please be so kind to explain why?“

Sie (ein Eisbär würde jetzt die Flucht ergreifen): „Law!“

„Deswegen lassen wir uns den Tag nicht verderben.“

Ich (was soll’s): „And then? – Corporal? What should I do with my six chargers, hm?“

Sie (ihre Zunge an des Eisbärs Kehle): „Hand luggage!”

„Na also, wenigstens bleiben keine Frage offen.“

Ich: „Ins Handgepäck?“
Ich: „Yeap!“
Ich: „Ist die noch ganz bei Trost?“
Ich: „Wenigstens können wir sie behalten.“
Ich: „Und wie sollen wir bitteschön die sechs Halbpfünder in den kleinen Koffer stopfen?“
Ich: „Das wird schon gehen.“
Ich: „Sollen wir die Luft aus den Dingern lassen?“
Ich: „Was bleibt uns übrig?“
Ich: „Und was ist mit unserem Kreuzpacken?“
Ich: „Keine Ahnung!“
Ich: „Die können wir dann vergessen.“
Ich: „Und wenn schon!“
Ich: „Du weißt, dass wir uns damit verdammt viel Mühe gegeben haben.“
Ich: „Ich weiß!“
Ich: „Egal, welches Gepäckstück verloren geht, wir haben immer ein Paar Socken am Start.“
Ich: „Ich weiß doch!“
Ich: „Jetzt können wir im Ernstfall in Indien statt der Unterhosen ein paar Ladegeräte anziehen.“
Ich: „Willst du ihr unser geniales System erklären?“
Ich: „Mach ich glatt!“
Ich: „Und was heißt kreuzpacken auf Englisch?“
Ich: „Lass mich bloß in Ruhe.“

Meine Hände fangen an zu fliegen.

Ich: „Nimm die Waschsachen in den großen Koffer.“
Ich: „Willst Du Dich nicht mehr waschen?“
Ich: „In unseren Hotels gibt es jede Menge Wasser. Und Seife gibt es dort auch.“
Ich: „Die stinkt aber immer so!“
Ich: „Und eine Zahnbürste.“
Ich: „Stahlwolle am Stiel!“
Ich: „Wir werden es im Ernstfall schon ein paar Tage schaffen.“
Ich: „Wenn du es sagst.“
Ich: „Hau noch die T-Shirts und den Tabak raus.“
Ich: „Kein Rauchen?“
Ich: „Nein!“
Ich: „Und die Unterhosen auch raus?“
Ich: „Wir sollten uns lieber beeilen!“
Ich: „Ich weiß, aber die Unterhosenfrage sollten wir noch klären.“
Ich: „Unterhosen raus!“
Ich: „Ganz sicher?“
Ich: „Ja, verdammt!“

Mit großen Mühen schließe ich meine dilettantisch gepackten Koffer, und drei Minuten später stehe wieder an meinem Check-in-Schalter. Aber seitlich, denn die Schlange vor dem Schalter ist noch beträchtlich.

„Eine Python! Anstellen werde ich mich ganz sicher nicht mehr!“

Mein kleiner Koffer steht knarzend auf seinen Rollen neben mir. Die Dame in Rot ist weg.

„Wahrscheinlich waren ihre Kopfrechnenleistungen zu schlecht.“

Die breitnasige Nachfolgerin trägt eine schlichte weiße Bluse.

„Ihre rote Kopfbedeckung würde auf einem amerikanischen Flughafen als terroristischer Akt bezeichnet.“

Mein Anspannungsgrad ist zwar zwischenzeitlich wieder gering, aber mein Transpirationsgrad ist hingegen hoch: Bei der Gepäckrazzia hatte es gut und gerne dreißig Grad. Das breitnasige Streichholz gibt mir ein Zeichen, dass ich mich nähern darf.

Ich (ein Schweißbach läuft mir über den Rücken die Poritze hinunter): „I’ve already checked in.“

Den unterschriebenen Wisch aus dem Terroristenabwehrkabuff lege ich vorsichtig auf den Tresen.

Sie (mit leicht entzündlicher ihre Stimmlage): „Luggage okay?“

„Eine Fangfrage! Du verdirbst mir die Laune auch nicht, mein Kind.“

Ich (der erste Schweißtropfen kommt in meinen Lederschuhen an): „Very okay!“

Nach zwei Kontrollblicken und zwanzig Sekunden bekomme ich meinen Pass und die Bordingkarten über den Tresen geschoben. Lächelnd stecke ich meine Reiseunterlagen in meinen Brustbeutel und werfe einen Blick auf die Uhr über dem Check-in-Schalter: Seit meiner Ankunft sind 60 Minuten vergangen.

„Der Tag ist gut. Basta. Und so darf er bleiben!“

…und gleich im nächsten Jahr geht es mit dieser Geschichte weiter!

Ein frohes Fest für alle,

  • die immer wieder gerne herkommen,
  • Freude am Lesen haben und
  • die ein schönes Gedicht zu schätzen wissen:

Der Mensch zur Weihnacht und immer!

Der Mensch ist Pauke, er ist Geige,
er ist Kühnheit, er ist feige.

Der Mensch ist Zweifel, er ist Mut,
er ist Teufel, er ist gut.

Der Mensch ist Wirrsal, er ist Wacht,
er ist Getöse, er ist sacht.

Der Mensch ist Grauen, er ist Licht,
er ist stattlich, er ist schlicht.

Der Mensch ist Mythos, er ist Pein,
er ist stürmisch, er ist klein.

Der Mensch ist Marter, er ist Pfahl,
er ist üppig, er ist kahl.

Der Mensch ist Frieden, er ist Trauer,
er ist Zerstörer und Erbauer.

Der Mensch ist Freiheit, er ist Falle,
er ist einzig, er ist alle.

Der Mensch ist Armut, er ist Pracht,
er ist Sonne und die stille Nacht.

Euer Paul

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7 Kommentare zu „Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 7 (Teil 1)“

  1. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“

    Das ist das, was du uns mit deinen Gedanken über Regeln zurufst, lieber Paul, und das ist, was es braucht, um uns aus unserer Lethargie zu reißen; wir dürfen nicht blind und stumm dem folgen, was andere uns weismachen wollen.

    Und da dein Zuruf nicht in langatmigen Ausführungen erfolgt, sondern mit Sprachwitz, pointiert, Raum zum Denken gibt, Bilder in den Köpfen entstehen lässt, uns keine Antworten vorkaut, dockt er an, wirkt er nach. Toll!

    Ich danke dir für deine Gedanken und bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie es für dich in dieser
    Geschichte weiter geht.

    Liebe Grüße, Kiki

    Gefällt 2 Personen

    1. Du Liebe,

      ja Du darfst gespannt sein, denn was bisher nur angedeutet daherkommt,
      wird schnell zu einer Zerreißprobe zwischen dem, was Paul soll und dem,
      was er will. Paul droht eine Zwei-, Drei- oder Vierteilung und er muss
      sich allen Regeln (und Gesetzen) entgegenstellen.

      Danke, dass Du Dich derart inspirieren lässt.

      Ich werde alles daransetzen, auch Deinen Hunger zu stillen.

      Alles Liebe und bleib mir gewogen.

      Dein Paul

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  2. Lieber Paul, deine Wortspitzen kitzeln heftig meine Großhirnrinde, was total angenehm ist, auch wenn ich damit über deine missliche Lage bei diversen Gelegenheiten lächle, aber du hast es so gewollt. Da ich auch schon solche liebreizenden Erfahrungen machen musste, unter anderem mit einer Kalaschnikov vor dem Gesicht, was mein Tschechisch enorm schnell verbessert hat, habe ich mir eine komplett neue Taktik zugelegt. Ich frage fast nichts mehr, sondern folge lächelnd jeder Anweisung und sei sie noch so hirnrissig, es sei denn, ich bin in Deutschland. Mit leichten Freudentränen, schöne Weihnachten.

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    1. Lieber Arno,

      was Du andeutest, wäre eine wissenschaftliche Abhandlung wert.
      Du stellst alle Bildungssysteme der Welt mit Deiner Erfahrung
      in Frage. Verbesserung der Sprachkenntnisse unter Androhung von
      Waffengewalt? Das lässt alle pädagogischen Ansätze der Neuzeit
      zusammenschnurren, wie ein Luftballon, dem die Luft entweicht.
      Wir sollten eine Eingabe beim Bildungsministerium machen.

      Zu Deiner neuen Herangehensweise solltest Du aber die kleine Einlassung
      von Kiki lesen, die diesen Beitrag ebenfalls kommentiert hat 🙂

      Alles Gute und tu mir die Liebe, die Freudentränen nicht abzuwischen.

      Dein Paul

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      1. Lieber Paul, ich hatte natürlich den Kommentar von KiKi schon gelesen, ich fühlte mich damals etwas unter Druck durch das Geschreie des Militärs und habe wohl etwas gereizt auf seine Überredungskünste reagiert. Vielleicht war sein Deutsch auch nicht äh … perfekt?! und so unterstütze er seine Fragen mit vehements. Jedenfalls sprang ich zeitlupenartig aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum, warum auch immer. Darauf grunzte er nur und wedelte mit seiner Knarre die Grenze schnell zu passieren 😉 Ich folgte brav seiner Bitte 😀

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  3. Mein lieber Freund ..
    Regeln regeln meist nichts .. sie beeinträchtigen uns so Einiges lockerer zu sehen .. engen uns ein ind Sachen in den wir gerne FREI wären .. und viele sind einfach nur Müll ..
    wie wahr Einige müssen aber sein …
    wie immer hast du den treffenden Ton getroffen und dein 2.Ich hat mich wie immer zum Schmunzeln gebracht ..
    ❤ lichen Dank dafür und ich wünsche Dir und der Familie FROHE WEIHNACHTEN
    Liebe Grüße Claudia

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    1. Liebe Freundin,

      das zweite ICH wohnt in uns allen und es ist nichts anderes als der
      „zweite Blick“ – deshalb der Titel des Blogs, die zweite Perspektive,
      die wir KRAFT UNSERES GEISTES ZU HABEN IM STANDE SIND:
      WIR NUTZEN SIE NUR ZU SELTEN: MEINE GESCHICHTEN DÜRFEN ALLEN LESERN
      DAS GEFÜHL FÜR SICH SELBST UND IHRE MÖGLICHKEITEN GEBEN, DENN WER
      IN SICH HINEINHÖRT WIRD MANCHMAL DIE LÖSUNG; NICHT SELTEN DIE ANTWORT,
      OFT EINEM IMPULS UND IMMER EINE LIEBE FINDEN: DAS EIGENE ICH!

      Dein Paul

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