Aus dem Unterholz der Dummheit – Kapitel 11

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
Das Land der aufgehenden Sonne ist eine Reise wert; vielleicht aber auch nicht.

Mit Sicherheit eine Frage von Neigungen, Vorlieben, Vorstellungen und auch Leidenschaften. Wenn Sie gerne mit 4999 anderen Menschen die Straße innerhalb von nur einer Ampelphase zu Fuß überqueren wollen (immerhin auf der belebtesten Kreuzung der Welt), eine lustige Mixtur aus japanischen und chinesischen Schriftzeichen zu schätzen wissen, und gerne nicht wissen, was zum Essen auf den Tisch kommt, erscheint gerade der Tokioter Stadtteil Shibuya als ein angezeigtes Reiseziel. Und genau dort wollen wir uns für die nächsten Minuten tummeln, an der Rezeption eines leidlich mittelklassigen Hotels, das von sich selbst denkt, das beste Haus am völlig überfüllten Platze zu sein.

Paul Stein empfiehlt wärmstens – ja, er rät geradezu nachdrücklich – für diesen Reisebericht zur

  • inneren Ruhe einiger Gesalbter,
  • äußerlichen Unerschrockenheit mehrerer Samurai,
  • verbalen Geschmeidigkeit eines altgriechischen Rhetorikers und
  • versteinerten Fassade eines Hackklotzes gerne mit Perlmuttlackierung.

Es folgt (aus der aktuellsten Neuzeit, die Sie sich nur vorstellen können):
Der erste Reisebericht mit ohne Frühstück

Das Anliegen ist einfach: „Ich möchte bitte auschecken. Meine Zimmernummer ist die 907, und mein Name ist Paul Stein.“

Mein Gegenüber am Tresen ist das Sinnbild eines Ur-Asiaten. Sie erinnern sich – „Aus dem Unterholz der Dummheit, Kapitel 4“:

„Der Ur-Asiate neigt zu

  • schwarzem Haar und Plattnasigkeit,
  • Strichäugigkeit und schwachem Wuchs,
  • Schmalbrüstigkeit und geringfügigem Gesäß sowie
  • flachem Bauch und messbarer Zartfüßigkeit.
    Zu mittelmäßiger Letzt ist der Ur-Asiate signifikant gesichtslahmer,
    verglichen mit der normal gewachsenen Physiognomie eines gesunden
    Mitteleuropäers. Dieser kommt mimisch gesehen – sowohl lächelnd
    als auch griesgrämig – tendenziell dynamischer daher.“

Die junge Ausgabe eines Ur-Asiaten – so viel kann ich auf den ersten Blick erkennen – hat darüber hinaus so viele Haare, dass es für drei asiatische Köpfe reichen möchte. Dieses Gewächs steht in alle Richtungen, und ich verbiete mir strengstens, die Frage an ihn zu richten, was denn sein Friseur von Beruf sei.

Stattdessen lächle ich den zerzausten Wuschelkopf an, als hätte er fürs Auschecken einen Award unterm Tresen versteckt. Wie sich herausstellt, ist meine Lächel-Offensive ein kunstvolles Eigentor, denn der Rezeptionist entblößt in seiner freundlichen Erwiderung sein Gebiss.

„Grundgütiger.“

Um ehrlich zu sein, sehe ich nur die obere Zahnreihe, aber der Anblick lässt meinen Blick schlagartig zu meinen Schuhen wandern.

Ich: „Das Zahnfleisch überdeckt die Schneidezähne fast völlig.“
Ich: „Das obere Lippenbändchen scheint durchzuhängen.“
Ich: „Warum schimmert alles so weißlich?“

Pause!

Ich: „Milchzähne?“
Ich: „Hör auf! Mir kommt’s gleich hoch.“

Ich schlucke den heranstürmenden Ekel hinunter und hebe rittertapfer den Kopf. Er lächelt weiter, als hätte er meine Bestürzung übersehen.

Ich: „Hat er Stress mit seinem Spiegelbild?“
Ich: „Wie meinst du das?“
Ich: „Achtung, er will etwas sagen.“
Ich: „Seine Mähne winkt uns schon entgegen.“

Er (auf japanisch-englisch – hier in direkter Übersetzung): „Könnte ich Ihle Zimmelnummel bekommen?“

Ich (das ist kein guter Beginn): „Wie ich gerade sagte, 907.“

Er (seine Sensoren sind noch nicht auf mich ausgerichtet): „Und Ihl Name, Sil?“

Ich (das ist gar nicht gut): „Paul Stein, wie schon gesagt.“

Er (blickt auf den Rezeptionistenmonitor, die Haarantennen wiegen sich im elektromagnetischen Smog der Foyers): „Ah ja, Hell Stein, lichtig?“

Ich (wir sind miteinander noch keine sieben Sätze alt, und ich reiße mich vorsorglich schon mal zusammen): „Richtig!“

Er (das Zahnfleischdrama leuchtet erneut zu mir herüber): „Und wie kann ich Ihnen helfen, Sil?“

Ich (keine Ahnung, wie lange ich in meiner Haut bleiben kann): „Ich möchte gerne auschecken. Bitte!“

Er (sein Blick steuert wieder den Computer an): „Sie sind viel Nächte bei uns und wollen Molgen ableisen?“

Ich (um mich zu beruhigen, kramt mein Hirn etwas auflockernden Humor hervor, das funktioniert immer prächtig): „Nein, ich bleibe zwei Monate. (Pause) Voraussichtlich.“

Dabei schiebe ich beiläufig meine Nagelhaut des rechten Daumens mit dem linken Daumennagel wieder ins Bett zurück.

Er (räuspert sich, begleitet von einem leisen Stöhnen): „Wie bitte, Sil? Zwei Monate?“

Ich (schaue verschmitzt in seine Richtung, lächle vorsichtshalber nicht, ziehe aber unübersehbar die Lippen in die Breite): „Das war nur ein Scherz. Keine Sorge. Ich reise Morgen ab.“

Er (Zahnfleischalarm, die Übersetzung seines urlautigen „Hai“ erspare ich Ihnen; ein japanischer Zustimmungslaut der besonders uninterpretierbaren Sorte): „Es tut mil leid, abel Sie können elst Molgen flüh auschecken, Sil.“

Ich: „Warum lächeln hier immer alle, auch wenn sie nichts Nettes zu sagen haben?“
Ich: „Unsicherheit?“
Ich: „Steigen wir noch ein bisschen hinterher?“
Ich: „Warum nicht. Mal sehen, was sich ergibt.“

Ich (ziehe die linke Augenbraue hoch, Halbmast): „Warum?“

Jetzt ist die Nagelhaut des linken Daumens an der Reihe.

Er (erst jetzt werde ich gewahr – mit dem zweiten Blick – , dass der Ur-Asiate eine Hornbrille trägt, Marke „Überfangglas“ – sonnengelb): „Wegen des Zimmelschlüssels, Sil.“

Ich (seine wegen des Glases gelblich eingefärbten Lider flackern etwas, ich ziehe die rechte Braue hinterher, Vollmast): „Und?“

Er (schaut auf den Bildschirm, als wäre dort die Antwort zu lesen): „Es tut mil leid, Sil, abel auszuchecken am Volabend, ist bei uns nicht volgesehen.“

Wussten Sie, dass die Schnellzüge Japans eine durchschnittliche Verspätung von sechs Sekunden haben? Sie haben richtig gelesen: sechs Sekunden. In diesem Land läuft alles wie am Schnürchen. Auch ein Schnellzug namens Shinkansen. Eine Fabelzeit.

„Mit den besten Grüßen an die Deutsche Bundesbahn.“

Gut, diese Züge fahren auf einem separaten Schienennetz. Und ja, sie werden dem Vernehmen nach auch vorzüglich gewartet. Aber dass sich offiziell und öffentlich für diese Verspätung von Regierungsseite aus entschuldigt wird, ist schon einen saftigen Zungenschnalzer wert. Wirklich verrückt ist nur, dass die sechs Sekunden vornehmlich von Selbstmördern verschuldet werden. Und was tut man dagegen? Man erlässt kurzerhand ein Gesetz, dass den Hinterbliebenen dieser verlorenen Seelen die Kosten für die Aufräumarbeiten aufbrummt. Sagen wir mal wohlwollend, dass das  aus zentraleuropäischer Sicht auch eine Idee sein könnte; wenn man sonst keine hat.

Ich (stütze mich auf dem Tresen ab): „Was hat denn die Plastikkarte mit meinem Auschecken zu tun?“

Er (seine gelblich schimmernden Lider flackern jetzt merklich): „Volschlift, Sil.“

Ich (drücke mich leicht am Tresen hoch): „Könnten Sie mir bitte noch einmal sagen, wann mein Bus zum Haneda-Airport morgen früh von hier abfährt?“

Er (beflissen): „7.00 Uhl, Sil.“

Ich (eine erste Woge des Unwillens türmt sich in mir auf): „Wann müsste ich denn dann auschecken?“

Er (wie aus der Pistole geschossen): „6.40 Uhl, Sil.“

Ich (schieße aus der Hüfte zurück): „Warum denn so früh?“

Er (diese Frage hört er nicht zum ersten Mal): „Sie müssen um 6.45 Uhl Ihl Gepäck in den Bus velladen.“

Ich (so beiläufig, wie es mir möglich ist, die Nagelbetten der Zeigefinger sind dran): „Ab wann gibt es denn Frühstück in ihrem Hotel?“

Ich: „Aber das weißt du doch.“
Ich: „Ich will sehen, ob er von allein drauf kommt.“

Er (nimmt ein Papier von einem Stapel, fängt an, darin zu lesen, vermutlich um mir zu bedeuten, dass das die Unterhaltung seinerseits dem Ende zugeht): „Ab 6.30 Uhl.“

Der Wuschelkopf wendet sich ab.

Ich: „So leicht kommt der uns aber jetzt nicht davon.“
Ich: „Keine Chance.“

Ich (eine zweite Woge schießt in mich, kräftiger, die Nagelbetten habe ich durch): „Wann müsste ich also nach ihrer Meinung mein Frühstück – immerhin im 21. Stock – beenden, wenn ich pünktlich hier im 5. Stock auschecken möchte?“

Er (faltet das Papier): „Wie bitte, Sil?“

Ich (stütze die Ellbogen ab, lege das Kinn in die Hände, mein Haut fängt am ganzen Körper an zu spannen): „Frühstücken, auschecken, einladen, abfahren. In 30 Minuten. Wie lange soll mein Frühstück denn dauern, mein Lieber?“

Er (zieht den Falz am Papier mit den Fingernägeln nach): „Es gibt Buffet, Sil.“

Ich (meine Haut bekommt kleine Risse): „Wissen sie, dass ich das Frühstück auch noch bezahlen muss? An der Kasse? Am Ausgang?“

Er (er faltet das Papier ein weiteres Mal, zwei Kollegen – links und rechts von uns – haben die Arbeit eingestellt): „Das geht schnell, Sil.“

Ich (mein Innendruck steigt, die Risse weiten sich): „Wissen sie, was das Buffet kostet?“

Er (legt das Papier beiseite, schaut auf seinen Monitor): „Einen Moment, Sil.“

Ich (betont langsam – den Unmut gerade noch im Zaum): „Sie müssen nicht suchen. Ich habe gestern dort gefrühstückt. Es sind 3981 Yen. Umgerechnet ziemlich genau 30 Euro.“

Er (sieht mich an, als hätte er gute Nachrichten aus einem Kriegsgebiet): „Das stimmt, Sil.“

Ich (greife nach seinem gefalteten Papier, beginne einen Papierflieger zu basteln, etwas Ablenkung tut gut, bevor ich aufplatze wie ein zu prall gefüllter Blutbeutel, die Kollegen lauschen angespannt): „Haben sie eingerechnet, dass ich dann auch noch den Aufzug nehmen muss?“

Er (das Kriegsgebiet ist gerade nach Shibuya verlegt worden): „Solly, Sil?“

Ich (noch langsamer als eben, mein Innendruck ist im roten Bereich, der Flieger ist gleich fertig, unsere Zuhörer kommen näher): „Wenn ich also für den Bezahlvorgang für das Frühstück eine Minute kalkuliere, die Aufzugfahrt ebenfalls mit einer Minute veranschlage, die Wegezeiten optimistisch mit zwei Minuten einrechne und wenn ich mich richtig beeile, bleiben mir bestenfalls sechs Minuten. Richtig?“

Er (hat nur noch Augen für meinen Flieger): „Sechs Minuten wofür, Sil?“

Ich (dehne die Worte als wären sie aus feinstem Kautschuk, der letzte Falzvorgang): „Um in den Frühstückraum zu hechten, einen Teller zu schnappen, einen Kaffee zu bestellen, das Buffet zu schlachten, einen Platz zu suchen, das Frühstück zu verschlingen und dabei noch die Aussicht in ihrer Skylounge zu genießen.“

Er (hat sich ein neues Papier gegriffen, knüllt es mehr, als das er es faltet): „Solly?“

Ich (mein Flieger ist fertig, ich biege mich etwas nach hinten und lasse das Kunstwerk fliegen, alle schauen dem Segler hinterher, prächtige Flugbahn, meine Risse in der Haut schließen sich etwas): „Sechs Minuten. Für ziemlich genau 30 Euro.“

Ich: „Lass gut sein.“
Ich: „Meinst du?“

Ich drehe mich auf dem Absatz, um zu gehen, ohne allerdings nicht noch ein paar strafende Blicke in die Runde zu verteilen.

Er (eine Sekunde später): „Wil können auch ein Flühstückspaket fül sie volbeleiten, Sil.“

Ich schnelle zurück an den Tresen.

Ich (mit einem Anflug von Erleichterung, man hat mich gehört): „Ehrlich?“

Er (die Pupillen hinter den Augengläser sprechen eine triumphierende Sprache): „Natüllich. Sie können es beim Auschecken mitnehmen, Sil.“

Ich (das ist doch eine Kriegslist): „Und was soll es kosten?“

Er (mit einem Anflug von zittrigem Zweifel in der Tonlage): „3981 Yen, Sil.“

Und seine Antennen zeigen alle auf mich.

Liebe Grüße
Euer Paul

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