Traktat zur Wartezeit

Ein ziemlich großer Rest aller Menschen glaubt von Herzen, dass die Weihnacht die schönste Zeit des Lebens sei!

Ein anderer, ziemlich großer Rest denkt, dass diese Ehre dem Frühling oder anderen Jahreszeiten gebühre.

Ein anderer Rest schwört, dass nur die Schulzeit ein solches Lob verdiene oder die Zeit in höheren Bildungseinrichtungen.

Schließlich gibt es noch jenen Rest, der auf die Jugend, das Alter oder auch den Urlaub als die schönste Zeit im Leben blickt.

Ich denke (inbrünstig): „Schmarrn!“ (wahlweise: Schwachsinn)

Ich gehöre zu keinem dieser Reste und ich gehöre auch zu keinen anderen. Ich denke, nein, ich bin davon überzeugt, dass die Wartezeit, ja, die Wartezeit, und zwar mit großem Abstand, die schönste Zeit im Leben ist. Sie hat die Nase vorn, richtig weit, denn

– meist kommt sie unverhofft und
– man hat endlich die Zeit für sich!

Das sehen Sie anders?

Na, warten Sie mal ab: Im Stau, beim Friseur, bei der Passkontrolle, an der Sicherheitsschleuse, vor einem Schalter oder einer Kasse: in den meisten
Fällen gibt es nur eine Perspektive: Wartezeit so weit und wohin das Auge und auch alle Uhren reichen.

Reflexartig – einer gelernten Plattitüde folgend – wächst mit urwüchsiger Kraft der abenteuerliche Gedanke, dass Zeit doch kostbar wäre!

Richtig!

Was allerdings die zivilisierte Welt aus solcher Kostbarkeit macht, ist bedauerlich. In jedem Fall eindimensional!

Das geht nicht einmal mehr unter die Haut!

„Zeit ist Geld“

Ein hübscher Gedanke, an dem man festhalten darf: Er versüßt die Stunden des Wartens mit dem Gedanken scheinbar obszöner Verschwendung einerseits und poliert andererseits das eigene Ego aufs Feinste, denn ja, man könnte mit seiner Zeit wirklich etwas Besseres und außerdem viel mehr und überhaupt so Sinnvolles anfangen. Ja, man könnte! Man könnte so Vieles…

Aber (wappnen Sie sich – ich will Sie nicht erschrecken): Man tut es nicht!

Man darf die Zeitgenossen lieben, die hupen, obwohl der Stau bis hinter den Horizont zu reichen scheint; Man darf jene aufs Innigste Umarmen, die in den Stunden des Wartens ihre Mitmenschen an Ränder treiben, von denen selbst der Wahnsinn dachte, sie würden gar nicht existieren. Man darf jene immer wieder ins Herz schließen, für die Zeit allein den schnöden Mammon verkörpert.

Ich liebe sie, wie sie verbissen und ungnädig nach vorne stürmen, an die Tresen, Schalter und Theken dieser Welt. Garniert mit dem unbedingten Willen, einen Schuldigen zu steinigen oder Genugtuung zu fordern – den Fehdehandschuh im Anschlag. Eine Wonne.

Das einzige, was all die Vorgenannten jetzt aber im Anblick dieser schmachvollen Evolution (frisch aus Gottes Schöpfung) tun können und nicht nur könnten, ist, sich zu entscheiden. Lassen wir die Intelligenz jetzt ja nicht matt erscheinen: An dem Gedanken festzuhalten, die Zeit des Wartens sei reinste Geldverbrennung, wird uns ohne Umwege auf die Straßen der Magengeschwüre und Herzinfarkte führen, und Privatversicherte sind nicht ausgenommen.

Fürwahr ist das Festhalten an solchen Gedanken ein Irrtum größeren Ausmaßes, denn so wäre es auch eine geistreiche Idee, den Tod hartnäckig zu ignorieren, nur um länger im Leben zu bleiben.

Man könnte, stimmt. Aber man kann nicht (siehe oben)!

Wartezeit als Geschenk anzunehmen, heißt, sich zurücklehnen zu dürfen, – immer die funktionierenden Augenlider bereit, die geschlossen auf wundersame Weise das „Selbst“ in unser Bewusstsein bringen. Wir können nichts ändern, wie wunderbar, dann lassen wir es auch.

Entspannen wir uns und empfangen die Wartezeit als eine Bonus-Lebenszeit, mit der wir nicht rechnen durften. Plötzlich mit uns allein, dürfen wir uns selbst finden und der Welt den Rücken kehren. Es gibt viel, was wir uns zu sagen haben. Also sagen wir uns auch und gerne allen Resten dieser Welt, was es zu sagen gibt:

„Umwelt in Ruhe lassen, Kopf in den Nacken nehmen,
Augen schließen, sich selbst finden. Geben wir dem
Gedanken die Chance, dass die Welt und das Leben es
gut mit uns meinen, gerade dann, wenn Zeit Glück
und Geschenk sein darf und nicht Geld sein muss.“

Traktat Ende.

 

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