Der erste Reisebericht durch einen Flur – aus der frühen Jugend des Paul Stein

Liebe Leserinnen und Leser,

vorneweg:
„Für den Fall, dass Sie Geburtstage geringschätzen möchten,
lassen Sie sich gesagt sein, dass es dafür keinerlei Not gibt.

Warum?

Die enthemmte Antwort:

Geburtstage haben am richtigen Tag das richtige Zeug dazu!

Wozu?

Beschenkt zu werden. Behütet zu sein. Umsorgt zu werden. Beschützt zu sein.
Das Geburtstagskind darf heute – man höre und staune – hie und da eine Grenze überschreiten. Nachlässiger, saumseliger sein als sonst. Dabei auf sich selbst bedacht. Ein Geburtstag hat das Zeug zu einem unziemlichen Tag – ohne die Gefahr eines Tadels. Vergessen wir das nicht.

Um gerade den Beginn eines solchen Geburtstags im Leben des Paul Stein bündig zwischen neugierig und voyeuristisch miterleben zu können, wären für den folgenden Leseschmaus (je nach emotionaler Orientierung mit dezent impertinenter Häme oder offen empfundener Anteilnahme – oder von beidem ein bisschen)
• vier bis fünf Liter Zielwasser,
• eine kleinere Dosis Doppelherz,
• ein Fünkchen Lust am frühen Aufstehen,
• etwas intrinsisch motivierte Fußballer-Empathie und
• die eher männliche Kunst, einen Ball mittig und vollspannig treten zu können
Ausrüstungsgegenstände vortrefflicher Qualität.

Es folgt nun aus einer Zeit, die heute schon graue Vorzeit ist:

Der erste Reisebericht durch einen Flur – aus der frühen Jugend des Paul Stein

Personen mit dem Geburtsdatum 06.02.1966 werden heute 11 Jahre alt. Wir schreiben also den 6. Februar 1977. Ein Sonntag.

„Wie schön!“

In den deutschen Single-Charts steht „Living Next Door to Alice” auf Platz 1. Smokie.

Ich: „Ich muss aus diesem Bett.“
Ich: „Ob ich die neuen Kickstiefel bekomme?“
Ich: „Glaub ich nicht.“
Ich: „Warum nicht?“
Ich: „Zu teuer!“
Ich: „Echt?“
Ich: „Weißt Du nicht mehr, was gestern am Esstisch über Geld geflüstert wurde?“
Ich: „Ich erinner mich!“
Ich: „Na also!“
Ich: „Und was gibt’s stattdessen?“
Ich: „Keine Ahnung!“

Die Stille um mich wirkt wie ein heißer Unruheherd.

„Langsam muss was passieren. Das ist ja zum Verrücktwerden.“

Das Wälzen im Bett macht mich mürbe. Immerhin habe ich heute Geburtstag und ich will, dass endlich alle aufstehen. Geschenke, Frühstück. Spielen.

„Heute kein Ministrantendienst und heute Nachmittag kommen Freunde zu Besuch.“

Der Sprung aus dem Bett wirkt wie eine Befreiung. Das einzig Störende: mein Schlafanzug! Er klebt an mir wie die Karnevalsverkleidung eines holländischen Nationalspielers. Ein eindrucksvolles Verlierer-Kostüm. Drei Nummern zu klein. Hochwasserhose. Das Oberteil wie eine zweite Haut. Orange. Früher mal grell, heute verwaschen. Frottee. Tragekomfort ist für dieses Kleidungsstück ein Fremdwort. Blechern. Steif. Seine Bedruckung sieht aus wie ein Ganzkörper-Ekzem, zumindest aus einiger Entfernung. Ich laufe rum wie eine offene Schrunde.

„Horrorstunde mit Paul.“

Ich: „Du darfst nicht undankbar sein. Andere Kinder haben gar keinen Schlafanzug.“
Ich: „Na und?“

Ich: „Das hat man Dir oft genug gesagt.“
Ich: „Deswegen wird das Fümmelchen auch nicht besser.“
Ich: „Das weiß ich!“
Ich: „Ist Dir schon mal aufgefallen, dass ich aussehe wie die Tapete?“
Ich: „Stell Dich nicht so an!“‚
Ich: „Wenn ich mich davor stelle, kann ich mit mir selbst Versteckspielen.“
Ich: „Ich weiß!“
Ich: „Das Ding kratzt überall.“
Ich: „Heulsuse!“
Ich: „Und das soll in Mode sein?“
Ich: „Der Junge in der Ariel-Werbung neben Klementine hat das gleiche Ding an!“
Ich: „Der sieht auch kacke aus!“

Beim Schlafen verstecke ich das schauderhafte Stück so weit unter der Bettdecke, dass selbst der liebe Gott es nicht sehen kann! Jetzt aber stehe ich als vergilbter Terrorakt auf das Augenlicht der Menschheit mitten in meinem Zimmer. Eine Linsengranate. Eine abscheuliche Modeschönheit der Siebziger.

Anmerkung des Autors: Nach den Maßstäben der Zukunft gemessen, wäre es Kindesmisshandlung! Wird nicht unter 5 Jahren Freiheitsentzug geahndet.

Mein Blick streift meinen blauen Weichgummiball.

„Na gut: vielleicht mittelweich.“

Handballgröße. Ditscht hervorragend. Mein lieb gewordener Freund endloser Stunden gedankenverlorenen Spiels im heimischen Flur.

Ich: „Brillante Idee! Das machen wir jetzt!“
Ich: „Es ist noch nicht einmal acht!“
Ich: „Na und?“
Ich: „Es ist Sonntag!“
Ich: „Weiß ich!“
Ich: „Alles schläft!“
Ich: „Angsthase!“
Ich: „Du wirst schon sehen, was Du davon hast!“
Ich: „Jetzt komm schon!“

Ich rolle die Körpertapete ab. Zum Abstreifen ist der Fetzen zu eng; schlüpfe in meine blaue Sporthose mit drei weißen Streifen, in ein gräuliches Doppelripp-Unterhemd mit Trägern und in die Turnschuhe meines Vertrauens. Alle Jungs in der Schule tragen dieselben schwarzen Dinger. Mit einem Tier auf der Seite. Modediktatur. Ausgelatscht.

„Die Treffsicherheit ist aber klasse!“  

Ich: „Das könnte Ärger geben!“
Ich: „Wir spielen ganz leise!“

Ich betrete den Flur. Geräuschlos. Das Zentrum meiner Gedankenlosigkeit, der Mittelpunkt meiner geistigen Abwesenheit. Mein Zimmer und meine Zweifel lasse ich hinter mir. Mein Spielplatz liegt vor mir! Es winterdämmert. Fahles Licht. Eine Spielatmosphäre wie sie mir liegt, wie ich sie liebe, wo mir niemand etwas vormacht. Ich spüre, wie mir die Lust in die Beine kriecht, die Lust, ein paar Bälle zu treten, die Lust, den Holländern mal wieder so richtig einen einzuschenken. Die Lust an meiner eigenen Ausgelassenheit, des Sich-Laufen-Lassens“, des Sich-Selbst-Vergessens“.

„Weg mit der Schule, weg mit den Pflichten, weg mit dem Muss, weg mit allem, was mir lästig ist.“

Es dauert keine fünf Sekunden, bis ich mir selbst in meiner Urform in diesem Flur begegne. Ich komme zu meinem Innersten. Zu meinem Kindskern. Niemand fragt, was ich hier tue. Niemand will mir etwas. Ich bin ganz ich selbst.

Sechs Meter fünfzig längs, einen Meter fünfzig breit, gut drei Meter hoch. Altbau.

• Ganz hinten links – die Badezimmertür,
• links davor – die große Garderobe (massiv, Mahagoni, abscheulich),
• dann – die Küchentür,
• zwei Meter weiter zum hierseitigen Ende des Flurs (in 45 Grad zur Flurmitte geschnitten) – die ewig geheime Schlafzimmertür der Eltern,
• gleich im Anschluss (im 90-Grad-Winkel zur Schlafzimmertür) – die Wohnzimmertür, von der Flurmitte zur rechten Wand geschnitten (zusammen 180 Grad, Geometrie der fünften Klasse),
• rechts (gegenüber der Küchentür) – die Tür zu meinem Zimmer,
• dann etwas weiter vorn (gegenüber der riesenhaften Garderobe) – der Besenschrank (in der Wand eingelassen) und
• zum guten Schluss – die einbruchsichere Ausgangstür.

„Nicht zu verwechseln mit einer ausbruchsicheren Eingangstür. Ein Rätsel meiner Jugend.“

Fragen Sie nicht!

Der Flur, mein blauer Weichgummiball, der gar nicht so weich ist, und ich. Ein perfektes Trio. Auf diesen 10 Quadratmetern ist mein Stadion. Hier kann ich nicht an mich halten. Meine Phantasie liefert alles, was ein gutes Spiel braucht: Spielorte, die Spielregeln des Tages, die Mannschaften, die Spieler. Alles.

Tausend Fußballameisen krabbeln in meine Schuhe.

„Es juckt!“

Dieses Jucken, mein Geburtstag und dieses Licht; da kann die Vernunft schon mal im Kinderzimmer bleiben. Ich denke nicht mehr. Der Ball, der Flur und ich gleiten in die feierliche Stimmung eines römisch-katholischen Hochamts. Ich stelle mich auf. Wie immer: in den Winkel zwischen Schlaf- und Wohnzimmertür. Der Flur öffnet seine eindrucksvolle Tiefe vor mir. Ich atme ein. Ruhig. Der Ball rollt wie von selbst in die richtige Position. Deutschland gegen Holland. Heute wieder die Revanche für 74. Beckenbauer und Cruyff in einer Neuauflage. Anpfiff. Ich stoße an. Behutsam.

„Wir wollen niemanden wecken! Leise!“

Der Ball rollt. Um aber mit diesem Ball gut sechs Meter durch den Flur zu kommen (und auch wieder zurück!), braucht es schon etwas Bums! Ein Schüsslein verhungert mir unterwegs. Und wir brauchen Schüsse mit Präzision. Bandentreffer oder Gurken führen zur Disqualifikation einzelner Spieler. Rote Karte. Ich komme in Fahrt, halte den Ball kraftvoll im Spiel.

„Leise!“

Da, ein Geräusch!

„Habe ich etwas aus dem Zimmer hinter mir gehört?“

Ich lausche. Totenstille. Nichts rührt sich.

„Weitermachen, aber leise!“

Jetzt tritt Johan Neeskens wie damals wieder zum Elfer an. Zweite Minute. Er konzentriert sich! Schuss! Gut getroffen. Der Ball fliegt, prallt, kommt zurück! Maier hat ihn gehalten! Jetzt kommt Breitner. Auch wie damals. Nur früher. Er misst die Distanz und hat Jongbloed, den holländischen Keeper, fest im Blick. Schuss! Der Ball fliegt, prallt, kommt zurück. Jongbloed hält auch. 0:0!

„Wie kann man nur so heißen? So heißen Verlierer!“

Ich liebe es, bin im Tunnel, schalte meine Umwelt tonlos, bin besessen von diesem Spiel. Schießen, fliegen, prallen, zurückkommen.

Der aufmerksame Leser unter Ihnen hat sich sicher schon gefragt:
Hat dieser Flur denn keine Fenster? Doch! Genau vor Kopf. Gegenüber der Türen von Schlaf- und Wohnzimmer. Sechs Meter von mir entfernt. Die aufgehende Wintersonne durchflutet milchig mein Stadion. Das Fenster ist auf der Höhe von einem Meter zwanzig. Circa. Bis unter die Decke. Unter dem Fenster befindet sich die wohl prallfreundlichste Fußballwand auf Gottes Erdboden. Mein Weichgummiball, der mir heute ein besonders knackiges Schussgefühl gibt, mein schwarzer Turnschuh mit dem Tier auf der Seite und die Wand unter dem Fenster sind Freunde fürs Leben geworden. Wir sind wie füreinander gemacht! Ich trete den Ball für alle Stars der WM 74.

„Hier gibt es nichts außer schießen, fliegen, prallen und zurückkommen!“

Niemand weiß, was ein vernunftbegabtes, elfjähriges Wesen dazu treibt, derartigen Schindluder mit einem Sonntagmorgen zu treiben. Niemand kann die Freude beschreiben, die dieser elfjährige Junge dabei empfindet, stundenlang in seinem Stadion allein zu stehen. Und niemand weiß, was in den Untiefen einer Jungenseele vor sich geht, wenn er seine Lebenszeit geistesabwesend durch den Flur schießt.

Kunstvoll, zuweilen ungestüm, in unzähligen Wettbewerben, in denen die holländische und die deutsche Nationalmannschaft das Finale von 74 wieder und wieder nachspielen.

Niemand kennt die Triebfedern dieses Schießens, Fliegens, Prallens und Zurückkommens. Links annehmen, auf rechts ablegen, Innenrist. Links annehmen, dribbeln, Außenrist. Gekonnt rechts den Ball mit der Fußspitze aufnehmen, jonglieren!

„Jongbloed. Das ich nicht lache!“

Wieder ablegen. Virtuos abschließen. Mal mit links, mal mit rechts. Wieder, wieder und wieder. Alle Aufmerksamkeit ruht auf dem Ball, alle Kraft in den Beinen, alle Konzentration auf dem nächsten Schuss.

So auch am Morgen dieses Geburtstags.

Der Ball kommt halbhoch. Er tippt einmal vor mir auf. Perfekt. Müller dreht sich intuitiv etwas nach links. Blitzschnell. Rechtsfüßler. Er verlagert seinen Schwerpunkt auf das linke Bein. Reißt die linke Hand gen Himmel. Ausgleichsgewicht. Kurzer Blick Richtung Ziel. Jongbloed tänzelt. Der Ball ist fast da. Kleines, dickes Müller beugt das linke Knie in der Bewegung nach vorn. Das rechte Bein hat freie Bahn! Es schnellt nach vorn. Der Ball ist da. Geniale Höhe. Volley.

„Ich spüre, dass hier ein Jahrhundertschuss wartet.“

Müller zieht ab! Satt!

„Ich höre, wie mein Spann den gar nicht so weichen Weichgummiball mit dem Vollspann mittig trifft.“

Müller schaut dem Ball hinterher.

„Was für ein Gefühl!“

Der Ball beschleunigt. 60 Sachen! Minimum! Die Profis haben natürlich einen gröberen Hammer, aber für einen Elfjährigen ist das gar nicht so übel. Mein Weichgummiball zischt ab wie eine Rakete. Wie an der Schnur gezogen.

„Ist er zu hoch?“

Meine Augen weiten sich.

„Scheiße! Er ist zu hoch!“

Auf die Entfernung reichen ein oder zwei Grad Abweichung! Der Flugstrich des Balles hat direkten Kurs auf das Fenster genommen. Bei diesem Tempo fliegt der Ball keine Kurve. Er überwindet die Schwerkraft, als wäre sie nicht da. Der Schuss ist einfach jenseits und so hat er sich auch angefühlt. Voll getroffen.

„Der Fensterrahmen wird mich nicht retten.“

Müller und ich sehen das Unglück kommen: Der Ball geht durch das Doppelglasfenster wie ein warmes Messer durch die Butter. Was für ein Schuss!

„Scheiße!“

Ich höre das Klirren, bevor mein Hirn begreift, was es bedeutet. Geistige Zeitlupe. Alles gedämpft und verzögert. Als hätte ich Watte in den Ohren! Ich bin wie versteinert. Die letzte Sekunde des Friedens.

„Was für ein Schuss?“

Unglaublich!

„Hinter mir erwacht der Unfrieden!“

Geräusche aus dem Schlafzimmer. Schritte. Schnelle Schritte.

„Hau ab!“

Zu spät. Ich kann nicht mehr zurück in mein Zimmer. Die Schlafzimmertür fliegt auf! Ich drehe mich um die eigene Achse. Hintermann. Eine Gestalt schießt aus dem Türrahmen auf mich zu. Sie reißt die rechte Hand nach oben. Ausgleichsgewicht! Scheint ein Linksfüßler zu sein.

„Ein grobes Foul steht mir bevor!“

Es ist zu spät, sich zu ducken. Ich kann mich nicht bewegen!

„Das gibt Rot!“

Eine Frauenstimme ertönt (laut): Der Junge hat heute Geburtstag!“

Die Gestalt vor mir friert in der flüssigen Ausholbewegung ein. Der Angriff wird zur Skulptur. Schockgefrostet. Bedrohlich. Riesig. Aber erstarrt. Die Verzögerungskräfte müssen enorm sein. Ich höre die Gelenke knacken.

„Hast Du ein Schwein!“

Die Skulptur öffnet den Mund (die Zähne bleiben geschlossen, zischt):
Herzlichen Glückwunsch!“

Ich sage nichts. Kann nicht!

„Der Ball ist futsch! Den finde ich nie wieder!“

Wir wohnen hoch. Oberste Etage.

„Nicht zu fassen!“

Es ist Sonntag. Ein Glaserei-Notdienst kostet mehr als zwei Paar Kickstiefel.

„So ein Mist!“

Es ist der 6. Februar. Es ist kalt. Tesa kommt aufs Loch in der Scheibe. Innen und außen. Um 10.30 Uhr bin ich doch in der Kirche. Abbitte leisten.

Ich (leise, kniend): Lieber Gott, mach bitte, dass ich bald einen neuen Ball bekomme!“

Der Chor und die Gemeinde singen etwas wie „Playing Next Door to Parents!“

Euer Paul

Werbeanzeigen