Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 12

Liebe Leserinnen und Leser,

einige unter Ihnen haben in jüngster Vergangenheit den Wunsch geäußert, Paul solle doch gelegentlich eine Geschichte in seinem Blog veröffentlichen, in der lupenreine Dummheit zur Schau gestellt und angemessen mit faulem Allerlei beworfen werden dürfe.

Eine Geschichte, die zeigt, wie jämmerlich es um unsere Phantasie bestellt ist, wenn das Leben anfängt, selbst die Unfasslichkeiten des Alltags niederzuschreiben.

Dazu kann ich nur sagen: „Euer Wunsch ist Pauls Befehl.“

Für die folgende Geschichte empfiehlt Paul Stein, eine Fliegenklatsche, eine Definition der griechischen Tragödie, eine Flasche edlen Gesöffs und den Hammer der Vergeltung mitzuführen: kurzstielig, zehnpfündig, dem Wetter angemessen – unter dem Sommerkleid oder in der Badehose.

Es folgt nun (mit dem Blick auf Paul):
Götzendämmerung bei den Götterboten

Vorneweg:
Eine Reise steht an. Das Ziel – eine Rehabilitationsklinik – ist 376 km entfernt. Der stausatte und kreuzleidende Paul entscheidet sich für eine Reise mit der Deutschen Bundesbahn. Sein Gepäck überlässt er arglos einem DB-Vertragspartner. Ein Gepäcklieferdienst, dessen Erfüllungsgrad von 99,9 % – so steht es im Netz geschrieben – Pauls anfängliche Zweifel ob der Richtigkeit seiner Entscheidung auf Gefrierfachtemperatur abkühlt. Solcherlei göttergleiche Werte können unmöglich unwahr sein.

Zur Sache – unverblümt, unverbrämt, ungelogen:
Nach den Maßstäben des Syrien-Krieges gemessen oder verglichen mit dem Blick in eine Krankenhausstation für Kinderonkologie mag das Folgende nichtig erscheinen und auf der Schwanzspitze einer Bisamratte Platz finden.

„Unbestritten!“

Nach den Maßstäben eines Rehabilitanden gemessen, gewinnen die hier geschilderten Absurditäten allerdings den Schwung einer Erheiterung auf Herzinfarktniveau. Zumindest ein veritables Magengeschwür bekommen wir – mit den nicht gelieferten Koffern durch den Gepäcklieferdienst – frei Haus und unbestellt dazu. Die Wurzel allen Übels: Die verteilte Verantwortung eines solchen Dienstes.

„Was das ist?“

Wenn wir nur lange genug graben könnten, fänden wir in diesem Wurzelwerk nicht nur die Schuldigen für die unerhörte Schlampigkeit mit meinen Koffern, sondern auch die Gründe für den Klimawandel, für das Aussterben der Bienen, für die Wahl von Donald Trump, für die Hungersnöte in Afrika, für den Dieselskandal (da sollte sich aber wirklich jeder in Acht nehmen) und für jeden überfluteten Keller auf diesem Erdball.

Das Prinzip der verteilten Verantwortung zerschneidet die Zuständigkeiten in einer Lieferkette so kunstvoll, dass es am Ende niemanden mehr gibt, den man zur Rechenschaft ziehen könnte.

„Und so ist es gedacht.“

Niemand weiß mehr, wann, wie oder wo etwas passiert. Alle Beteiligten wissen nur noch, dass etwas passiert; nicht aber, warum oder gar wer verantwortlich ist. Ein Blick in die Tiefe dieser zerteilten Zuständigkeiten lässt uns mehr als niedergeschlagen zurück, Rotz und Wasser inklusive, bevor wir eine Flasche teuren Schnapses eine Verschlusskappe kürzer machen. Wir atmen ein, reißen uns am Riemen und versuchen ab jetzt, das traurige Schauspiel zu genießen.

Den ersten Schluck lassen wir in unseren Kehlen brennen, um die Liste der Mitwirkenden in der bevorstehenden Tragödie zu ertragen: Die Auftragsannahme, ein nicht existierendes „Team“, ein paar GÖTTERBOTEN als Subunternehmer, eine Beschwerdeabteilung, ein Rezeptionist, eine heiße Leitung, der Kunde, die Zuschauer und einige Gepäckstücke, die als Statisten – also ohne Text – auftreten.

„Einer griechischen Tragödie würdig.“

Wer allerdings den tragischen Helden in diesem schicksalhaften Konflikt geben wird, ist von Anbeginn offensichtlich: der Kunde. Die unausweichliche Verschlechterung – wie in jeder guten Tragödie – kommt auch mit einiger Voranmeldung.

„Bis einer heult! – Oder stirbt! – Und dann will es keiner gewesen sein.“

Da es sich um eine mitteleuropäische Adaption des klassisch-griechischen Formats der Tragödie handelt, braucht es natürlich einen tragisch klingenden Chor: Dazu besingt die Geschäftsführung den Mythos von 99,9 %! Unbegabt und sicher überbezahlt! Harmonisches kommt nicht zu Gehör. Das verdient auch schon einen zweiten Schluck Hochprozentiges.

„Ein Gesang, als träfen sich eine Handvoll Eunuchen zur Samenspende.“

Ein orakelndes Orakel wäre für eine solche Tragödie noch von Wert. Für die ungelösten Rätsel des Gepäckverbleibs. Die Ultima Ratio der Götterboten des 21. Jahrhunderts: die Hotline.

„Eine heiße Leitung: glühende Drähte in den Warteschleifen der Vorhölle. Von Erleuchtung wenig Spur.“

Die Besonderheit des Stücks: Ausgerechnet jene müssen am meisten schuften, die am wenigsten verstehen, am wenigsten wissen und am wenigsten können. Die Mitarbeiter in der heißen Götterbotenleitung. Eher unhöflich und wahrscheinlich unbezahlt.

Keiner kann verraten, was in unserem Stück vorkommt, wo es vorkommt oder warum es nicht vorkommt. Das einzige, was sie alle sagen können, ist, dass bald etwas vorkommen wird; nur nicht jetzt und morgen ist es nicht sicher, aber jedes Vorkommnis wird der Beschwerdeabteilung weitergereicht.

Telefonieren, telefonieren, telefonieren! Verausgaben, abmühen, aufreiben! Für nichts! Die heiße Leitung hat keinen leibhaftigen Auftritt. Niemand wird für sie klatschen. Niemand wird für sie Rosen oder gar Höschen auf die Bühne werfen. Wofür auch? Seien wir doch ehrlich: Niemand will mit einer heißen Leitung sprechen. – Götterboten wollen wir sehen: schuftend, werkelnd, schwitzend. Alle Hände voll zu tun. Koffer über Koffer, Taschen nichts als Taschen, Pakete dem Ende so fern.

Den dritten Schluck gießen wir uns hinter die Binde, wenn wir begreifen, dass Verantwortung für alles, was in diesem Stück geschieht, ein Scherbenhaufen ist: Jeder hat ein Bruchstück in Händen, aber niemand trägt die Verantwortung für mein Gepäck.

„Für den allzu verständlichen Drang nach pünktlicher Verbindung mit Ihren Habseligkeiten sei jedem zukünftigen Kunden angeraten, mit der Himmelsmacht seines Vertrauens vorlieb zu nehmen, auch wenn diese nur einige Ave Maria oder ein zünftiges Vaterunser für ihn bereit halten sollte.“

Mein Name ist Paul Eberhard Stein und ich habe die Auftragsnummer 10820024. Wir schreiben den 11.06.2018, 11.15 Uhr.

Der Vorhang geht auf. Der Kunde – besetzt durch Paul Stein – tritt auf. Er ist allein. Wir nehmen einen vierten Schluck. Die Projektion einer SMS erleuchtet das karge Bühnenbild:

„Ihr Auftrag 10820024 wird durch unseren Servicepartner GÖTTERBOTEN am 30.6.2018 zwischen 12 und 18 Uhr abgeholt. Ihr Gepäckservice Team“

Paul nimmt Platz. Auf zwei angestrahlten Koffern. Man sieht ihn sein Handy aus der Jackentasche kramen. Er wählt eine Nummer. Die heiße Leitung. Die Zuschauer hören Warteschleifenmusik. Es folgt ein kurzes Gespräch, in dem Paul sich nur vergewissern möchte, ob mit der geplanten Abholung alles seine Richtigkeit hat. Während des Gesprächs steht Paul auf. Er lächelt. Ein Scheinwerfer erleuchtet den rechten Bühnenrand. Der Chor (die Geschäftsführung der GÖTTERBOTEN) tritt auf.

Der Chor (in klerikalem Sprechgesang, monoton): „D-er – Er-fül-lungs-gr-ad – be-trä-gt – 99,9 %.“

Ein Donnergrollen lässt den Saal erzittern, ein fünfter Schluck wärmt unsere Zuversicht. Als sich der Saal für einige Sekunden verdunkelt, hört man Paul abgehen und plötzlich sehen wir ein neues Datum an der Rückwand der Bühne: 29.06.2018! Dann die neuerliche Einblendung:

„Ihr Auftrag 10820024 wird durch unseren Servicepartner GÖTTERBOTEN am 30.6.2018 zwischen 12 und 18 Uhr abgeholt. Ihr Gepäckservice Team“

Als die ganze Bühne – in fahl-graues Licht getaucht – vor unseren Augen Kontur gewinnt, blinkt uns der 30.06.2018 entgehen: Paul ist bereit. Wieder auf den Koffern. Befehl der GÖTTERBOTEN. Er schaut ins Publikum. Eine Kirchturmuhr schlägt sechsmal. Paul erhebt sich. Resigniert. Schlaff. Kein GÖTTERBOTE ist auf der Bühne erschienen, geschweige denn von oben herabgeschwebt. Der Griff in die Tasche befördert wieder sein Mobiltelefon zu Tage. Sein Anruf bei der heißen Leitung geht ins Leere. Eine Stimme aus den Lautsprechern ertönt (metallisch, unmenschlich, fern): „Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Wir sind am Montagmorgen ab 9.00 Uhr wieder für Sie da.“

Der Chor (beschwörend): „D-er – Er-fül-lungs-gr-ad – be-trä-gt – 99,9 %.“

Das Theater darf warten. Erneute Dunkelheit. Einige Zuschauer lachen. Doch schwebt Mutlosigkeit – die kleine Nichte der Verzweiflung – über die Bühne. Es ist Zeit für einen sechsten Schluck. Paul geht ziellos auf der Bühne auf und ab (kleinlaut, etwas fahrig): „Jetzt hatte ich sechs Stunden Hausarrest. Wen interessiert’s? Wen kratzt’s?“

Auf der Bühnenrückwand leuchtet ein Wort auf: „NIEMANDEN!“

Als die Bühnenbeleuchtung erneut aufflammt, erscheint der 02.07.2018 über dem Bühnenraum. Paul steht wieder auf der Bühne. Seine zwei Koffer stehen neben ihm. Es klingelt bei der heißen Leitung. Die Warteschleifenmusik erwacht aufs Neue in den Lautsprechern zum Leben. Paul schreitet in Kurven über die Bühne, als beschriebe er mit seinen Füßen das Zeichen der Unendlichkeit auf den Brettern, die die Welt nicht existenter Götter bedeuten. Die Spannung steigt. Paul ist der Kreisläufer seiner eigenen Geduld. Plötzlich erschallt eine kühle weibliche Stimme. Das Publikum klatscht.

Die Stimme (deutlich und unmissverständlich): „Ihre Auftragsnummer, bitte.“

Paul bleibt stehen. Seine Fassung ist lädiert. Die eingeblendete Uhrzeit: 9.35 Uhr. Pauls Haltung zeugt von der Anspannung zwischen guter Kinderstube und unaufgeräumter Besenkammer. In seiner Mundhöhle befinden sich noch kleine Reste seines hinuntergewürgten Ärgers, als ihm sein Einstiegssatz kaum hörbar über die Lippen kommt. Mit Mühe und Not obsiegt die Selbstbeherrschung.

Paul (entgleisungsfrei): „Mein Name ist Paul Stein und ich habe die Auftragsnummer 10820024. Ich hänge jetzt seit 35 Minuten in Ihrer Warteschleife fest und ich möchte gerne wissen, warum ich den ganzen Samstag umsonst auf meinen Koffern gesessen habe.“

Wegen erhöhten Blutdrucks ist das Rauschen in Pauls Ohren mächtig. Es überträgt sich auf die Lautsprecher.

Sie (die weibliche Stimme der Kühle): „Ihr Gepäck ist tatsächlich nicht abgeholt worden, Herr Stein. Das sehe ich auf meinem Bildschirm. Warum, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Der Abholer ist ein Subunternehmer.“

Paul (mit dem Versuch der Milde): „Bitte verzeihen sie, aber wen sie beauftragt haben, ist doch für mich als Kunde unerheblich, oder täusche ich mich?“

Zustimmungslaute dringen aus dem Zuschauerraum auf die Bühne.

Sie (als hätte sie Paul nicht gehört): „Unter Ihrer Kundennummer ist ein Eintrag im System, dass Ihr Auftrag am letzten Samstag um 11.30 Uhr storniert wurde.“

Einzelne Pfiffe!

Paul (seine Milde bekommt einen Knick, der hinuntergewürgte Ärger drängt wieder nach oben, Pauls Stimme hebt zum Ende hin immer mehr an): „Wie kann denn bitteschön jemand um 11.30 Uhr einen Auftrag stornieren, den Sie mir – nur nebenbei bemerkt – drei Mal bestätigt haben, und den doch Sie selbst für Samstag um 12.00 Uhr vorgegeben haben.“

Applaus brandet auf.

Sie (als hätte sie nur eine Sprech-, aber keine Hörmuschel): „Ich gebe Ihre Beschwerde an die Beschwerdeabteilung weiter.“

Ein vernehmliches Buh erfüllt das Theater.

Paul (frisst den Ärger erneut in sich hinein): „Können Sie mir nicht einfach sagen, was nun passiert?“

Stille!

Sie (wie im Selbstgespräch): „Man wird sich bei Ihnen melden. Mehr kann ich leider gerade nicht für Sie tun.“

Klick! Die Leitung ist tot.

Paul (zu sich selbst, fassungslos): „Das war’s! Aufgelegt!“

Das stärker gewordene Rauschen in Pauls Ohren überträgt sich auf die Sitzreihen. Alles vibriert. Die Scheinwerfer erlöschen. Das vibrieren lässt nach. Zeitsprung. Die eingeblendete Uhrzeit zeigt 12.02 Uhr.

Paul (unruhig): „Wo bleibt der Rückruf? Immerhin reise ich Morgen ab, und ich möchte ungern ohne Gepäck dastehen.“

Ein Klingeln ertönt. Eine angedeutete Haustür im Rückraum der Bühne wird angestrahlt. Paul ist mit ein paar Schritten am Türgriff. Er öffnet. Eine eklatant abgerissene Erscheinung tritt auf.

Der Stadtschrat (zum Publikum hin, zeigt auf sich selbst, radebrechend): „GÖTTERBOTE!“.

Das Publikum reagiert mit begeistertem Klatschen. Ein siebenter Schluck ist berechtigt. Paul und der Schrat umkreisen die Koffer. Bedeutungsvolles Schweigen. Hand-Fuß-Kommunikation. Ein Schreib-Lese-Scan-Gerät wird gezückt. Eine Unterschrift. Pauls Koffer verlassen um 12.05 Uhr im Vollbesitz ihrer 55 kg Gesamtgewicht die Bühne und machen sich auf eine Reise in ein Nachbarwunderland. Dann ist Paul wieder allein.

Paul (als hätte er einen Geist gesehen, fasst sich aber): „Das war also ein GÖTTERBOTE. Gut getarnt, muss man dem Gesandten des Olymps schon lassen. Ohne jede Vorankündigung. Aber jetzt ist die heiße Leitung dran. Die können was erleben.“

Der Chor (frohlockend, melodischer): „D-er – Er-fül-lungs-gr-ad – be-trä-gt – 99,9 %.“

Das Publikum verharrt mucksmäuschenstill. Eine Fliege begleitet Paul um 12.06 Uhr von der angedeuteten Haustür ins angedeutete Arbeitszimmer auf der linken Seite der Bühne. Ein Schreibtisch und ein Schreibtischstuhl werden angestrahlt.

Paul (wählt, kämpferisch, flüstert, zischt): „Na wartet!“

Man hört keine Nadel fallen. Nur die Fliege summt. Es ist 12.07 Uhr und die unvermeidliche Warteschleife empfängt unser Theater.

Paul (hyperventiliert leicht, zu sich selbst, wedelt mit der Hand nach der Fliege): „Was für ein Wahnsinn!“

Die Zeit wird wieder eingeblendet: 12.19 Uhr! Dann erstrahlt die Rückwand der Bühne durch eine SMS des „Teams“:

„Ihr Gepäck mit der Auftragsnummer 10820024 wurde soeben durch die GÖTTERBOTEN abgeholt.“

Pauls Fliege umkreist ihn seit geschlagenen dreizehn Minuten – ohne Unterlass. Die Zuschauer lassen vereinzelt Zwischenrufe hören: „Fliegenklatsche, Fliegenklatsche, Fliegenklatsche!“

Paul (zu sich selbst, mit flackerndem Rundblick über die Bühne): „Wie viel Kondition haben diese Viecher eigentlich?“

Einblendung: Punkt 12.22 Uhr! Eine männliche Stimme mit unaussprechlichem Namen meldet sich aus den Lautsprechern: „Ihre Auftragsnummer, bitte!“

Paul (nur noch ein Teil der Ruhe selbst): „Mein Name ist Paul Stein und ich habe die Auftragsnummer 10820024. Ich habe heute Morgen bereits angerufen, hänge jetzt schon wieder seit 15 Minuten in Ihrer Warteschleife und habe ein paar drängende Fragen an Sie. Wenn Sie also etwas Zeit für mich hätten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Er (atmet aus, als hätte er eine Zigarette mit einem Zug bis an den Filter geraucht): „Herr Stein, Ihre Seite öffnet sich gerade auf meinem Bildschirm. Was sind denn Ihre Fragen?“

Paul (bekommt eine Fliegenklatsche von einem Bühnenbildner gereicht, die Fliege zieht ihre Kreise, Pauls Blicke kleben an ihr): „Fangen wir mit drei einfachen Fragen an: Warum hat die Abholung meines Gepäcks am Samstag nicht geklappt? Wieso schicken Sie einen Boten ohne Ankündigung und ohne jedwede Deutschkenntnisse an meine Tür? Und wie stellen Sie sicher, dass mein Gepäck noch pünktlich am Zielort ankommt?“

Szenenapplaus. Laute Zwischenrufe: „Schlag drauf!“

Er (äußerst routiniert): „Warum Ihr Gepäck nicht abgeholt wurde, kann ich Ihnen leider nicht sagen, aber das hat Ihnen ja meine Kollegin bereits heute Morgen erklärt. Darüber, dass der Abholer bei Ihnen war, sollten wir uns freuen, denn immerhin ist Ihr Gepäck jetzt unterwegs. Bis Dienstag wird es aber leider nicht reichen, Herr Stein. Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter.“

Paul (erlegt die Stubenfliege mit einem gezielten Schlag): „Wie bitte?“

Das Publikum johlt! Ein achter Schluck ergießt sich durch alle Kehlen. Die Fliege liegt tot auf dem Schreibtisch. Paul schiebt sie mit der Klatsche von links nach rechts und zurück.

Er (völlig ungerührt): „Was haben Sie denn nicht verstanden, Herr Stein?“

Paul (umschließt die Fliegenklatsche als wäre es der Hammer der Vergeltung): „Nichts von dem, was Sie mir gerade erklärt haben.“

Das Publikum reckt die Fäuste.

Er (seine Lungen entleeren sich erneut): „Also, Herr Stein, warum Ihr Gepäck nicht abgeholt wurde, wissen wir nicht, dass der Abholer jetzt bei Ihnen war, ist gut, nur den Dienstag schaffen wir nicht.“

Gellende Pfiffe. Die reglose Stubenfliege auf der Arbeitsplatte bekommt einen zweiten Hieb verpasst.

Paul (der Ärger vom letzten Telefonat bricht sich wieder Bahn durch die Speiseröhre): „Und was soll ich ohne mein Gepäck in der Rehabilitation anstellen, hm?“

Er (lächelt unsichtbar von der Bühne): „Nehmen Sie sich doch das Nötigste im Handgepäck mit, Herr Stein. Das wird schon gehen.“

Pfeifkonzert. Ein dritter Hieb. Von der Fliege ist nur noch der Fleck übrig. Und ein Flügel. Pulverisiert.

Paul (seine Züge entgleisen zusehends, er sieht sich nach einer zweiten Fliege um): „Der unangekündigte Abholer hat doch aber gerade alles mitgenommen.“

Er (sieht die Klatsche nicht): „Eine Zahnbürste wird wohl noch aufzutreiben sein, Herr Stein.“

Die Zuschauer springen empört auf.

Paul (die Schlagseite der Klatsche vibriert hochfrequent, die Zähne kleben beim Sprechen aneinander): „Können Sie mir versprechen, dass mein Gepäck am Mittwoch vor Ort sein wird?“

Der Chor (laut, in schnellem Tempo): „D-er – Er-fül-lungs-gr-ad – be-trä-gt – 99,9 %.“

Er (als würde er den nächsten Satz auswendig aufsagen): „Sie dürfen davon ausgehen, dass es keine weiteren Verzögerungen geben wird.“

Lautes Geheul aus dem Zuschauerraum übertönt das Klicken in der Leitung.

Paul (starrt in die Leere, die Augen weit aufgerissen): „Wieder aufgelegt!“

Das Rauschen in Pauls Ohren aus den Lautsprechern über der Bühne paart sich mit den lauten Unmutsbezeugungen der Zuschauer. Paul setzt sich an den Schreibtisch und legt seinen Kopf neben den verbliebenen Flügel. Ein neunter Schluck bringt Erleichterung.

Einblendung: 04.07.2018! Gepäckankunftstag. Die Bühne sieht aus wie der Eingangsbereich eines Krankenhauses. Eine digitale Uhr an der Decke zeigt 14.02 Uhr in roten Zahlen. Ein GÖTTERBOTE tritt auf. Marke: Geldeintreiber. Stiernackig, keulenarmig, halstätowiert. Paul steht einen Meter vom Bühnenrand entfernt. Sieht ihn noch nicht. Das Publikum rutscht erwartungsvoll auf den Sitzen hin und her.

Paul (ganz leise, tänzelt leicht): „Meine Koffer kommen…“

Plötzlich sprintet der GÖTTERBOTE an Paul vorbei, streift ihn, umrundet ihn, zeigt ihm den Königsfinger der rechten Hand und ist von der Bühne verschwunden, bevor die Uhr auf 14.03 Uhr umspringt.

Paul (stabilisiert den Bodycheck, ballt die Fäuste, kotzt halb verdauten Ärger auf den Bühnenboden, zuerst noch leiser, dann schreiend): „…nicht! – Jetzt reicht’s aber!“

Ein Rezeptionist tritt auf. Groß und aufrecht kommt er in die Mitte der Bühne und sieht dem davon stürmenden Boten hinterher, als wisse er nur zu gut, was die Stunde geschlagen hat. Sein gefühlvoller Blick wandert zu Paul. Das Publikum ist in seinem Bann. Die Niagara-Fälle rauschen in Pauls Ohren und fallen über die Lautsprecher direkt aufs Publikum.

Der Rezeptionist (legt Paul die Hand auf die Schulter): „Soll ich bei dem Saftladen anrufen?“

Der Chor (bassig, voluminös, in langgezogenem crescendo): „D-er – Er-fül-lungs-gr-ad – be-trä-gt – 99,9 %.“

Paul (das Rauschen nimmt schlagartig ab): „Gerne!“

Das Publikum kann den Rezeptionisten spüren: Dreißig Jahre Berufserfahrung in ihrer vollen Entfaltung; da sind noch einige Rechnungen mit den GÖTTERBOTEN offen. Die Vorfreude unseres groß gewachsenen Retters, mal wieder etwas Dampf abzulassen, springt wie ein Funke von der Bühne. Er nutzt die Warteschleife, als wäre er ein Tiger im Käfig: Auf und ab, bereit zum Sprung. 14.19 Uhr: Die heiße Leitung öffnet ihre Hotline-Pforte und es erwacht ein Kriegsfeuer zum Leben. Mit jedem Wort aus dem Mund des netten Rezeptionisten geraten die Zuschauer völlig außer Rand und Band. Lasergesteuert durchbrechen seine Salven alle Verteidigungslinien der heißen Leitung und er atomisiert jede Erwiderung mit dem Hammer der Vergeltung. Er wirft sich mit Wucht ins Gefecht, lässt keine Erwiderung gelten, treibt die heiße Leitung wie eine humpelnde Antilope vor sich her, spielt mit ihr, setzt Schläge mit seinen gewaltigen Pranken, und das Publikum liegt sich freudentrunken in den Armen. Als er auflegt nehmen wir zur Beruhigung den zehnten und letzten Schluck aus der Pulle.

„Am anderen Ende steht kein Häuschen mehr.“

Pauls Rächer mit dem freundlichen Lächeln und der Statur eines Ringers aus der Schwergewichtsklasse hat alles gesagt, was das Auditorium erwarten durfte. Jubel bricht los.

Der Rezeptionist (gefasst, aber bedrückt): „Die Koffer werden voraussichtlich am Donnerstag geliefert.“

Der Vorhang fällt. Schweigen. Die Beleuchtung der Notausgänge glimmt hämisch und stumm in die Tristesse des Saals. Zwei weitere Tage. Zwei Tage angefüllt mit Telefonaten bestückt mit Vertröstungen, Impertinenzen, Unverschämten, Unverfrorenheit und Bedrängungen der Seele und der Gesundheit. Als sich der Vorhang wieder hebt, und das Licht auf der Bühne erwacht, wirft der 07.07.2018 seine Schatten – auf die Gemüter der Anwesenden. Paul sitzt abermals auf seinen Koffern. Einer der beiden erscheint böswillig ramponiert. Das Bühnenbild erinnert an ein Mönchszimmer: Bett, Tisch, Stuhl. Paul erhebt sich. Er wirkt bedrückt, geht gebeugt langsam an den Rand der Bühne, den Blick ins Leere, in die Tiefe des Theaters gerichtet.

Paul (kein Rauschen ist in seinen Ohren, das Publikum hat die Hände fest um die Lehnen geschlossen, er spricht mehr zu sich selbst): „Das Zusammenleben von Menschen – unter einem Dach, in einer Stadt, in einem Land oder im ganzen Erdkreis – braucht eine gewisse Ordnung.“ Pause. „Ein paar Regeln, ein wenig Kontrolle und natürlich die Einsicht aller.“ Paul lässt die Fingerspitze seines Zeigefingers über das Publikum wandern. „Die Einsicht in ein Wechselspiel. In das Wechselspiel von ein bisschen Demokratie mit einem bisschen Staatsmacht, ein bisschen Volksmacht mit einem bisschen Regelwerk, ein bisschen Freiheit mit einem bisschen Überwachung. Wie viel von jedem Bisschen gewünscht oder gar nötig ist, ist eine Frage des Geschmacks oder der politischen Überzeugung und ist innigst geknüpft an den heiligen Erfahrungsschatz der eigenen Vergangenheit.“ Paul wendet sich ab, als hätte er das Publikum vergessen. Plötzlich blickt er über die Schulter und hält inne. Dann spricht er schnell, als prasselten die Gedanken aus allen Richtungen auf ihn ein. Er schlägt die Arme im Takt zu seinen Versen. „Ist das Wechselspiel aber aus den Fugen, treffen Bewahrer auf Pioniere, Egomanen auf das Gemeinwohl und die Dummheit frontal auf Vernunft.“ Pause. „Kein Bisschen darf vom blanken Schwert eines einzelnen bedroht werden.“ Er blickt zum Himmel. „Vertrauen wir in unsere Gaben oder wollen wir ein Joch für Jedermann? Nageln wir lieber Gottes Schöpfung ans Kreuz oder erlauben wir uns die Fehler beim Namen zu nennen? Wollen unseren Ruin oder geben wir der Dummheit endlich eine Grenze?“ Er neigt den Kopf, verschränkt die Arme, legt den rechten Daumen auf den Mund. „Wir bauen Häuser, die wir nicht beziehen. Wir führen Kriege, die wir nicht gewinnen. Wir erlassen Gesetze, die wir nicht befolgen. Wir erfinden Gepäcklieferdienste, die uns nichts liefern.“

Der Chor (leise, Kopfstimme, Abgesang): „Wir tun alles für den Kunden.“

Paul: „Dummheit durchflutet uns wie Radioaktivität und sie interessiert sich nicht für Hautfarben, Rassen oder Geschlechter. Und noch weniger für meine Koffer. Dummheit ist überall, ein Grundgesetz – und ein ungeschriebenes dazu.“

An der Bühnenrückwand erstrahlt:

„Schutz und freie Entfaltung der Dummheit sind das oberste Gebot – auch für GÖTTERBOTEN!“

Paul geht zum linken Bühnenrand.

„Geschichten über die Dummheit finden sich überall. – In Hülle und Fülle. – Wer seine Augen nur weit genug aufmacht, erfasst das Paradies der Dummen in seiner ganzen Pracht: Ein Stück Land vor dem Horizont eines jeden einzelnen, in dem Widersinn und Schlichtheit wie Milch und Honig fließen dürfen.“

Er geht zum rechten Bühnenrand.

„Neun Kilometer musste ich noch laufen, bevor ich eine frische Unterhose erstehen konnte. Ich weiß jetzt, wohin ich mir die Fliegenklatsche stecken kann, und GÖTTERBOTEN sind auch nur Menschen. Bis gerade habe ich auf meine Koffer gewartet. Elf Mal habe ich noch telefoniert. Habe mir sagen lassen, dass mich dazu niemand gezwungen habe und dabei aufgeregt hat sich nur einer: Ich!“ Zeigt auf sich selbst. „120 Stunden für 376 Kilometer.“

Paul setzt sich wieder auf die Koffer.

„Dummheit fängt bei zwei Koffern an.“ Breitet die Arme aus. „Ich lade Sie schon jetzt ein, auch im Namen aller Gepäckservicedienste, zum zweiten Teil unserer Tragödie: ‚Die Kofferschänder und deren Formulare‘.“

Paul verneigt sich, das Publikum springt auf, der Vorhang fällt.

Bis zum nächsten Mal
Euer Paul

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